Leseproben

Aus Begegnungen auf Sylt und anderswo:

Gunter Sachs und Brigitte Bardot
Gerade in dem Augenblick, als ich an einer Reihe von Zeichen erkannte, dass ich gefahrlos einen Kuss auf ihrem erdbeerroten Mund landen könnte, stürmte ein älterer Mann – Du – (verzeih, jeder über 20 war damals für mich alt) ungestüm über unsere Sandburgbrüstung, mein Werk des Morgens zerstörend, da er nicht den Eingang nutzte, sondern einfach quer einstieg. 
Der Mann, also Du,  baute sich direkt vor uns auf und fragte: „Habt’s Ihr die Brischitten g’sehn?“
Ich war total sauer auf den Eindringling, also Dich. Erstens hattest Du mein Tête-à-tête gestört, meine Sandburg zerstört, und zu allem Überfluss, mit einer nicht zu überbietenden Arroganz, stellte sich dieser Lackaffe, also Du, vor mich hin, ganz so, als ob ihn alle Welt kennen müsse. 
Das Blöde war: ich erkannte Dich sofort: Gunter Sachs
Doch falls ich Dich nicht erkannt hätte, woher hätte ich dann wissen sollen, um wen es sich bei „Brischitten“ handelte? 
Ärgerlicherweise wusste ich auch das: die Gesuchte war Brigitte Bardot, Deine frisch Angetraute. (Zu allem Überfluss hatte ich sie tatsächlich kurz zuvor  am Strand gesehen.)
Du hattest sie erst kürzlich, irgendwo in der Südsee, geheiratet. Jetzt machtet ihr Beide inmitten Eurer Clique, einem Rattenschwanz von Möchtegern Playboys und Playgirls, Kampen auf Sylt unsicher, nachdem es Euch in St. Tropez offenbar zu langweilig geworden war.

Horst Tappert  
Wir waren gerade erst auf Sylt angekommen, unser alljährlicher Sommerurlaub hatte soeben verheißungsvoll begonnen, als es plötzlich laut und hektisch wurde, am Strand bei Buhne 16. Ein Mann, nackt bis auf die Clarks an seinen Füßen, eine Base Cup auf den lockigen, langen Haaren, sowie ein Megaphon in der rechten Hand, stapfte unangemeldet und unaufgefordert in unsere Sandburg.
Dann kam ein Mann mit fürchterlichen X-Beinen angestakt. Er war barfuß, sein Hemd hing lässig aus der Hose, die Hose war etwas hochgekrempelt. Jede Menge Schaulustige und Gaffer standen im großen Bogen um die Szene, die, wie angekündigt, direkt vor unsere Sandburg spielte. Der Schauspieler, es war Horst Tappert, lief ein paar Mal auf und ab, quasselte irgendeinen Stuss. Das Ganze wiederholte sich, durch längere oder kürzere Pausen unterbrochen während ca. drei Stunden. Dann war Ruhe, das Filmteam zog ab, nach Kampen.
Tappert fühlte sich als großer Star, der er weiß Gott noch nicht war, und wollte mir ein Autogramm geben. Ich lehnte dankend ab. Doch bevor der betröppelte Tappert reagieren konnte, erbot sich eine alte, dicke Dame das Autogramm zu nehmen. Tappert bat sie, ihm den Rücken zuzukehren, und den Rücken rund zu machen. Während er seine Autogrammkarte beschrieb, musste ich den hässlichen Anblick des gebeugten Hinterteils einer alten, fetten Frau ertragen.
Tapperts glupschige Augen werde ich nie vergessen, verziert von gewaltigen Tränensäcken, als ich sein Autogramm verwehrte. 
Mir war, als glänzten seine Augen dabei tränenfeucht. Vielleicht lag das aber auch bloß an dem Wind, und dem Heißen Sand auf Sylt.
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Die Deutsche Gesellschaft 1914 und ihr Gründer

