Kurze Geschichte der Familie Tunaitis

Die Geschichte meiner väterlichen Vorfahren, die eingedeutscht seit 1825 Tunnat heißen und deren Familienname seitdem in Preußen bzw. Deutschland so geschrieben wird, beginnt, urkundlich nachweisbar, im ehemaligen Königreich Polen-Litauen. Ursprünglich lebten meine väterlichen Vorfahren im südlichen Finnland, in der Gegend um das heutige Helsinki. Später zogen sie südwärts, siedelten einige Zeit in der Gegend des heutigen Tallinn (früher Reval), bevor sie sich in Litauen dauerhaft ansiedelten. In Litauen, wo bis auf den heutigen Tag noch Nachkommen gemeinsamer Vorfahren leben, nennen und schreiben sich die „Tunnats“ bis heute Tunaitis. Da der Name selbst in seiner „Heimat“ Litauen ausgesprochen selten vorkommt, lassen sich die Spuren ihrer Wohnsitze leicht nachvollziehen: die Gegend von Tauragė, zu deutsch Tauroggen, der Bereich um Radviliškis, auf deutsch Radwilischken, sowie  um Biržai, zu deutsch Birsen.

Meine Vorfahren mieden ab Mitte des 16. Jahrhunderts den Stammsitz in Radwillischken, da dort die katholische Linie des Hauses der Radziwills residierte, während die calvinistisch-protestantischen Radziwills ihren Hauptsitz in Birsen, nah der Grenze zu Kurland, dem heutigen Lettland, hatten. Für die calvinistische Linie der Fürsten von Radziwill waren meine Vorfahren tätig. Allerdings nicht in Birsen, sondern in deren souveränen Herrschaft Tauroggen, zu der die Herrschaft Serrey gehörte, staatliche Exklaven, in der die Radziwills unmittelbar herrschten. Die Radziwiłłs, litauisch Radvila, sind eines der ältesten und bedeutendsten litauischen Fürstengeschlechter mit riesigem Grundbesitz in Polen, Litauen, Weißrussland und Preußen. 1515 erhielt Mikołaj Radziwiłł auf dem Wiener Fürstentag von Kaiser Maximilian I. die Reichsfürstenwürde des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Boguslaus Radziwill (1620 in Danzig – 1669 Königsberg) war Herzog von Birsen und Dubinki. Förderer und Beschützer der Reformation in Litauen, stand er an der Spitze der Dissidenten Polen-Litauens. Kaiser Karl V. hatte 1547 Nikolaus und dessen Bruder Jan Radziwiłł (um 1516–1551) und deren Vetter Nikolaus die erbliche Würde als „Herzöge von Nieśwież, Ołyka, Birsen und Dubinki“ verliehen, und ihre Würde als Fürsten des Heiligen Römischen Reichs bestätigt. Weil 1567 ein Teil der Radziwills zum katholischen Glauben zurückkehrte, spaltete sich das Haus Radziwiłł seitdem in einen katholischen und einen calvinistischen (reformierten) Zweig. Kurz vor seinem eigenen Übertritt zum Calvinismus hatte Kurfürst Johann Georg von Brandenburg aus dem Haus Hohenzollern im Jahr 1613 seine Tochter Elisabeth Sophie mit Janusz Radziwiłł, Fürst zu Dubinki, Kastellan von Wilna und Enkel Nikolaus des Roten verheiratet. Einziger Sohn und Erbe des Paares war der oben erwähnte Boguslaus Radziwill. Die letzten zwölf Jahre seines Lebens fungierte er als Statthalter seines Verwandten, des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg im Herzogtum Preußen, also in Ostpreußen. Boguslaus, der keine männlichen Nachkommen hinterließ, hatte eine Tochter, Luise Charlotte Radziwill, die Ludwig von Brandenburg, Sohn von Kurfürst Friedrich Wilhelm und Luise Henriette von Oranien, heiratete. Obwohl die Ehe kinderlos blieb, brachte Louise die Herrschaften Tauroggen und Serrey in den brandenburgisch-preußischen Staat als Mitgift ein. An dieser Stelle wird es persönlich, denn mein Vorfahr Abraham Tunaitis, vermutlich bereits sein Vater, war Verwalter der landwirtschaftlichen Güter in der Herrschaft Tauroggen.

