Verwandtschaft kann man sich nicht aussuchen

Dieser lapidare Satz kam mir in den Sinn, als ich zwischen 2004 und 2006 damit begann, meine 1997 unterbrochenen Recherchen über meine Familie und deren Geschichte wieder aufzunehmen. Bis 1997 hatte ich herausgefunden, dass meine väterlichen Vorfahren zwar um die 200 Jahre lang im äußersten Osten Ostpreußens gelebt hatten, sie jedoch ursprünglich weiter nordöstlich zu Hause gewesen waren, nämlich in Südwest-Litauen. Diesen, für mich überraschenden, neuen Sachverhalt nahm ich zum Anlass, meinen Vater zu kontaktieren.

Meine Eltern hatten sich wenige Jahre nach meiner Geburt scheiden lassen, so dass ich meinen Vater, eher er mich, aus den Augen verlor. Als junger Erwachsener hatte ich mit 22 persönlichen Kontakt zu ihm, allein wir waren uns trotz unseres nahen Verwandtschaftsgrads so fremd, dass es 30 Jahre dauerte, bevor ich ihn ein zweites Mal  persönlich traf.

Obwohl ich meine väterliche Familie, bedingt durch die geschilderten Umstände praktisch überhaupt nicht kenne, meinen Vater nur zwei Mal persönlich traf, bin ich genetisch betrachtet, dennoch zur Hälfte ein Tunnat, weshalb, schon aus genetischen Gründen Informationen über diesen Teil meiner Familie ebenso interessiert für mich sind, wie jene, mir durch meinen Großvater vermittelten Informationen zu meinen mütterlichen Vorfahren.

© Robert Knoll by Fotoatelier Tschira – Baden Baden 1965

Da sich meine Mutter ein paar Jahre nach der Scheidung ein zweites Mal verheiratete, erhielt ich dadurch zwangsläufig einen neuen „Vater“ in Form Robert Knolls,  eines Unternehmers und Firmenerben. Da dieser aus Stuttgart stammte, bedeutete die neue Ehe meiner Mutter für mich den Abschied von meinen Großeltern, zahlreichen Verwandten in und um Göttingen, all meinen Freunden und Freundinnen, sowie dem Ort meiner Geburt und Kindheit.

Die neue, mir fremde Familie Knoll stellte mich zunächst ebenso vor enorme Anpassungsprobleme, wie die ungewohnte, permanente  Anwesenheit eines „Ersatz“-Vaters, den ich mir absolut nicht gewünscht hatte. Das andersartige Umfeld, eine mir fremde, unangenehme Mundart (das Schwäbische), neue Lehrer und Schule, fehlende Freunde und soziale Bindungen, sowie das nicht Vorhandensein der geliebten Großeltern, machten mir meinen Beginn in Stuttgart nicht eben einfach.

Gottlob reagiert man als Kind überaus flexibel, ist biegsam und fähig, sich in diametral andere Situationen einzufügen und einzuleben. Die Gewöhnungs- und Anpassungsphase dauerte dennoch gut zwei Jahre, bevor sich meine Traurigkeit über das verlorene Paradies meiner Kindheit, in Freude über die vielfältigen Chancen und Möglichkeiten des neuen Umfelds, wie die Gewöhnung an die neue Familie, wich.

War es im großelterlichen Umfeld überaus natürlich zugegangen, hatte der familiäre Umgang wie Zusammenhalt im Mittelpunkt gestanden, war dies innerhalb der neuen, angeheirateten Familie völlig anders. Hier herrschte große Förmlichkeit sowie eine nahezu unerbittliche Etikette vor, wie man sie als Normalsterblicher eigentlich nur in Königshäusern oder hochadligen Familien erwarten würde.

© by Frederik D. Tunnat

Während sich die großmütterliche Familie nahezu jedes Wochenende zwanglos traf – wer Lust und Zeit hatte, kam einfach, ohne Einladung oder Anmeldung – war es in der Familie Knoll verpönt, die Verwandten oder nahen Freunde zu „überfallen“. Traf man nicht angesichts der großen Familienfeierlichkeiten – in der Regel Trauerfeiern zu Ehren eines Verstorbenen, eines Geburtstags- oder Hochzeits- wie Firmen-Jubiläums – zusammen, so hatte man sich vorab anzumelden, oder, was eher die Regel war, brav abzuwarten, bis den lieben Verwandten der Sinn nach einem stand, und eine offizielle Einladung zum Fünf-Uhr-Tee oder einem zu feiernden Ereignis ins Haus flatterte.