Dennoch hat er das Kunststück zuwege gebracht, in den Jahren 1914 bis 1919 eine der einflussreichsten Persönlichkeiten Deutschlands gewesen zu sein, eben eine „Graue Eminenz“, und konnte dies so geschickt tarnen, dass er schon vielen Zeitgenossen längst nicht so einflussreich erschien, wie er de facto einige Jahre lang war, und er hat, wie die von ihm ins Leben gerufene Organisation, „Deutsche Gesellschaft 1914“, die immerhin von 1915 bis 1934 bestand, keinen Nachhall, geschweige denn eine Würdigung seiner Verdienste durch die Nachwelt erfahr-en. Doch daran war ihm ohnehin nie gelegen. 
Seinen Ruhm hatte er sich auf dem Feld der Dichtung und des Theaters, des Automobilbaus und der Fliegerei erworben, das war ihm genug. 
1914 hatte er das Gefühl, sich für eine richtige und gute Sache einsetzen zu müssen, gegen den Krieg, der in seinen Augen Deutschland durch seine Nachbarn aufgezwungen worden war und, was für ihn weit mehr wog, für den Erhalt der deutschen und europäischen Kultur. 
Daher war Vollmoeller nicht nur für den Aufruf ‚An die Kulturwelt’, sondern wollte für und innerhalb der Nation einen Ort schaffen, an dem alle wichtigen Schichten und Bereiche ohne Scheuklappen, vor allen Dingen unter Umgehung der, unter Kriegsrecht herrschenden Militärzensur, reden und sich austauschen konnten. 
So entwickelte er die Idee der etwas hochtrabend und altertümlich klingenden ‚Deutsche Gesellschaft 1914’, und es gelang ihm, mit der Unterstützung vieler namhafter Freunde und Förderer, innerhalb eines Jahres rund 2.500 hochkarätige Mitglieder zu gewinnen.
In seiner fundierten Biographie über Walther Rathenau schreibt Harry Graf Kessler: „Er (Rathenau) beteiligt sich an den Klub-Gründungen, die den „Burgfrieden” durch gesellschaftliche Fühlung zwischen Vertretern verschiedener politischer Richtungen befestigen sollten: insbesondere an der von Carl Vollmöller ins Leben gerufenen „Deutschen Gesellschaft 1914”.
In einem Brief an den Österreicher Hermann Bahr vom  6.11.1915 schrieb Vollmoeller:
Lieber und verehrter Herr Bahr! … erfreulicherweise ist es mir mit Unterstützung von Hoffmannsthal und Strauss gelungen, das Moment der Staatsangehörigkeit völlig auszuschalten. Wir sind durch den Beschluss der letzten beratenden Versammlung daher in der Lage, auch die Oesterreicher und Ungarn heranzuziehen … Beiliegender Auszug aus unserer Mitgliederliste dürfte Ihnen eine Andeutung über die Zusammensetzung unserer Gesell-schaft geben … deren Mitgliederzahl bereits 700 übersteigt … beigetreten sind:Frank Wedekind, Thomas Mann, Th.Th.Heine, Gulbransson, Slevogt, Corinth, Liebermann … Delbrück, Cruisius, Sehring, Wölfflin … Konstituierung unserer Gesellschaft, die am 28. d. Mts. in unserem Klubhaus Wilhelmstr. 67 stattfinden soll. Am schönsten wäre es, wenn wir Sie bei dieser Gelegenheit in Berlin begrüssen dürfen. Mit verbindlichen Grüssen, Ihr Vollmoeller“. 

Bezeichnend ist, dass die ‚Deutsche Gesellschaft 1914’ Hitler in ihren Räumlichkeiten Redeverbot erteilte, was diesen besonders geschmerzt haben dürfte, da er dort die Creme de la Creme der deutschen Gesellschaft getroffen hätte, die er so mühsam anderweitig und getrennt  kontaktieren musste. 
Auch als die Nazis darangingen, 1934 alle Organisationen gleichzuschalten, so auch die ‚Deutsche Gesellschaft 1914’, machte diese überparteiliche Organisation den Nazis einen dicken Strich durch ihre Rechnung, indem man den Club einfach selbst auflöste. Selbst 1934, zum Zeitpunkt der Selbstauflösung, hatte die ‚Deutsche Gesellschaft 1914’ noch immer knapp 33% jüdische Mitglieder. Diese auszuschließen, wie von den Nazis gefordert, widersetzte sich die Gesellschaft und ihr Präsident, der derselbe wie zu Gründungszeiten war: Wilhelm Heinrich Solf, indem er den Verein einfach auflöste. 
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Harrison – Erotische Erzählung