Die Tunaitis lebten damals, gemeinsam mit ihren nahen Verwandten, der Familie Petriai (heute in Deutschland Petereit geschrieben, d.h. Peter), außerhalb von Tauroggen in einem winzigen Dorf namens Juodpetriai, was auf Deutsch „Schwarzer Peter“ bedeutet. Es lag an einer der Poststraßen, die von Königsberg kommend über Tauroggen nach St. Petersburg führte. Nachdem Tauroggen in preußischen Besitz und damit Verwaltung übergegangen war, scheint Abraham Tunaitis sich nicht länger mit seinem Beruf wohlgefühlt zu haben. Daher entschloss er sich, statt weiter in einer Enklave Preußens zu leben, nach Preußisch-Litauen, d.h. Ostpreußen  auszuwandern.

Geschichte Ostpreußens im Mittelalter

Litauen, einschließlich Preußisch-Litauens (litauisch: Mažoji Lietuva oder Prūsų Lietuva), d.h. der Nord-Osten Ostpreußens, verfügte im 13. Jahrhundert über eine, im Verhältnis zum damaligen Deutschland verhältnismäßig hochstehende Infrastruktur und Kultur. Die Bewohner waren überwiegend Ackerbauern. Viele größere Dörfer und kleine Städte zeugten vom damaligen Wohlstande des Landes.  Geschützt wurde Litauen durch eine große Anzahl von Burgen, die von den litauischen Großfürsten gebaut worden waren, um ihr Volk vor Gewalttaten der Nachbarn, speziell dem Deutschen Ritterorden, zu schützen. Auch Gewerbe und Industrie Litauens standen seinerzeit auf einer verhältnismäßig hohen Stufe. Ausgrabungen zeigen, u.a. nahe Nemmersdorf, auf dem Kirchhof von Gut Angerapp, dass es dort zwischen dem 10. bis 12. Jahrhundert auffallend viele Häuser mit Werkstätten zur Metallbearbeitung gab, d.h. weit mehr Einwohner als später, und neben dem Ackerbau auch eine metallverarbeitende Industrie. Allesamt Hinweise auf Wohlstand und eine blühende Wirtschaft.

Die gefürchteten deutschen Kreuzritter in ihren weißen Mänteln, welche die Litauer aus ihrer friedlichen Ruhe und ihrem Wohlstand aufschreckten, hausten barbarisch im Land. In ganz Ost-Preußen überlebte nur etwa ein Fünftel der alten, preußisch-litauischen Ur-Bevölkerung den 53 jährigen Eroberungs- und Vernichtungskrieg des Deutschen Ritterordens. Litauen und Ostpreußen wurden damals vollständig zur Einöde gemacht. Alle Männer wurden ermordet, Frauen und Kinder versklavt. Auf den Ackerbauflächen, über den zerstörten Dörfern, Wohnplätzen und Burgen wuchs nach und nach wilder Urwald. Bauten aus dieser Zeit haben sich nicht erhalten, da die Kreuzritter alles zerstörten, eine Strategie der verbrannten Erde. Nur an die Burgen erinnern diverse Anhöhen, als abgestumpfte Kegel oder länglich rund in Sattelform sich in der sonst flachen Landschaft erhebende, teils steile Hügel, die im Volksmund „Schloß-Berge“, d.h. Burg-Berge, genannt werden. Auch Nemmersdorf verfügt, in einer Schleife der Angerapp über eine derartige terrassenförmige Anhöhe namens Schloßberg, bezeichnenderweise gegenüber der noch heute existierenden Brücke über den Fluss., den die Burg im Mittelalter bewacht haben dürfte.

Ostpreußen blieb etwa 200 Jahre nach seiner Verwüstung durch die Kreuzritter mehr oder weniger verödet. Der politische Niedergang der Ordensherrschaft brachte die Hohenzollern ab 1525 als weltliche Herrscher in Ostpreußen an die Macht. Sie waren es, die für die Wiederbesiedlung und Rekultivierung des weitgehend zerstörten Landes sorgten. Eine dichtere Besiedelung fand erst seit Anfang des 16. Jahrhunderts statt. Die damaligen, ersten Kolonisten waren überwiegend Litauer aus dem Großherzogtum Litauen. Obwohl  nach dem zweiten Thorner Frieden (1466) einige deutsche Adlige nach Ostpreußen auswanderten, war die Zahl deutscher Einwanderer bis Anfang des 18. Jahrhunderts gering. Außer Litauern und wenigen Deutschen ließen sich im 17. Jahrhundert eine kleine Anzahl  Franzosen in Gumbinnen und Stallupönen nieder, da sie nach der Aufhebung des Edikts von Nantes auf der Flucht aus Frankreich in Ostpreußen eine neue Heimat und Glaubensfreiheit fanden. Kaum war Ostpreußen gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder etwas besser besiedelt und kultiviert, setzten Naturkatastrophen und die Pest den Menschen zu.