Tatsächlich bedurfte es – anders als im provinziellen Göttingen – im Stuttgarter Ambiente weit weniger familiärer Besuche im Privaten, da man sich häufig anlässlich von Theater-, Oper- oder Ballett-Aufführungen, bei Vernissagen, zu Vorträgen, im Club (Rotary), bei jährlichen Events, wie den Schwetzinger Festspielen, der Marbacher Hengstparade, zu Buchlesungen, Bibliotheksabenden etc. ohnehin begegnete. Nimmt man hinzu, dass man anlässlich von Atelier-Besuchen bei Künstlern oder Einladungen im Freundes- und Bekanntenkreis, sowie anlässlich Einladungen von Firmen bzw. deren Inhabern oder Managern stets auf einen nicht unbeträchtlichen Teil der eigenen Familie stieß, erklärt sich, dass das Bedürfnis, die ohnehin knapp bemessene Zeit innerhalb der Kernfamilie unter sich zu verbringen, weit verbreitet war. Hinzu kam, dass man sich vielfach auch im Urlaub begegnete, so im Sommer auf Sylt, im Frühjahr oder Herbst in Paris, im Winter in Österreich oder der Schweiz; zudem auf den jährlichen nationalen wie internationalen Messen in Köln, Mailand etc.. Da sich die geschäftlichen Aktivitäten des Hauses Knoll und seiner nahen Verwandtschaft im Kern auf die zwei Branchen Möbel und Textilien beschränkten, waren es in der Regel gemeinsame Besuche besagter Messen, bei deren Besuch sich das Geschäftliche mit dem familiär Privatem mischte.

Natürlich umfasste das familiäre Umfeld in Stuttgart auch den künstlerischen Aspekt, sei es, dass, was die Regel war, ein „brotloser“ Künstler über ein kunstinteressiertes weibliches Familienmitglied einheiratete, oder ein verarmtes Adelshaus sich über das familiäre Vermögen etwas sanierte, indem ein schneidiger Prinz oder doch mindestens Graf oder Baron ein millionenschweres weibliches Familienmitglied ehelichte. Es kam jedoch auch vor, dass es ausschließlich Liebe und nicht nur das vertrackte Geld war, dass künstlerische Naturen von außen in die Familie führte.

Einer meiner Lieblings-Verwandten war ein angeheirateter ehemaliger Schauspieler und Dramaturg, der eines der namhaften deutschen Theater leitete, und sich als Regisseur einen Namen gemacht hatte. Zu der Zeit, als wir uns kennenlernten, lehrte er zudem an einer Schauspielschule und ein, zwei Hochschulen, wo er künftige Schauspieler und Dramaturgen wie Regisseure ausbildete. Er und seine Frau, eine Cousine meines (Stief)Vaters, hatten sich im Rahmen der Theosophischen Gesellschaft kennen gelernt; beide hatten die Waldorfschule, nicht Salem besucht, waren ausgesprochene Anthroposophen, lebten vegan und stellten in Folge ihres Lebenswandels wie ihrer exzentrischen Kleidung eines der Paradiesvogel-Paare innerhalb der Familie dar. Da er überaus belesen war, machte es ihm diebische Freude, meine soeben gestartete Leseleidenschaft auf die Probe zu stellen, sowie meine Lektüre durch Empfehlungen in wohlgeordnete Bahnen zu lenken und zu bereichern.

Ein anderer Cousin meines (Stief)Vaters erinnerte an Figuren aus den Buddenbrooks oder Figuren aus Hollywoodfilmen. Er war, wie mein (Stief)Vater, in erster Linie Erbe eines Vermögens und mehrerer Fabriken, deren eine auch in England produzierte. Das war ihm jedoch nicht genug, weshalb er sich Amt und Titel eines Konsuls zugelegt hatte, damit er die entsprechenden CC Schilder an seinen Autos anbringen konnte und in Maßen diplomatische Immunität genoss. Natürlich fuhr er nicht selbst Auto, sondern ließ sich von einem livrierten Chauffeur chauffieren, Dazu bediente er sich der deutschen Alternative zum Rolls Royce, eines Mercedes 600 Pullmann, quasi eine deutsche Stretch-Limousine.