Eins

Elenora war stolz. Stolz wie ein Spanier, eine Spanierin, wie sie sich ein Deutscher vorstellt. Das strahlte sie mit jeder Faser ihres Körpers aus, das lebte sie und davon war sie zutiefst durchdrungen.
Ich lernte Elenora eines kühlen, windigen Abends auf dem ungemütlichen, zugigen Bahnhofsvorplatz Spandaus kennen. Nicht zufällig, sondern auf Grund einer Verabredung. Diese verdankte ich einem Internetforum für Singles.
Begonnen hatte unser Dialog, oder sollte ich besser von ‚virtueller Beziehung’ sprechen?, mit folgender Mail, die ich eines Tages in meinem Postfach eines Internetforums vorfand:

Hola Monsieur Harrison!! 
Bin Spanierin, arbeite in Berlin seit 2 Jahren und finde dich sehr attraktiv. Monsieur… Falls du noch nicht deine Prinzessin gefunden hast, dann lies mein Profil, bitte… Freue mich auf dichAdios Elenora

Welcher Mann fühlte sich von einem solchen Text nicht geschmeichelt und angesprochen? Besonders, wenn er sich eines so männlichen Pseudonyms bedient, wie ich das tat: Harrison
……..
Jetzt wurde Elenora selbst Harrison unheimlich. Das war er, noch viel weniger ich, als beaufsichtigende Instanz im Hintergrund, nicht gewöhnt. Normalerweise geht ein Mann auf eine Frau zu, aber Frauen, selbst emanzipierte, sind wesentlich verhaltener.  Elenora hatte den Kontakt gesucht und steuerte nun mit unheimlicher Zielstrebigkeit auf ein Telefonat zu, das alles innerhalb von zwei Tagen. Da musste etwas faul sein. 

Aber was ? 

Ich griff zum Telefon und rief meinen besten Freund an. Der ist zwar kein Weiberheld, dennoch gebe ich viel auf sein Urteil. Er verstand meine Aufregung und Harrisons Misstrauen nicht. Was um alles in der Welt könne denn schon geschehen? Ein Telefonat, und vielleicht noch ein Treffen. Bei Nichtgefallen Verabschiedung, das war‘s dann. Ich fand die Sache gar nicht so simpel. Längst hatten die bedrohlichen Schatten von Basic Instinct von meiner Vorstellung Besitz ergriffen. Sharon Stone begann mit dem Bild von Elenora zu verschmelzen. Was, so fragte ich mich besorgt, wenn sich Elenora als zweite Catherine Tramell entpuppen würde? Die mich nach dem Telefonat und unserem Treffen mit ihrer Obsession verfolgen und nicht eher in Ruhe lassen würde, bevor sie mich, an ihre Bettpfosten gefesselt, mit ihrem Seidenschal erdrosselt hätte?

Mein Freund lachte belustigt auf. Wenn ich denn so ängstlich besorgt um mein Leben sei, dann solle ich doch entweder die Finger von Blind Dates lassen, oder Elenora ihm überlassen.  Jetzt meldete sich Harrison zu Wort, der sich durch meine übertriebene Angst in seiner Ehre verletzt fühlte.  „Ich ziehe das durch“, zischte er mich an. Seine anfänglichen Skrupel waren verflogen. Schließlich stand seine Ehre als Abenteurer und Weiberheld auf dem Spiel. Während mein Freund noch immer belustigt ob meiner irrealen Ängste auflegte, hatte sich Harrison längst wieder meiner Tastatur bemächtigt und schrieb folgende Antwort an Elenora: „Hallo Elenora, bin morgen den ganzen Tag bis 19 Uhr erreichbar. Bis dann, Harrison“
………..
Es herrschte eine merkwürdige Stimmung, deren Schwingungen ich nicht recht zu deuten wusste. Die Stille war unerträglich. Keiner sagte etwas, Elenora und Harrison sahen sich an und verharrten gleichzeitig in ihren Gedanken, offenbar unfähig zu sprechen. Mir war, als würde irgend ein Abzählspiel gespielt, bei dem Derjenige rausfliegt, der zuerst den Mund aufmacht. Nach für mich unendlich langen drei Minuten des Schweigens stand Elenora urplötzlich auf, stellte sich 
neben Harrison und begann sich zu entkleiden.  Zunächst knöpfte sie ihr Kostümjackett langsam, wie in Zeitlupe auf, streifte es über ihre Arme und ließ es zu Boden fallen. 
Nun folgte der erste, dann der zweite Knopf ihrer weißen Bluse. Nachdem sie sämtliche Knöpfe geöffnet hatte und die Bluse ebenfalls abgestreift neben ihr auf dem Boden lag, hingen ihre beiden riesigen Brüste offen in den beiden Halbkörbchen ihres BHs, die das obere Ende ihres Korsetts darstellten. Nicht nur Harrison, auch ich musste unwillkürlich auf diese gewaltigen Brüste starren, die wie Ware in einer Auslage dalagen, nur darauf zu warten schienen, berührt zu werden.„War es das, was Du wolltest?, fragte Elenora und durchbrach die schier brennende, prickelnde Stille, die seit mehr als fünf Minuten geherrscht hatte.

