Karl Vollmoeller – Daten zu Leben und Werk

Vollmoeller (bis 1903 Vollmöller, seit 1903 Vollmoeller), Karl  Gustav,

Archäologe, Philologe, Lyriker, Dramatiker, Bühnen- und Filmdrehbuchautor, Flugzeugkonstrukteur, Rennfahrer, Textilunternehmer, Übersetzer, geb. 07.05.1878 Stuttgart, gest. 18.10.1948 Los Angeles, beerdigt Stuttgart, Pragfriedhof (ev.)

Vollmoeller 1894 – 1908 – 1911 – 1939 – 1948

Genealogie

Aus württembergischer Theologen/Unternehmer/Wissenschaftlerfamilie stammend; Vater Robert Vollmöller (1849-1911), Textil-Unternehmer,  Mutter Emilie Vollmöller geb. Behr (1852-1894) Sozialreformerin, Bruder  Rudolf Vollmöller (1874-1941) Textil-Unternehmer, Schwester Anna von Kapff, geb. Vollmöller (1875-1942), Schwester Mathilde Purrmann (1876-1943) geb. Vollmöller, Malerin, Bruder Erwin-Hugo Vollmöller (1879-1883), Schwester Martha Müller (1883-1955) geb. Vollmöller, Schwester Maria (Maja) Knoll (1885-1954) geb. Vollmöller, Schwester Elisabeth Wittenstein (1887-1957) geb. Vollmöller, Modedesignerin, Gutsverwalterin,  Bruder Hans-Robert Vollmöller (1889-1917) Flieger, Flugzeugkonstrukteur, Bruder Kurt Vollmöller (1890-1936) Antiquar, Autor, Bibliophiler; Onkel Karl Vollmöller (1848-1922) Anglist, Romanist, Prof. in Erlangen + Göttingen, Tante Theodora (Dora) Elisabeth Vollmöller (1865-1934) geb. Mirus, Autorin und Frauenrechtlerin, Urgroßvater Johann Heinrich Justus Vollmöller (1781-1854) Pfarrer, Übersetzer, Mitglied Seracher Dichterkreis, Realenzykl. protestant. Theologie Bd.10, Ururgroßvater Johann Georg Vollmöller (1742-1804) Pfarrer, Hofprediger, Schriftsteller, Dt. Anonymenlex. Bd.3/4; Schwager Hans Purrmann (1880-1966) Maler; Schwager Walter Knoll (1876-1971) Möbelfabrikant, Neffe Hans G. Knoll (1914-1955) Möbelfabrikant