Friedrich der Große schrieb in einem Brief vom 27. Juli 1739, daß mehr als 300.000 Menschen in Ostpreußen durch die Pest umkamen, 15 Städte komplett entvölkert wurden, 400-500 Dörfer unbewohnt seien und dort das Land nicht mehr bestellt würde. Er und sein Vater gründeten in der entvölkerten Provinz sechs neue Städte – Ragnit, Schirwindt, Pillkallen, Gumbinnen, Stalluvönen und Darkehmen – 332 Dörfer, 49 Domänenämter, 11 Kirchspiele und ließen 24 Wassermühlen bauen. Allein in den Jahren 1721 — 1727 wurden Zweieinhalb Millionen Taler für Klein-Litauen bewilligt. Für die Wiederherstellung ganz Ostpreußens wurden über sechs Millionen Taler aufgewendet.

Die Neu-Besiedelung erfolgte fast ausschließlich durch Kolonisten aus West- und Süd- Deutschland. Bereits 1712 wanderten mehrere hundert Handwerkern in Litauen ein, die aus der Schweiz und Baden stammten. Es folgten Kolonisten aus dem südlichen und westlichen Deutschland. 1714 gründeten Nassauer eine Kolonie in Göritten. Zwischen 1720 bis 1730  kamen mehrere tausend Nassauer, Schweizer, Oldenburger, Halberstädter, Magdeburger, Württemberger und Pfälzer, um in Ostpreußen eine neue Heimat zu finden. Am wichtigsten war die Einwanderung der Salzburger, von denen 1732—34 mehr als 20.000 ihre schöne Heimat verließen, um dem Glauben ihrer Väter die Treue zu bewahren. 17.000 siedelten sich in Ostpreußen an, der größte Teil davon in Klein-Litauen, wo sie sich in Darkehmen, Memel, und in Gumbinnen niederließen. Auch auf dem platten Land, so auch in Nemmersdorf, gründeten Salzburger Bauernhöfe. Laut Statistik wanderten 1735 717 Familien aus Salzburg mit 9.579 Personen ein.

Auch eine nennenswerte Anzahl von Schotten und Engländern wanderte in Ostpreußen ein, wobei sie sich besonders häufig in Memel und Tilsit niederließen, wo der Handel über die Ostsee ihnen ein breites Betätigungsfeld eröffnete.

Die große Mischung der Bevölkerung Ostpreußens war für die positive wirtschaftliche Entwickelung des Landes von großer Bedeutung, da die Einwanderer viel voneinander  lernten. Die Schweizer waren Viehzucht-Experten, die Franzosen und Pfälzer ausgezeichnete Händler und Ackerbauern. Die Salzburger und Franken waren ausgezeichnete Landwirte, die auf Grund ihrer modernen Produktionsmethoden Lehrmeister für zahlreiche Einwanderer anderer Nationen waren.

  1. Abraham Tunaitis (vor 1660-um 1710)

Der erste urkundlich namhafte Tunaitis trug den alttestamentarischen Namen Abraham, im damaligen Polnischen, der Amtssprache in Polen-Litauen, Obrams geschrieben. Er war als Verwalter für die Radziwills tätig – ob nur für das große Gut in Tauroggen oder für die gesamte Herrschaft war nicht zu ermitteln. Da seine Tätigkeit eng mit der Familie Radziwill zusammenhing, musste er sich 1681 einem neuen Herren unterordnen, dem frisch angetrauten Ehemann von Prinzessin Luise Charlotte Radziwill, Ludwig von Brandenburg, jüngster Sohn des Kurfürsten und Herzogs Friedrich Wilhelm von Brandenburg und der Luise Henriette von Oranien, einer niederländischen Prinzessin. Als Mitgift für die Ehe erhielt die Prinzessin von Radziwill die Herrschaften Tauroggen und Serrey, was damals bedeutete, dass dieser Besitz in den des Ehemannes, damit erst in den Brandenburgs und später Preußens überging. Der Eigentumswechsel bedeutete für Abraham Tunaitis nicht nur einen neuen Herrn, für den er nun zu arbeiten hatte, sondern auch, dass er eine neue Staatsangehörigkeit erhielt – die brandenburgisch-preußische.