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Toledo – ein Tagebuch

Portocristo – Mallorca

Ein teures Hotel mit Blick auf den Hafen. Protzige Yachten vor Anker. Der Ort wimmelt vor Touristen. Er hasst Menschenmassen, flieht All – Inklusive -Touristen. Sie will in eines der angesagten Restaurants, wo man von hochnäsigen Kellnern plaziert wird. Er setzt sich durch, dieses Mal. Sie essen in einer pittoresken 
Kneipe am Hafen, inmitten schwitzender, lärmender Einheimischer. Hier wird man nicht platziert, man kann selbst den Platz wählen. Das Kind, das sie sich von ihm wünscht, und das er ihr frühzeitig  versprochen hat, er ist nicht mehr 
bereit es ihr zu schenken. Streit, Tränen deswegen, sie verläßt mitten in der Stadt das Auto, er fährt allein weiter, über die Insel, ohne sich nach ihr umzuschaun. Ein Jahr später trennen sie sich. Neulich hat er sie gesehen, recht nah, als er mit Jule durch den Prenzlauer Berg schlenderte. Er hat sie nicht gegrüßt, er wußte nicht wie Jule reagieren würde, auf eine Geliebte, die er ihr unterschlagen hat.

Langham Court  –  London

Diese Wohnung möchte ich unter keinen Umständen nochmals bewohnen. Ein kleines Appartement, ein Zimmer, Kochnische, Flur und schlauchartiges Bad. Ich zahlte nicht nur dem Landlord seine fürstliche Miete, auch der englische Schatzkanzler erhob auf meinen Kopf eine Steuer, die Kosten für Wasser, Heizung, Telefon, nebst der zwangsweise abzuführenden TV-Abgabe, erhöhten sich beinahe monatlich.

Nachts, besonders in den frühen Morgenstunden, donnerten in der Nähe die Fernzüge vorbei, die ihre menschliche Fracht von der Kanalküste holend in die City of London ausspieen. Dazu die endlose Schlange, der, auf ihre Landung in Heathrow, Schleife um Schleife ziehenden Flugzeuge.

Wie können Menschen so immerzu leben, ihr ganzes Leben lang? Muss man da nicht zum Säufer werden, der sich, wenn nicht Abend um Abend, dann doch einmal die Woche im Pub vollaufen lässt? 

Die Frauen und ich

Mehr als ein Mal habe ich geglaubt, sie zu verstehen, die Frauen. Doch das erwies sich als Trugschluss. Ich bin nicht sicher, wann ich es aufgegeben habe, sie zu verstehen. Ich hatte bereits ein fortgeschrittenes Alter …
Dabei haben es mir Frauen sowohl sehr leicht, als in manchen Fällen, auch ungewöhnlich
schwer gemacht. Es hat lang gedauert, bis ich verstand, dass es Frauen(auch heute noch), neben aller bekundeter Liebe, in erster Linie um das Materielle geht, in ihren Beziehungen zu uns Männern. Frauen können ziemlich grausam sein, wenn ihr Partner ihre materiellen Bedürf-
nisse und Vorstellungen nicht, oder nicht mehr bzw. nicht länger erfüllen kann.