Es war ungemein imposant, Konsul D. in diesem Auto mit Chauffeur vorfahren zu sehen. Das Auto strahlte jenes Maß an Wichtigkeit aus, das seinem Besitzer fehlte. Noch imposanter war das Bild, wenn er sich vor die ererbte Villa, in bevorzugter Lage, oberhalb Stuttgarts, mit unverbautem Blick über den Talkessel, chauffieren ließ. Dann hüpfte sein Chauffeur aus dem Wagen, huschte um das Auto, öffnete Herrn Konsul die Wagentür und geleitete ihn oder dessen Mutter bis zur Haustür, eigentlich eher dem Portal, wo bereits der Butler und die übrige Dienerschaft angetreten waren, um den Herrn des Hauses und ihrer Gehaltsschecks devot willkommen zu heißen.

Der stete Abfluss übergroßer Mengen des Kapitals bekam seinen Firmen überhaupt nicht gut. So kam es wie es kommen musste: als er starb, war der Konsul so was von pleite, dass mein (Stief)Vater die Firmen seines Cousins für einen Schnäppchenpreis kaufte, um sie mit der seinen zu vereinigen.

Obwohl erben an sich eine angenehme Sache sein kann für die Erben, scheint es auch so etwas wie ein Naturgesetz für Erben zu geben. Thomas Mann hat das, bezogen auf seine Familie in den Buddenbrooks abgehandelt. Am Ende blieb vom ererbten Erbe der stolzen Vorfahren nur der Zwang zur Liquidation, was eine poetische Umschreibung für den unvermeidlichen Bankrott darstellt.

Wenngleich es meinem (Stief)Vater erspart blieb, seinem Cousin, dem Konsul folgend, die ererbten Firmen in den Bankrott zu steuern, waren mein (Stief)Bruder und ein (Stief)Onkel nach seinem Tod nicht in der Lage, die ererbte Firma erfolgreich am Laufen zu halten. Sie zogen die Notbremse und verhökerten das bereits massiv verschuldete Unternehmen an einen Konkurrenten – der in der Lage war, die Firma erneut zu Glanz und Ruhm zu bringen, und sie wieder zu dem zu machen, was sie ursprünglich war: namhaft und profitabel.

Wenn ich mich aus der heutigen Warte des 21. Jahrhunderts umschaue, so ist festzustellen, dass alles, was im 19. Jahrhundert von zwei begnadeten Unternehmer-Persönlichkeiten (Robert VollmöllerWilhelm Knoll) aufgebaut wurde, inzwischen verkauft oder liquidiert werden musste, kurzum, sich der im Lauf von 100 Jahren angehäufte Reichtum mehr oder weniger in Luft aufgelöst hat. Der Familie meines (Stief)Vaters und seiner ebenfalls unternehmerischen Verwandtschaft gehört aktuell keine einzige Firma. Auch der sonstige angehäufte Reichtum in Form von Immobilien, Kunst-Sammlung, wie sonstiger Vermögenswerte wurde pulverisiert. Geblieben sind meinen (Stief)Geschwistern kümmerliche Reste des einstigen Vermögens, je ein Haus, ein wenig Kunst, etwas Spielgeld.

Ja, man kann sich seine Verwandten wirklich nicht aussuchen, selbst die angeheirateten nicht.

Meine „Ursprungsfamilie“, die mütterlichen Verwandten, haben, wie ich selbst, einen anderen Weg eingeschlagen, als die (Stief)Väterliche. Wir alle sind „Self-made-men“, sprich bauten auf, statt zu erben. Dabei herausgekommen sind vier Firmen in Händen meiner Verwandten. Jeder Familienteil   besitzt ein oder mehrere Häuser – außer mir. Zwar besaß auch ich ein Haus, doch das kam im Zusammenhang mit meiner Scheidung „unter die Räder“. Dennoch empfinde ich mich im Kreis meiner Immobilien besitzenden Cousins, Onkel und Tanten keineswegs als Versager. Nie verspürte ich den Hang, Besitz und Geld anzuhäufen. Mir ging es stattdessen um „symbolisches Kapital“. “Symbolisches Kapital ist die Macht, Dinge mit Wörtern zu schaffen”, meint der französische Soziologe und Philosoph Bourdieu. Symbolisches Kapital stelle die Macht dar, Anerkennung ohne Besitz oder finanzielle Ressourcen zu erwerben, zu behalten und innerhalb der Gesellschaft durchsetzen zu können. Voila, so ist es.

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