Geschichte

Die edlen Herren von Rosdorf und ihre Seitenzweige“ nennt sich ein kleines Buch, in dem ich mehrere Aufsätze zur Geschichte dieser adligen Familie 2014 veröffentlicht habe. Vier Autoren, außer mir, haben sich zuvor über die Geschichte dieser überaus interessanten Familie ausgelassen:

  1. Karl Heinrich Lang: Die Geschichte der Familie Hardenberg, 1797
  2. Johann Wolf: Das Geschlecht der edlen Herren von Rosdorf, 1812
  3. K.H. Bernotat: Die Herren von Rosdorf, 1952, Beiträge zur Heimatkunde Südniedersachsens
  4. Steinmetz: Die Herren von Rosdorf, 1982, Göttinger Jahrbuch

Bereits der Titel meines Buches weist auf einen Unterschied zu den Autoren 2 bis 4: die haben ausschließlich die Herren von Rosdorf im Blickwinkel, nicht deren Seitenzweige. Lang, dessen Buch sich vordergründig nur mit der Familie von Hardenberg befasst, schrieb als erster über die familiären Zusammenhänge der Hardenberger und Rosdorfer sowie der von Bovenden.

Im Zuge der angeblichen oder tatsächlichen Verwissenschaftlichung der Geschichtswissenschaften, fand eine Art Bereinigung historischer Quellen und alter Fachliteratur statt. Die sog. Urkunden- oder Quellenbasiertheit der Geschichtswissenschaft führte dazu, dass man Autoren, deren Quellen man nicht verifizieren konnte, da sie mittlerweile zerstört oder verschollen sind, als weniger seriös wertet, als jene, die sich auf noch vorliegende bzw. überlieferte Quellen berufen.

Obwohl Johann Wolf seine Darstellung streng urkundenbasiert abhandelt, folgt man seinen Ausführungen in einem Punkt nicht länger: während Wolf wie sein Titel ausweist, den Herren von Rosdorf das Prädikat edel oder Edelherren zugesteht, tun dies die beiden jüngeren Regionalhistoriker, Bernotat und Steinmetz nicht. Bereits im 18., endgültig aber im 19. Jahrhundert, entbrannte zwischen Historikern ein wissenschaftlicher Streit über die Bedeutung der in den Urkunden verwendeten Titel. Ohne zu sehr in die Details zu gehen, scheiden sich die Geister daran, welche Urkunden als Beleg für darin verwendet Titel gelten können, und welche nicht.

Das hängt mit der Entwicklung und Zusammensetzung des Adels im Lauf des Mittelalters zusammen. Waren zu Beginn die Verhältnisse relativ klar: es gab echte Freie, sogenannte Edle, später Edelherren-Barone, und einfache Freie, außerdem Grafen und Herzöge sowie den König später Kaiser. Aus dem Fundus der Edelleute zogen die Könige und Kaiser ihren Dienstadel heran. Die Ämter der Grafen und Herzöge wurden im Lauf der Zeit erblich, so dass ein erblicher, hoher Adel entstand. Die echten Edlen bzw. Edelherren verfügten über Eigenbesitz, Allode, die sie unabhängig machten, und nach denen sie sich ab Beginn des 12. Jahrhundert zu nennen begannen.

Da sich zahlreiche Grafen und nahezu sämtliche Herzöge im Lauf der Zeit selbständig machten und vom König/Kaiser emanzipierten, Grundlage dafür waren mehr oder weniger große Ländereien, zudem die geistlichen Fürsten (Bischöfe, Erzbischöfe) sich weltliche Güter und Macht aneigneten, entstand die Situation, dass sie ihrerseits Dienstleute, Vasallen benötigten, wie zuvor nur Könige, Kaiser und Herzöge. Damit entstand eine besondere Form des Adels, der Dienstadel oder auch Ministeriale genannt. Zu solchen konnten zunehmend auch nichtadlige und Bürger aufsteigen, weshalb sich der alte, echte Adel davon absetzen wollte. Dies geschah durch die in Urkunden verwendeten Titel. Doch auch bei den Titel setzte eine Inflation ein. Nachdem Nichtadlige zu Rang und Namen gekommen waren, beanspruchten sie wie die Altadligen deren Titel. Um Beginn des 14. Jahrhunderts setzte die Titelinflation ein, indem sich auch niederer und junger Adel als Edel= Nobilis titulieren ließ.

Hierum nun tobte und geht der Streit: bei welchem Adligen und welcher Familie beruht der Gebrauch des Titels Edler auf altem Geburtsrecht, bei wem ist er angemaßt?