Bedauerlicherweise verstarb Prinzessin Louise Charlotte bereits 14 Jahre nach der Hochzeit, 1695. Das scheint Abraham Tunaitis motiviert zu haben, Tauroggen zu verlassen. Er wandte sich nach Klein- oder, wie es damals hieß Preußisch-Litauen. In der litauischen Sprache sagte man Lietuwa, die litauischen Einwanderer nannten sich Lietuwnintai. Er ging in die Gegend von Gumbinnen, weit im Osten der Provinz, nahe der Grenze zu Polen-Litauen. Als ehemaliger Angestellter des brandenburgisch-preußischen Herrscherhauses, hatte ihn sein Dienstherr, Markgraf Ludwig von Brandenburg, ab und an mit nach Ostpreußen und Königsberg genommen. Auch musste sich Abraham Tunaitis als Gutsverwalter des Prinzen mit anderen Verwaltern Ostpreußens abstimmen, weshalb er eine konkrete Vorstellung hatte, wo in der damals noch nahezu menschenleeren Provinz er sich als Freier Bauer niederlassen wollte. Ihm hatte es das Land entlang der Angerapp, übersetzt Aalfluss, der damals noch Arsz hieß, angetan. Unweit eines sog. Schloßbergs, im Kirchspiel Nemmersdorf,  konkret im Ortsteil Wandlauszen, baute Abraham für sich und seine, aus mehrere Mitgliedern bestehende Familie einen weitläufigen Bauernhof, der, wie das bei Litauern damals üblich war, aus mehreren Gebäuden bestand – außer dem Haupthaus, in dem gekocht und tagsüber gelebt wurde, gab es ein extra Schlafhaus, ein Haus mit Sauna, und ein Fest-Haus, für die großen Familienfeiern. Da die Zwischenräume zwischen den Häusern nicht bewaldet waren, bepflanzte Abraham sie mit Bäumen, die auch rings um das Gehöft wie ein Wall angepflanzt wurden, um Schutz vor den heftigen Herbst- und Winter-Stürmen Ostpreußens zu gewähren.

Das von Abraham Tunaitis erbaute Gehöft blieb bis Ende des 19. Jahrhunderts in Familienbesitz, wenngleich, da diese ersten Häuser in typisch litauischer Blockhausbauweise ausschließlich aus Holz gebaut waren, zwischenzeitlich erneuert werden mussten, und das Haupthaus zu Beginn des 19. Jahrhunderts als Backsteinbau, d.h. in deutscher Bauweise neu erbaut wurde. In der Altpreußischen Monatsschrift schrieb Bezzenberger über die Lebensweise der Litauer: „In seiner Gegend hatten die Litauer also zwei Wohnhäuser, 1. Die stubba, in welcher sie nur des Winters wohnen, und 2. Den Namas, der mehr ein Sommerhaus war. Die Schlafräume (Klete) und die Wirtschaftsräume waren in weiteren getrennten Gebäuden untergebracht“.

Nemmersdorf ist eines der ältesten Dörfer der Gegend, zu Beginn des 13. Jahrhunderts unter den Deutsch-Ordensrittern gegründet. Es verfügte bereits 1569 urkundlich nachgewiesen über eine eigene Dorfkirche, aus Feldsteinen erbaut, mit einem hölzernen, einfach abgetrepptem Kirchturm, in dem die Glocken aufgehängt waren. Isaak Riga (1653 – 1720) baute nach der Großen Pest den prachtvollen Barock-Altar ein. Er war ein deutscher Bildschnitzer des Barock, der bedeutendste seiner Zeit in Ostpreußen. 1748 erhielt die Kirche neue Glocken. 1769 wurde die Kirche erneuert und modernisiert. Ende des Zweiten Weltkriegs ließ Hitler die Glocken abbauen, damit sie zu Waffen eingeschmolzen würden. Eine der Glocken, die kleinere, „überlebte“ und wurde nach 1945 in Almstedt bei Hildesheim in der St. Mauritius Kirche eingebaut, wo sie noch heute zu hören ist.