Zwei Mal wurde ich in solch einer Situation abgestellt wie ein alter, ausrangierter Besen.
Das schmerzte und tat weh, nicht nur wegen der zertrampelten Gefühle auf meiner Seite;
die Erinnerung an die Monate oder Jahre der Beziehung schmerzten fast noch mehr, schließlich wußte ich plötzlich nicht mehr, ob es nur vorgegaukelte Gefühle gewesen waren, als Basis der im Rückblick schaal wirkenden (materiell orientierten) Beziehung.

Ich will mich beileibe nicht als Märtyrer meiner Frauen aufführen; beileibe nicht. Dafür ist mir viel zu sehr bewußt, wie ich meinerseits einige Frauen verletzt habe. Eine, eventuell zwei gar tief.
Es schmerzt mich noch immer, wenn ich mir die verletzten Gefühle dieser Frauen vergegenwärtige.
Einzig, ich finde, es macht einen Unterschied, ob man eine Beziehung aus rein materiellem Kalkül eingeht, und aus eben diesem wieder beendet; oder ob man sich in Folge tiefer Gefühle auf eine Beziehung einläßt, und erst nach deren Erkalten bzw. Verlöschen, beendet.

Letzteres Verhalten nehme ich für mich in Anspruch. Nie habe ich eine Beziehung ohne
aufrichtige, tiefe Gefühle begonnen. Materielle Aspekte spielten für mich nie eine Rolle – im Gegenteil – zu viel vorhandener Besitz war und ist mir eher ein K.O. Kriterium.

Doch man kann sich täuschen, jedenfalls habe ich zwei, drei Mal im Überschwang ersten Verliebtseins kritische, problematische Aspekte verdrängt, nicht wahr haben wollen, die später eine so mächtige Eigendynamik entwickelten, dass ich mich gezwungen sah, die Notbremse zu ziehen – sprich, die Beziehung zu beenden.

Ich beneide Paare, die eine Trennung verarbeiten, ohne dem Hass auf den Verflossenen zu erliegen. Meine Ex-Partnerinnen verzehren sich entweder in ihrem blindwütigen Hass, hegen und pflegen ihre vermeintlich oder tatsächlich verletzten Gefühle und Empfindungen, beweinen oder
betrauern etwas Unwiederbringliches – kurzum, sind so in ihren eigenen Befindlichkeiten verstrickt, dass keine Zeit oder kein Engagement zur Pflege oder Weiterentwicklung der beendeten Beziehung bleibt. Mir geht es anders: jede meiner ehemaligen Partnerinnen hat und behält ihren Platz in meinem Herzen.

Mir ist nicht klar, wie man etwas ursprünglich Einmaliges, Schönes, mit tiefen Empfindungen und Gefühlen Verbundenes, sang und klanglos im gefühlsmäßigen Niemandsland entsorgen kann, oder gar plötzlich, auf die Weide des Hasses und der niederträchtigen Verachtung jagt. Jede Frau, die ich geliebt habe, war, ist und bleibt für immer Bestandteil meines Lebens – als Ex-Partnerin – als Ex-Geliebte natürlich an einem weniger exponiertem Platz – nicht so gehegt und gepflegt, wie eine bestehende, aktuelle Beziehung – dennoch.

Ich bin überzeugt, auch vergangene, verflossene Beziehungen gehören in Maßen innerlich emotional gepflegt, und haben Anspruch auf fortwährende Existenz. Falls nicht, würde ich ja mich selbst, eine mehr oder minder entscheidende, wichtige, wesentliche, bedeutende Phase meines Lebens ignorieren, versuchen, mein Leben, meine Gefühle und Empfindungen nachträglich
für falsch und ungültig zu erklären. Das kann weder gesund noch hilfreich sein, für die eigene Psyche, die eigene Seele, das eigene Empfinden.