Darüber haben sich Generationen von Historikern in die wissenschaftliche Wolle gekriegt. So beginnt für einige bereits um 1250 die „illegale“ Verwendung bzw. Anmaßung von Titeln; für Andere erst um 1300. Inmitten dieser unseligen Diskussion, die sich ein einziges Merkmal von mehreren herausgepickt hat, um Menschen des Mittelalters samt ihren Familien nachträglich zu kategorisieren, steckt auch die Familie von Rosdorf. Während es für sämtliche spätmittelalterlichen bis frühneuzeitlichen sog. oder tatsächlichen Historiker klar war, dass die Herren von Rosdorf zu den Edlen im Lande, zum deutschen Uradel zählten, begann eine Generation vor Wolf eine hitzige Schlacht um die Deutungshoheit. Obwohl nur eine begrenzte Anzahl Urkunden das Mittelalter überlebt hatte, viele davon mehrmals bearbeitet, abgeschrieben, absichtlich und unabsichtlich verändert, wird um diese wenigen erhaltenen Urkundenbestände seit gut 200 Jahren eine erbitterte Schlacht geführt. Die jeweilige Deutungshoheit gewinnt mal die eine, mal die andere Richtung, je nachdem wann neue Thesen mit immer denselben alten Urkunden entwickelt werden, und sich entweder in Fachkreisen durchsetzen, oder auch nicht.

Die Interpretation in Bezug auf die edlen Herren von Rosdorf geht so: Wolf lehnte 1812 die Urkunden und Begründung des Historikers Scheid zwar wortreich ab, zog jedoch aus dem Konvolut an Urkunden andere heran, aus denen er eine neue, wacklige Theorie formulierte, die dann auch tatsächlich von jüngeren Historikern im 20. Jahrhundert zu Fall gebracht wurde, so dass sowohl Bernotat als auch Steinmetz behaupten, es gäbe keinerlei Beweise dafür, dass die Herren von Rosdorf dem hohen Adel angehört hätten. Diejenigen Urkunden, die das Gegenteil belegen, werden unter dem Stichpunkt Titelanmaßung verbucht und der Familie somit ihr Titel komplett verweigert. Sie werden zu niederem Adel erklärt und müssen seither als historisch unbedeutender Abraum ihr geschichtliches Dasein fristen. Historiker, allzumal Regionalhistoriker, als Herren über Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit, Titel oder Titelverweigerung; so geht Geschichte heute, so funktioniert moderne Geschichtswissenschaft.

Dabei ist die Deutung bzw. Interpretation von Urkunden so eine Sache, wie aktuell die noch nicht bis in höchste geschichtswissenschaftliche Kreise hoch gekochte Kontroverse über das Alter Rosdorfs zeigt. Durch eine historische Fehlinterpretation, die sich in einer Wissenschaft wie der Geschichtswissenschaft, deren Markenzeichen das formvollendete Zitieren alter Urkunden und früherer Literatur darstellt, höchstmöglich und lang fortschreibt, wurde eine falsche Zuordnung des Ortes zur fraglichen Urkunde vorgenommen. Rosdorf wird damit um über 200 Jahre urkundlich jünger gemacht, als es tatsächlich ist.

Wie mit Bezug auf das in Frage stehende urkundliche Alter Rosdorfs, verhält es sich mit der Nobilität der Familie von Rosdorf. Auf den ersten Blick scheinen die Urkunden – zumindest die wenigen bisher herangezogenen – den jüngeren Regionalhistorikern recht zu geben. Nach bisheriger Interpretation zählen nur Urkunden ab 1155 bis 1394 zum Kanon der Familie. Innerhalb dieser Urkunden wird in der Tat das Prädikat Nobilis erst ab 1266 für Ludwig von Rosdorf verwendet. Zu dieser Zeit maßten sich falsche Edelherren den Titel noch nicht an. Insofern ist Wolfs Argument in Bezug auf Ludwig von Rosdorf zutreffend. Auffällig bis nicht erklärbar, weshalb ca. 50 Jahre später, nach Dethard von Rosdorfs Tod, keiner der Rosdorfer Herren dieses Prädikat mehr verwendet oder auf dessen Verwendung besteht, wie etwa ihre Verwandten, die Edelherren von Plesse.

An dieser Stelle kommt der Hinweis auf die Seitenzweige des Hauses von Rosdorf ins Spiel. Bereits Lang hatte, wie erwähnt, 1797 auf die Abstammung der Herren von Hardenberg aus dem Haus Rosdorf verwiesen, anhand des umfassenden erhaltenen Archivs der Hardenberger zu Nörten, das Lang für Fürst Hardenberg, den späteren preußischen Außen- und Staatsminister, sichtete und nach neuester archivalischer Methode ordnete und mit Register versah, hatte er Einblick in gemeinsame Urkunden der Hardenberger und Rosdorfer gehabt, und somit deren familiären Zusammenhang nachweisen können. Obwohl unsicher hielt Lang bereits die von Bovenden ebenfalls für Mitglieder des Hauses von Rosdorf, was sie in der Tat waren. Diesen Fakt hat gut 50 Jahre nach Lang der Regionalhistoriker Georg Max in seiner Geschichte des Herzogtums Grubenhagen nachgewiesen.