Als Abraham Tunaitis sich 1695 in Nemmersdorf ansiedelte, war Johann Keimel Pfarrer der Kirche und Gemeinde (1688-1710). Das bedeutet, er harrte dort aus,  als die „Große Pest“ 1708 ausbrach. Die Pest kostete allein in Ostpreußen, d.h. Klein-Litauen zwischen 1709 bis 1711 etwa 240.000 Menschen das Leben. Das war nahezu die Hälfte der damaligen Bevölkerung. In und um Nemmersdorf wütete die Pest besonders heftig. Es heißt in alten Chroniken, dass in der Gegend bis zu 70, gar 80% der Menschen starben.

2. Isaak Tunaitis (ca.1685-1711)

Abraham Tunaitis hatte einen Sohn namens Isaak. Über ihn ist wenig außer dem Namen bekannt, da sich keine Urkunde über ihn erhalten hat. Insofern ist seine Existenz nur durch die Urkunden seines Sohnes wie seines Vaters bekannt. Er kam noch in Juodpetriai nahe Tauroggen zur Welt, und zog mit Vater und Mutter nach Wandlauszen in der Gemeinde Nemmersdorf. Isaak wurde ausgerechnet im 2. Jahr der Großen Pest, also 1710, Vater eines Sohnes namens Jakob, Jakobus. Es wirkt wie ein Mirakel, ein himmlisches Wunder, dass die Familie Tunaitis nicht nur die Große Pest überlebte, sondern auch noch in der Lage war, inmitten von tausendfachem Tod und Verderben neues Leben zur Welt zu bringen. Mit Jakob Tunaitis endet die Reihe der alttestamentarischen „Ur-Väter“ der Familie. Sie gründeten zwar nicht, wie die israelischen Urväter 12 Stämme, doch immerhin sechs Tunaitis Linien entsprossen besagtem Jakob. Es ist nicht klar, jedoch wahrscheinlich, dass Isaak Tunaitis während der Großen Pest, also um 1711 verstarb. Ob und bei wem sein Sohn Jakob aufwuchs ist nicht überliefert. Es wird ein Blutsverwandter des Vaters oder der Mutter gewesen sein.

3. Jakob Tunaitis (1710-1758)

Jakob (Jokubas) Tunaitis übernahm, nachdem er 1731 volljährig war, den Tunaitis Hof in Nemmersdorf-Wandlauszen, und war der Erste der Familie, der mit der Tradition brach, indem er keine Litauerin zur Frau nahm, sondern eine deutsche Kolonistin namens Else Kaminske. Zu seiner Zeit existierten nur 7 Höfe in Wandlauszen, und die meisten davon, nämlich 5, gehörten den Tunaitis.

In Jakobs Kinderzeit fiel die oben beschriebene große Einwanderungswelle, die der preußische König Friedrich Wilhelm I. einleitete, um das entsetzlich darniederliegende, durch die Pest nahezu entvölkerte Land Ostpreußen bzw. Klein-Litauen wieder zu bevölkern. So  wuchs die ostpreußische Bevölkerung zwischen 1713 und 1740 um 160.000 Menschen auf insgesamt rund 600.000 Einwohner an.

Die Kultur, Gebräuche, die Häuser wie der Wohlstand der litauischen Einwanderer unterschied sich stark von dem der aus dem Süden und Westen Europas eingewanderten Menschen. Wie oben erwähnt, bauten die Litauer noch traditionell Holzhäuser, mit kleinen Grundrissen, dafür mehrere Häuser zur unterschiedlichen Nutzung. Die Böden ihrer Häuser bestanden aus gestampftem Lehm, gekocht und geheizt wurde meist über einem offenen Feuer, dessen Rauch durch ein großes Loch im Dach aufstieg. Die später genutzten kleinen Öfen oder gemauerten Kamine waren aus weit einfacherem Material, als die der Deutschen. Litauer kannten nicht die bei den Salzburgern und Süddeutschen verbreiteten Kaminöfen. Sie kannten keine Häuser aus Ziegelsteinen, hatten keine Böden aus Holzdielen oder Fliesen, ihre Häuser verfügten über keine gemauerten Kamine, durch die der Rauch abzog. Litauische Häuser wurden noch mit Schilf oder Holzschindeln gedeckt; die deutschen Einwanderer brannten dafür Ziegel.