Meine Lieben, die gegenwärtige- wie die vergangenen, sind immer in mir, sind und bleiben ein nicht wegzudenkender, nicht mit noch so unguten Gefühlen auszulöschender Bestandteil meines Lebens, als einer gewesenen wie seienden Einheit. Natürlich war und bin ich in akuten
Situationen der Trennung nicht frei von Schmerz und damit einhergehender unguter Gefühle und Empfindungen. Doch bedarf ich niemals so starker, unguter Gefühle wie es der Hass darstellt, um einen Menschen los lassen zu können, der sich dazu entschlossen hat, die Beziehung zu beenden.

Nach einer Phase ambivalenter Empfindungen und Gefühle, stellt sich bei mir für jede vergangene Beziehung ein Gefühl der wohlwollenden Neutralität ein. Diese Neutralität erlaubt mir, ddas Gute,
Schöne, einmalig Erlebte und Erfahrene aus jeder Beziehung – in Verbindung mit der betreffenden Person – zzu bewahren, ohne deshalb in Trübsinn über das Verlorene, Hass auf die Gegangene, oder Ignoranz über einen wichtigen Abschnitt meines Lebens, den ich schließlich gemeinsam mit der Ex-Partnerin durchlebt habe, zu verfallen.

In meiner Phantasie lade ich manches Mal eine mehr oder weniger große Runde meiner
bisherigen Partnerinnen zu einer gemeinsamen Begegnung ein, und es ist sowohl spannend, wie teilweise erheiternd, mir vorzustellen, wie die Eine oder Andere im direkten, persönlichen Umgang mit anderen Ex-Partnerinnen die unnötig aufgebauten Antipathien, Eifersüchteleien oder Vorurteile abbaut, und sich endlich die ganze Veranstaltung in eine, von gegenseitigem ver-ständnis und allgemeiner Harmonie getragenen Zusammenkunft verwandelt. Ich habe allen – in ihrer Gesamtheit – und einer Jeden einzeln vergeben und habe inzwischen die Anlässe vergessen, die zu Zwist und Trennung führten.

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Das Biedermeier – Sofa 

Doch bevor mein zukünftiger Besitzer, Paul Adrian Warnecke, zur Welt kam, musste ich erst durch mehrere Generationen und die Hände von einigen Besitzerinnen gehen. Dabei durchmaß ich im Kreis meiner Besitzerinnen 
die enorme Zeitspanne von über 180 Jahren, seit meiner Erbauung 1829 bis in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts; mithin die Zeit vom Beginn der industriellen Revolution bis ins Zeitalter der Computer- und Internettechnologie.

Glauben sie mir, das war, gerade für ein Sitzmöbel wie mich, nicht immer einfach und forderte mich oftmals bis an die Grenzen dessen, was ein Sofa ertragen kann, ohne buchstäblich daran zu zerbrechen.

Zunächst waren mir 29 ruhige, überwiegend angenehme und beschauliche Jahre im Hause des Polizeikommissars Andreas Robby vergönnt. Rückblickend vielleicht die angenehmsten, schönsten und von großer Harmonie getragenen 
Jahre während meiner nunmehr hundertachtzigjährigen Existenz.

Andreas Robby, mein Auftraggeber, pflegte von Beginn an ein äußerst freundliches, fast möchte ich sagen, freundschaftliches Verhältnis zu mir. Er hatte sich seinerzeit in Hannover in einen frühen Verwandten meiner Art 
verliebt und übertrug diese Zuneigung, nachdem Meister Böttcher mich erbaut hatte, uneingeschränkt auf mich.

So bekam ich den bereits erwähnten, bevorzugten Platz im Salon der Robbys, erhielt, besonders in den ersten Monaten und Jahren ausgesprochen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. 

Natürlich hatte ich auch den einen oder anderen unangenehmen Zeitgenossen auf mir zu ertragen. Menschen, die sich ihrer übel riechenden Ausdünstungen in mich hinein entledigten, wie der bereits erwähnte Pfarrer. 