Leben

  1. wuchs in Stuttgart auf. Zunächst privat unterrichtet, besuchte er das altspr. Karls-Gymn. 1894 begann er Gedichte zu schreiben. 1895 lernte er Stefan George kennen. Von diesem als literarisches Genie erkannt, wurde Vollmoeller Mitglied des George-Kreises und Mitarb. der ‚Blätter für die Kunst‘. Ab 1896 studierte er in Paris, Berlin und Bonn, wo er 1901 promovierte.
    Parallel zum Studium schrieb Vollmoeller Gedichte und das Versdrama, „Catherina-Gräfin von Armagnac“. Er veröffentlichte 1903 „Parcival-Die Frühen Gärten“. Beide Arbeiten machten ihn schlagartig berühmt. Heute gilt Vollmoeller als „repräsentativer Virtuose des Ästhetizismus der Jahrhundertwende, einer der wenigen Lyriker von Rang“ (K.G.Just). 1902 begann er zu übersetzen; Werke G. d’Annunzios z.T. gemeinsam mit R. G. Binding. Vollmoellers Übers. „Vielleicht, vielleicht auch nicht“ gilt als kongenial. Er übersetzte Molière, Lope de Vega , Dostojewski, Vilhelm Jensen, Forzano. Seine Überssetzung „Antigone“ von Sophokles und „Die Orestie“ von Aischylos, gelten als epochal. Verdient machte sich Vollmoeller als Wiederentdecker und Übersetzer Carlo Gozzis, speziell von „Turandot“.
    1904 heiratete er Norina Gilli = Maria Carmi, durch ihn ein gefeierter Bühnen- und Filmstar. Ab 1905 arbeitete Vollmoeller mit Max Reinhardt am Deutschen Theater zusammen. Höhepunkt ihrer Zusammenarbeit war „Das Wunder“, 1911 in London, 1924 in New York als “The Miracle” uraufgeführt. Das Stück feierte 1911 – 1934 in ganz Europa (Salzburg) und den USA Erfolge.
    Im 1. Weltkrieg betätigte sich Vollmoeller als Presseagent für das Auswärtige Amt und Kriegsberichterstatter. Er gründete die „Deutsche Gesellschaft 1914“, die bedeutendste kulturpolitische Vereinigung Deutschlands im 20. Jh. In der 2. Kriegshälfte lebte Vollmoeller in der Schweiz und in Schweden. Von hier aus versuchte er gem. mit René Schickele 1918 vergeblich einen Friedensvertrag zwischen Deutschland und Frankreich sowie Vollmoeller allein zwischen Deutschland und England zu vermitteln. Von 1919 bis 1938 lebte Vollmoeller abwechselnd in Venedig und Hollywood. Er widmete sich dem dt.- amerik. Kulturaustausch und der Völkerversöhnung (Pan-Europa-Union); vermittelte vielen dt. Schauspielern und Künstlern Engagements in den USA, umgekehrt für diskriminierte Künstler der USA (Josefine Baker, Anna May Wong) in Europa. Er finanzierte diverse Künstler persönlich, so den Pulitzer-Preisträger Stephen Vincent Benet. 1929 schrieb Vollmoeller unter Mitwirkung anderer das Drehbuch „Der Blaue Engel“. 1936 erschien „Das Geheimnis“, eine Persiflage auf die Nationalsozialisten. 1937 Weigerung Kulturminister für die Nazis zu werden, 1938 deshalb in Italien enteignet. Mai 1939 Rückzug ins Exil in die USA. Hier wirkte Vollmoeller als Drehbuchautor. Ende 1941 wurde er für 13 Monate interniert. Carl Zuckmayer: „Karl Vollmoeller, der nach einer irrtümlichen Sistierung als angeblicher Nazi (er war nichts dergleichen) und einer brutalen Haft in kalifornischen Gefängnissen in New York ein zurückgezogenes Leben führte – [war]gesundheitlich und seelisch gebrochen“. Während der Internierung verfasste Vollmoeller seine Alters-Gedichte. 1943 übersiedelte er nach New York. Hier schrieb er „The Last Miracle“. Vollmoeller  starb Okt. 1948 in Hollywood, während Verhandlungen über die Verfilmung dieses Romans. 1951 wurde seine Urne nach Deutschland auf den Pragfriedhof, Stuttgart, überführt.
  2. Vollmoeller war als Dichter ein früh vollendetes Genie. Für K.G. Just ist er „DER Virtuose unter den Lyrikern der Jahrhundertwende“, der seine „Perfektion bis zu einem Punkte gebracht“ habe, „über den hinaus keine Steigerung mehr möglich ist“. Seine Dramen weisen Vollmoeller laut E. Jaime als „DEN bedeutendsten Dramatiker der Jahrhundertwende“ aus. Vollmoellers späte Theaterstücke wurden kontrovers beurteilt, sein bedeutendes Werk, „Mirakel-Trilogie“, bisher nicht abschließend gewürdigt. Sein „Last Miracle“ ist sprachlich wie inhaltlich brillant. Im Roman finden sich Vollmoellers philosophisch-theologisches Testament sowie seine Abscheu vor Diktatur, Krieg und Entmenschlichung, als Niederschlag seiner Erfahrungen. In seinen Altersgedichten verurteilt und beklagt er die unmenschliche, sinnlose Zerstörung von Kultur, Demokratie und Menschlichkeit, äußert jedoch Hoffnung auf ein vereintes Europas. Sein Gedicht „Europa“ zeige, so A. Bergstraesser, dass „die geistige Welt Europas ganz die seine“, und Vollmoeller voll „angstvoller Verachtung für die gedankenlose Brutalität jeder nationalistischen Enge“ gewesen sei.
    Neben seinem literarischem Wirken ist Vollmoellers Engagement für die Entwicklung des deutschen Theaters und Films hervorzuheben. Dem Theater half er, gemeinsam mit Max Reinhardt und Edward G. Craig, Traditionen abzustreifen und sich der Moderne zuzuwenden. Sein Engagement für den Film galt der Hinwendung zum Autoren- u. Tonfilm. Das verdeutlicht „Der Blaue Engel“. Vollmoeller verfasste nicht nur das Drehbuch, bestimmte die Handlung; er hatte maßgeblich Einfluss auf die Besetzung der Hauptrollen wie der Regie und drückte dem Film damit seinen persönlichen Stempel auf.
    Vollmoeller war eine für Deutschland völlig untypische Erscheinung: ein Weltbürger gleich Goethe, von Ethel Snowden nur zwei Jahre nach Kriegsende 1921 ehrfürchtig „württembergischer Voltaire“ und „einer der bedeutendsten lebenden Deutschen“ genannt. Dichter, Philosoph, Weltverbesserer und Utopist – mit seinem Werk und Leben unternahm Vollmoeller den Versuch, im Sinne Richard Wagners ein Gesamtkunstwerk zu schaffen: Dieses blieb von seinen Zeitgenossen unverstanden, wie Literaturkritiker J.H. Jackson anmerkt: „Mit dieser Sehnsucht ja Sucht, in das Letzte, Geheimste menschlichen Lebens einzudringen, hat Vollmoeller Stoffe gewählt, die die zeitgenössische Kritik nicht verstand: Das Tiefschürfende, Spekulative, das Erkenntnissuchende … das nirgends haltmacht.“

Werke:

  • Die Sturm- und Drangperiode u. d. dt. Realismus, 1897
  • Kammergräber mit Totenbetten (Diss) 1901
  • Parcival – Die frühen Gärten,1903
  • Catharina – Gräfin von Armagnac und ihre beiden Liebhaber, 1903
  • Assüs, Fitne und Sumurud,1904
  • Giulia-Die Amerikanerin, 1905
  • Die Orestie, 1905
  • Der deutsche Graf, 1906
  • Antigone, 1906
  • Wieland 1911
  • Turandot 1911
  • The Miracle 1911
  • Das Wunder 1912
  • Venezianische Abenteuer 1912
  • E.F.G.H. Nachgel. prosaische Schriften 1912
  • Shotai (Die Geliebte) 1912
  • George Dandin 1912
  • Turandot – Princess of China 1913
  • Die Geliebte in Der Herr der Lüfte 1914
  • Die Brüder 1915
  • Der Hermelinmantel 1915
  • Drei Frauen in Einer 1916
  • Madame d’Ora 1917
  • Christinas Hochzeitsreise 1917
  • Onkelchen hat geträumt 1918
  • Die Paiva 1921
  • Schmutziges Geld 1922
  • Inge Larson 1922
  • Die Schiessbude 1924
  • Sieben Mirakel d. Jungfrau Maria 1925
  • Ulala 1926
  • Uncle’s Been Dream 1927
  • Acht Mirakel d. Jungfrau Maria 1928
  • Der Blaue Engel (n. Prof. Unrat , H. Mann), 1929
  • The Palace 1930
  • Hundert Tage 1935
  • Zirkusluft 1935
  • Das Geheimnis 1936
  • Anastasia 1937
  • The Younger Brother of Christ 1945
  • The Last Miracle 1949
  • Gedichte 1960

Übersetzungen:

  • Francesca da Rimini 1903 (I);
  • Liebesbriefe e.engl. Mädchens 1904 (E)
  • Die Orestie 1905 (Gr)
  • Antigone 1906 (Gr)
  • Mehr als die Liebe 1909 (I)
  • La Nave 1909 (I)
  • Phädra 1909 (I)
  • Vielleicht, vielleicht auch nicht 1910 (I)
  • Turandot 1910 (I)
  • The Miracle 1911(D)
  • George Dandin 1913 (Fr)
  • Drei Frauen in Einer 1915 (Span)
  • Madame d’Ora 1916 (Dän)
  • Onkelchen hat geträumt 1918 (Russ)
  • Hundert Tage 1935(I)
  • Der Graf von Brechard 1939 (I)

    Sekundärliteratur:

  • Rudolph Lothar- Das deutsche Drama der Gegenwart, 1905;
  • Theodor Klaiber – Die Schwaben in der Literatur der Gegenwart, 1905;
  • Adolf Michaelis – Die archäologischen Entdeckungen des 19. Jahrhunderts, 1906;
  • Robert F. Arnold – Das moderne Drama, 1908;
  • Albert Soergel – Dichtung und Dichter der Zeit, 1911;
  • Carl Bleibtreu – Geschichte der Deutschen National-Literatur, Bd.2, 1912;
  • Leonhard Adelt: Vollmoeller oder der Flieger und die Dichtung – Studie zu sechs Dichtern. 1917;
  • Alfred Kerr: Ges. Schriften, Die Welt im Drama Bd 3. 1919;
  • Adolf Bartels -Die deutsche Dichtung der Gegenwart 1921;
  • Oliver Martin Sayler: Max Reinhardt and his theatre. 1924;
  • Julius Bab Die Chronik des dt. Dramas Bd. I, 1926;
  • Edward Jaime Stefan George und die Weltliteratur, 1949;
  • Arnold Bergstraesser: K. G. Vollmoellers späte Gedichte 1957;
  • Heinz Kindermann: Theatergeschichte Europas, 1957;
  • Ines R. Braver – Karl Gustav Vollmoeller – Diss. 1961;
  • Klaus Günther Just: Der Lyriker Karl Vollmoeller – Übergänge, Probleme und Gestalten der Literatur. 1966;
  • Klaus Günther Just: Geschichte der deutschen Literatur seit 1871 – 1973;
  • Heinz Braulich: Max Reinhardt: Theater zwischen Traum and Wirklichkeit.1966;
  • Peter Wapnewski (Hrsg.): Mittelalter-Rezeption. 1986;
  • John M. Spalek, Konrad Feilchenfeld, Sandra H. Hawrylchak (Hrsg.): Deutschsprachige Exilliteratur seit 1933. Band 3 Teil 4: N–Z. 1994;
  • Karst, T.: „Der Tag wird kommen.“1994;
  • Anton Bierl: Die Orestie des Aischylos auf der modernen Bühne. 1996;
  • Luise Dirscherl und Gunther Nickel (Hrsg.): Der blaue Engel. Die Drehbuchentwürfe. 2000;
  • Peter Sprengel: Geschichte der deutschsprachigen Literatur: 1900 – 1918: Bd 2, 2004;
  • Frederik D. Tunnat:
    (1) Karl Vollmoeller: Ein kosmopolitisches Leben im Zeichen des Mirakels. 2008;
    (2) Karl Vollmoeller: Dichter und Kulturmanager; eine Biographie. 2008;
    (3): Marlene Dietrich – Vollmoellers Blauer Engel. 2011;
    (4) Richard Wagner u. Karl Vollmoeller – Leben als Gesamtkunstwerk. 2012