Insofern schauten die neuen Einwanderer nicht unbeträchtlich auf die ihrer Ansicht nach viel ärmeren, viel einfacheren Litauer herab. Jede Volksgruppe blieb unter sich, man heiratete normalerweise seinesgleichen. Wenn daher Jakob Tunaitis finanziell in der Lage war, 1731 Else Kaminske, Tochter deutscher Einwanderer zu heiraten, muss er bereits so erfolgreich Ackerbau und Viehzucht betrieben haben, sowie seinen Hof nach deutschem Vorbild modernisiert oder gar neu gebaut haben, dass er in den Augen der deutschen Schwiegereltern eine „gute Partie“ darstellte. Andernfalls hätten weder die deutschen Brauteltern, noch die Braut, der Ehe zugestimmt. Denn für die damaligen Einwanderer aus Deutschland und Europa galten die Litauer als ähnlich unreinlich und sozial niedrig angesiedelt, wie ihre eigenen Schweine.

Tatsächlich begnügten sich die meisten Litauer zu Beginn des 18. Jahrhunderts damit, auf Strohsäcken statt Betten zu schlafen. Kopfkissen und Bettdecke waren  ihnen unbekannt.  Bürste und Kamm gehörten für Litauer zu den kostbaren Gegenständen, von denen sie höchst selten Gebrauch machten, falls sie diese Dinge überhaupt besaßen. Ihren Hausrat verfertigten sie selbst. Sie bauten ihre Schlitten selbst, schnitzten Holztröge und Eimer, machten sämtliche Kleidung selbst, brauten ihr Bier (Alaus) selbst, stampften Graupen im Haus, mahlten ihr Korn mit der Handmühle statt in einer Wasser- oder windbetriebenen Mühle. Außer einem Schmied brauchten Litauer keine Handwerker. Dennoch entwickelten sie bei der Herstellung aller Dinge enorme Geschicklichkeit, die selbst von den deutschen Einwanderern anerkannt und bewundert wurde.

Die litauischen Kinder wurden an ein höchst einfaches Leben gewöhnt, bewusst gegen Kälte und Hitze abgehärtet und früh zu anstrengender Arbeit angehalten. Bei jeder Witterung liefen sie barfuß und nur mit einem Hemd angetan umher, selbst  wenn Schnee und Eis lag. Trotz dessen wurden sie seltener ernstlich krank, als die deutschen Kinder. Auch im Winter war die  Kleidung der Litauer, einschließlich die ihrer Kinder, so leicht, daß sie, um sich vor der klirrenden Kälte zu schützen, sich mit Vorliebe ganztags im Bett oder vor dem offenen Feuer aufhielten. Allgemein galt die Kleidung der Litauer in den Augen der Deutschen als „gar schlecht und gering und von einerlei Farbe und Form”. Litauische Männer trugen im Sommer leinene Jacken, im Winter solche aus grauem, grob wollenem Stoff, der in Ostpreußen als „Wand” bezeichnet wurde. Die Jacken reichten bis auf die Knie und waren mit farbigen Aufschlägen und Kragen versehen. Statt Knöpfen verwendeten Litauer Haken und Ösen oder Schnürbänder. Im breiten Leder-Gürtel mit großer Messingschnalle (dirzas), der Jacke und Körper umschlang, trugen sie immer ein Messer samt Wetzstein. Die Hosen waren aus demselben Tuch oder aus grober Leinwand und reichten nur bis über die Waden. Die Fußbekleidung der Litauer bestand aus sogenannten Klumpen (Gänserümpfen), die aus einem Stück Holz ungefügig hergestellt wurden, und auch zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch vielfach auf dem Lande im Gebrauch waren, oder aus Paresken. Letztere wurden aus Baumrinde oder Bast hergestellt, womit man noch weiter aufwärts die Beine bis über die Waden umflocht. Darunter befanden sich keine Strümpfe, sondern Lappen, die geschickt von dem Flechtwerk überspannt waren. Zu einer derartigen Fußbekleidung brauchte man die Rinde von fünf jungen Birken, so daß die Wälder unter der Sitte des Pareskentragens schwer zu leiden hatten. Schon im 18. Jahrhundert wurde den Litauern von der Regierung verboten, diese traditionellen Schuhe anzufertigen. Lederstiefel trugen Litauer nur in der Stadt, in der Kirche, oder zu festlichen Anlässen. Zu Hause trugen Litauer Holzlatschen oder gingen barfuß.