Es fand auch mehr als einmal, selbst in jenen sittenstrengen biedermeierlichen Zeiten, auf mir ein Zeugungsakt statt. Doch hielt mich Robby samt seinem Weibe Maria Elisabeth stets in Ehren. Ich wurde regelmäßig gepflegt. Mein edles 
Nussholz wurde des öfteren poliert, bis mir die Sinne schwanden, so sehr war Ernestine, das dralle, dumme Dienstmädchen der Robbys dazu angehalten. Mit einem feuchten Lappen reinigte man einmal pro Woche meinen kostbaren Brokatbezug. Hatte sich misslicherweise trotz aller Vorsicht eine Verunreinigung auf meinem Bezug niedergeschlagen, so überboten sich Maria Elisabeth und Ernestine darin, mit Hilfe lauwarmen Kernseifenwassers so lange behutsam den Fleck zu betupfen, bis ich wieder sauber und rein wie am ersten Tage erstrahlte.

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Zug nach nirgendwo – aus Gesammelte Erzählungen

In Hannover herrschte noch immer größeres Chaos als in Berlin. Die Schneeverwehungen der Nacht bzw. ihre nicht vollständige Beseitigung führten auf der so wichtigen Nord-Süd Strecke immer noch zu erheblichen Verspätungen. Um nicht zu lange in der Kälte des zugigen Bahnsteigs stehen zu müssen nahm er den soeben einlaufenden Regionalzug Richtung Goslar.

Auf dem Bahnhof Hildesheim stellte er fest, dass sein Plan, hier einen Intercity Richtung Süden zu erwischen, durch das Wetter durchkreuzt wurde. Offenbar gab es zwischen Hildesheim und Braunschweig noch immer Hindernisse, so dass erst in gut zweieinhalb Stunden mit einem Intercity gerechnet wurde. Siegheim verließ den Bahnhof und ging durch die Fußgängerzone. Während er die vollkommen menschenleere Stadt querte, Richtung Moritzberg, dachte er an seine Kinder, die hier, ganz in der Nähe sicher zu Besuch bei der Mutter, seiner Exfrau weilten.

Er stapfte durch den Schneematsch. Dann bog er in die Moritzstraße ein. Vor einem zweistöckigen Fachwerkhaus hielt er an. Er schaute in den zweiten Stock hinauf, ging auf den Eingang zu, besah sich die Klingelaufschriften und entdeckte seinen Namen, den seine Frau auch nach der Scheidung nicht abgelegt hatte. Er streckte die Hand aus, liess sie aber sinken, bevor er auf die Klingel gedrückt hatte. „Nein“ schoß es ihm durch den Kopf, „das kannst Du nicht machen. Sie hat ausdrücklich durch ihren Anwalt darauf hinweisen lassen, dass sie dich nicht, nie mehr sehen, geschweige denn sprechen will. Ob wohl die Kinder zu Besuch sind?“

Siegheim drehte sich um, blickte noch einmal hinauf und ging dann zurück Richtung Bahnhof. Während er auf die Straßenkreuzung zusteuerte trat seine Tochter Inge ans Fenster um zu lüften. „Komisch, der Mann dort hinten sieht aus 
wie Papa“. Um sich zu vergewissern rief sie die Mutter hinzu. Als diese ans Fenster trat um hinauszusehen bog die Gestalt gerade um die Ecke und verschwand. „Du hast Dich getäuscht, was soll DER hier in Hildesheim und dazu noch bei einem solchen Wetter.“

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Die Jüdin – aus Gesammelte Erzählungen

Als die junge, dunkelhaarige Frau das Abteil betrat, blickte Hubert Siegheim sie aufmerksam und zugleich erwartungsvoll an. Erfreulicherweise wählte sie den ihm gegenüberliegenden Fensterplatz. Als Kavalier alter Schule war ihr Hubert Siegheim bei dem Verstauen ihres Gepäcks behilflich. “Ihrem Gepäck nach zu urteilen, haben Sie eine größere Reisen vor sich”, meinte Siegheim an die junge Frau gewandt. Diese lächelte, und meinte “richtig beobachtet, ich bin auf dem Weg nach Venezuela.” “Dann führt sie ihr Weg sicher auch nach Caracas. Ich selbst bin leider noch nie dort gewesen, aber ich kenne eine alte Dame die dort seit vielen Jahren lebt, ursprünglich aber aus Europa stammt”, fragte Siegheim. “Auch ich besuche dort eine sehr alte Dame, meine Großmutter”, entgegnete die junge Frau.