Neben der konkreten Bezeichnung in Urkunden als Blutsverwandte, Cousins, Onkel, Vater, Brüder, Großvater etc. dienen als Nachweis für familiäre Zusammengehörigkeit gemeinsamer Besitz, gemeinsame Schenkungen, Käufe wie Verkäufe, gemeinsam genutzte Burgen und Allode, gemeinsames Agieren und Handeln, ein gemeinsam geführtes Wappen und im Fall der Rosdorfer ein gemeinsam verehrter Hausheiliger.

Lang, der sich nur am Rande mit den Rosdorfern befasste, und dessen Buch deshalb nicht veröffentlicht wurde, weil den Hardenbergern ihre Abstammung von den Rosdorfern nicht schmeckte, legte die Grundlage für die These über ein aus mehreren eigenständigen Familien – Seitenzweigen- bestehendes Haus Rosdorf. Wolf griff diese These in seiner Abhandlung über die Rosdorfer aus Rücksicht auf seine Arbeitgeber, das Haus Hardenberg , 1812 nicht auf. Erst 1823 in seiner Geschichte der Hardenberger fand er den Mut, Langs These aufzugreifen und zum Teil zu verwenden und zu stützen. Allerdings kam Wolf mangels ausreichenden Urkundenzugriffs zu sehr eingeschränkten Schlussfolgerungen. Der bereits erwähnte Georg Max erweiterte die These, obwohl er nur Wolfs, nicht Langs Ausführungen kannte, auf Grund seines Quellenstudiums die These des Hauses Rosdorf auf die von Bovenden und von Gittelde und bezog auch die von Freden sowie die von Mandelbeck ein.

Obwohl somit um 1860 der familiäre Zusammenhang des Hauses Rosdorf, festgehalten in inzwischen sechs Publikationen Langs, Wolfs und Max‘, griff kein späterer Historiker diese Informationen auf, bevor erst mein Großvater, später ich, auf diese Vorarbeiten stieß. Bei der Verifizierung der zitierten Urkunden stieß ich auf eine Vielzahl zusätzlicher, nie berücksichtigter Urkunden, die allesamt im Zusammenhang mit dem Haus Rosdorf stehen. Dabei zeigte sich, dass mindestens drei weitere adlige Familien zum Haus Rosdorf zu zählen sind: die von Escherde, von Falkenberg und von Hebel.

Damit präsentiert sich das Haus Rosdorf als aus folgenden Zweigen bestehend: von Bovenden, von Escherde, von Falkenberg, von Freden, von Gittelde, von Hardenberg, von Hebel nebst Stammhaus Rosdorf. Weitere Namen fanden zeitweilig Verwendung innerhalb des Hauses Rosdorf, deren Namen später von familienfremden Familien benutzt wurden, weshalb der Eindruck entstand, es handele sich generell um nicht verwandte Familien. Diese waren die von Ballenhausen, von Gladebeck, von Hardegsen, von Harste, von Heslendal, von Jünde, von Mandelbeck, von Medenheim, von Novalis, von Saldern, von Stein (de Lapide).

Es muss als Versagen der modernen regionalen Geschichtsschreibung gewertet werden, die offenkundigen, urkundlich nachvollzieh- und nachweisbaren Zuammenhänge des Hauses Rosdorf und seiner Seitenlinien wie –zweige nicht erkannt und publik gemacht zu haben. Dies geschah, wie oben beschrieben erst im Jahr 2014 mittels der erwähnten Aufsätze. Demnächst folgen, als Ausfluss und Zusammenfassung der Arbeit über das Haus Rosdorf eine breiter angelegte geschichtliche Darstellung, sowie ein Band mit mehreren hundert Urkunden als Grundlage für eine künftige, umfassendere Auseinandersetzung mit dieser weit verstreuten, weit bedeutenderen Familie, als dies bisherige Darstellungen für die Regionen Hessen, Thüringen Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Westfalen vermitteln. In allen heutigen fünf Bundesländern war das Haus Rosdorf entweder direkt oder gemeinsam mit seinen Seitenlinien vertreten, die ihrerseits darüber hinaus reichenden Besitz hatten, was sie zu handelnden und beeinflussenden Größen in den genannten Regionen und Geschichte macht.

Es zeigt sich dadurch auch, dass die bisherigen Schlussfolgerungen und Einschätzungen zur Geschichte des Hauses von Rosdorf nur bedingt der geschichtlichen Realität entsprechen. So setzen deren Urkunden bereits 1135 und 1144 ein, und enden statt vor 1400, wie behauptet erst nach 1525. So wenig die Rosdorfer, wie bisher behauptet, um 1400 ausstarben, so unhaltbar sind die bisherigen Aussagen bezüglich ihrer Vertreibung und der damit zusammenhängenden Urkunden, die sich bei genauer Analyse als Fälschungen erweisen.

Dies alles und noch weit mehr wird in den beiden angekündigten, zusammengehörenden Teilen der Geschichte des Hauses von Rosdorf nachzulesen sein.