Soviel zu den äußerlichen, kulturellen Unterschieden zwischen Deutschen und Litauern im Ostpreußen des 18. Jahrhunderts, abgesehen von ihren völlig andersartigen Sprachen und Bräuchen.

4. Christian (Kristions) Tunaitis (1735-1790)

Christian wurde knapp anderthalb Jahre nach der Hochzeit seiner Eltern (22.10.1733) geboren. Diese waren der litauischstämmige preußische Staatsbürger Jakob Tunaitis und dessen aus dem Westen Deutschlands (Westfalen) stammende Ehefrau Else Kaminske. Christian lernte die Landwirtschaft von Kindesbeinen an, und wurde vom Vater mit 21 Jahren mit der Bearbeitung der durch diesen zwischen 1710 und 1730 erworbenen zusätzlichen Ackerflächen in Nemmersdorf betraut, während Jakob sich weiterhin um den wachsenden und wohlhabender werdenden Haupthof in Wandlauszen kümmerte. Am 14. Oktober 1763 heiratete Christian die Litauerin Urte Loruskaite in der Kirche zu Nemmersdorf. Drei Jahre später kam der Stammhalter Martin (Merczus) Tunaitis zur Welt. Als erstgeborener Sohn war es Martins Pflicht und Aufgabe, seinem Vater und seinen Vorfahren als freier Bauer auf den mittlerweile zwei Höfen in Nemmersdorf und Wandlauszen zu folgen.

5. Martin (Merczus) Tunaitis (1766-1827)

Martin war der letzte Tunaitis, der eine litauische Ehefrau nahm: Else Edomaitis. Das Paar heiratete am 30.10.1789 in Nemmersdorf. Gut viereinhalb Jahre später, 1794,  wurde als zweites Kind Jakob (Jakobus) Tunaitis geboren.

6. Jakob Tunnat (1794-1859)

Jakob kam zwar als Tunaitis zur Welt, doch bemühte er sich, kaum volljährig, bei den ostpreußischen Behörden in Gumbinnen durchzusetzen, dass sein Familienname eingedeutscht wurde. Kurz bevor er sich im Juni 1825 verheiratete, vollzogen die Behörden die Namensänderung, so dass Jakob die Heiratsurkunde als erstes Familienmitglied statt mit dem althergebrachten Tunaitis als Tunnat unterzeichnen konnte. Als Zweitgeborener wäre es eigentlich nicht Jakobs Aufgabe gewesen, die Höfe zu übernehmen und Landwirt zu werden. Doch nachdem sein älterer Bruder in Folge der Befreiungskriege im Jahr 1813 verstarb, konnte Jakob seinem Wunsch, Lehrer zu werden, nicht mehr folgen. Obwohl er sich dem Wunsch des Vaters fügte, stand Jakob zeit seines Lebens dem Beruf des Landwirts kritisch gegenüber, da er seinen geistigen Fähigkeiten nicht gerecht wurde. Insofern war es ihm ein Herzensanliegen, seine beiden Söhne Johann Heinrich und Johann Hermann nicht auf den Beruf des Landwirts festzulegen. Tatsächlich gingen beide Söhne – im Abstand von neun Jahren – auf das altehrwürdige, prestigeträchtige Lehrer-Seminar nach Königsberg, um dort zu studieren und sich auf die Aufgabe als Dorfschullehrer vorbereiten zu lassen. Mit Jakob Tunnat endete die fast 200 jährige Tradition in der Familie, die den jeweils Erstgeborenen gezwungen hatte, Hof und Ländereien zu übernehmen, und damit das Erbe des „Erzvaters“ Abraham Tunaitis fortzuführen. Einen Teil der Ländereien und den kleineren Nebenhof zu Nemmersdorf verkaufte Jakob bereits um 1830, um die kostspielige Lehrerausbildung des Sohnes finanzieren zu können. Als dann der zweite Sohn studierte, trennte sich Jakob Tunnat von weiteren Ländereien (Äcker und Wald). Gut ein Jahr vor seinem Tod veräußerte er den Haupthof zu Wandlauszen, und zog sich aufs Altenteil zurück. Jakob Tunnat war der erste heimliche „Akademiker“ der Familie, der sich zwar dem Verdikt des Vaters wie der Familientradition beugte, doch von da an alles unternahm, um sicherzustellen, dass kein Tunnat jemals wieder wegen der Landwirtschaft auf einem anderen Beruf verzichten musste.