“Sie stammen doch aber nicht aus Venezuela oder” fragte Siegheim. “Nein, ich bin in Deutschland großgeworden, aber meine Mutter kam des Studiums halber nach Deutschland, lernte meinen Papa kennen und blieb.”

Siegheim hatte die ganze Zeit sein Gegenüber aufmerksam beobachtet. Die junge Frau gefiel ihm, nicht nur weil Sie sehr attraktiv war, sondern weil sie etwas Besonderes ausstrahlte, eine Art Melancholie, eine bestimmte Form von Scheu, die sie, obwohl offen und freundlich, mit einer Aura der Unberührbarkeit umgab.

“Sicher ist ihre Großmutter aus Spanien” meinte Siegheim. Der relativ dunkle Tain, ihr wundervolles schwarzes Haar, die dunkelbraunen Augen ließen ihm sein Gegenüber wie eine Südländerin erscheinen.

Die junge Frau blickte Siegheim fragend und zweifelnd zugleich an, während sie überlegte, ob sie dem Fremden offen antworten solle.

“Nein, sie ist keine Spanierin, sondern kommt aus Weißrussland.” “Verzeihen Sie bitte” entgegnete Siegheim, “wenn ich mich verspekuliert habe, ihre äußere Erscheinung, das dunkle Haar, die braunen Augen brachten mich wohlauf die falsche Fährte. Ja, ich hörte davon, das viele Menschen aus Osteuropa im Laufe des letzten Jahrhunderts nach Nord und Südamerika auswanderten. Offenbar eine Folge der schwierigen wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse in den betroffenen Ländern. “

“Ja die politischen Verhältnisse” antwortete die junge Frauen mit schneidender, sarkastisch gefärbter Stimme während sich ihr Ausdruck verfinsterte, sie Siegheim so grimmig fixierte, dass dieser erschrak. “Wenn man die Okkupation, die widerrechtliche Besetzung eines Landes mittels Krieg als politische Verhältnisse bezeichnen will, dann haben Sie recht.” Während sie dies hervor stieß, hatte sich das Gesicht und der Hals der jungen Frau mit tiefroten 
Flecken bedeckt. Sie atmete laut und heftig.

Siegheim erschrak noch mehr. Was an dem das er gesagt hatte, war derart falsch gewesen, dass es die junge Frau dermaßen erregte? Während Siegheim noch überlegte, setzte die junge Frau nach: “Es waren die politischen Verhältnisse, die die Nazis geschaffen haben, die Vertreibung und Vernichtung des jüdischen Volkes, meines Volkes, die meine Großmutter zwangen die Heimat zu verlassen um ihr nacktes Leben nach Südamerika zu retten”. Während sie dies abgehackt, mit gepresster Stimme und äußerst zornig Siegheim ins Gesicht schleuderte, hatten sich ihrer Augen zu schmalen Schlitzen verengt, deren Blick Siegheim durchdrang und innerlich tief traf.

“Mein Gott “, fuhr es ihm durch den Kopf. “Wenn ich geahnt hätte, welch unendliches Leid sich dahinter verbirgt … bitte vergeben Sie mir, bitte sehen Sie mir meine Frage sowie die falsche Schlussfolgerung nach “. Die junge Frau war so erregt, dass sie Siegheim`s Entschuldigung gar nicht wahrnahm.

“Es ist doch immer wieder dasselbe mit euch Deutschen, insgeheim steht ihr noch immer hinter den Naziparolen, und das Einzige was ihr bedauert ist, dass es euren Großvätern und Vätern nicht gelungen ist, sämtliche Juden zu vergasen”.

Während sie dies geradezu hinaus schrie, war die junge Frau aufgesprungen und hatte hastig begonnen, ihr Gepäck zusammenzuraffen, um das Abteil zu verlassen. Siegheim traf diese Attacke furchtbar tief. Er  fühlte sich hilflos, wusste diesem Ausbruch von Zorn und Wut nichts entgegenzusetzen, zumal er der Frau innerlich recht geben musste. Deshalb erhob er sich und meinte: “Bitte bleiben sie sitzen, wenn hier einer das Abteil verlässt, dann ich”. Während er dies sagte, begann er sein kleines Handgepäck, sowie seinen Mantel zu nehmen, und war dabei, das Abteil zu verlassen.

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