Was das Corona-Virus mit Globalisierung, Nachhaltigkeit und Traditionen zu tun hat

Pandemie und Globalisierung

Die aktuelle Pandemie, volkstümlich Corona-Virus-Krise genannt, zwingt aus meiner Sicht, inne zu halten, nachzudenken, sich zu besinnen, neu bzw. anders zu orientieren.

Was uns dieses Virus gebracht hat, hängt gefährlich eng zusammen mit der Welt, wie sie sich während der letzten 75 bzw. 100, eigentlich binnen der letzten 200 Jahre fehl entwickelt hat; wie wir uns als Menschen, als Gesellschaft, als Nationen, entwickelt haben.

Das Corona-Virus soll von einer bestimmten Tiergattung auf uns Menschen „übergesprungen“ sein. Es ist nicht das erste Mal, dass dies geschah, aber bei weitem der seit Langem gefährlichste Vorgang dieser Art. Vermutlich haben sich derartige Mutationen artspezifischer Viren seit Jahrhunderten, wenn nicht bereits seit Jahrtausenden immer wieder ereignet. Vermutlich hängt es mehr mit dem verloren gegangenen Wissen über historische Ereignisse zusammen, denn damit, dass ein solches Szenario neu wäre. Mehrmals, das wissen wir inzwischen, befand sich die Menschheit bereits am Abgrund, drohte auszusterben, sich selbst zu vernichten. Je mehr wir aus archäologischen Funden und naturwissenschaftlichen Analysemethoden lernen, umso öfter stellen wir fest, dass hinter den vermeintlichen, offensichtlichen Fakten – Kriegen, Eroberungen, Enden von Imperien und Reichen – nur augenscheinlich die bekannte aggressive Handlung als Hauptursache steckt. Mehrfach erbrachten neue archäologische Erkenntnisse, abgesichert durch DNA-Analysen oder andere wissenschaftliche Methoden, dass es auslösende Motive für scheinbar unmotivierte Kriege bzw. das Verlöschen ganzer alter Kulturen gab. Sehr häufig können wir, angesichts unseres neu gewonnenen (wieder erlangten) Wissens über historische Ereignisse und Perioden, heute erkennen, dass wir es als Auslöser mit Naturphänomenen (Vulkanausbrüchen, Klimaveränderungen und –wechseln) zu tun hatten, deren Auswirkungen und Folgen schließlich Wanderbewegungen auslösten, die nur durch kriegerische Auseinandersetzung zu regeln waren, oder die zu dem Verlöschen einer nicht länger anpassungsfähigen Kultur führten, auf Grund nicht erkannter Ursachen und daraus falsch gezogener Schlüsse und Entscheidungen.

Mit Sicherheit gehen zahlreiche Pest-Epidemien seit der Antike bis in die Neuzeit ebenfalls auf die Übertragung des Erregers von Nagern (Mäuse, Ratten) auf Menschen zurück. Insofern tritt das für den Corona-Virus verantwortliche Virus nicht als erstmaliges Phänomen des Übergangs vom Tier auf den Menschen auf.  Was diese Infektionskrankheiten so gefährlich macht, ist stets das zunächst mangelnde Wissen über den Erreger, mangelndes Wissen, wie behandeln, wie bekämpfen, wie auszurotten. Speziell in früheren Zeiten wurde die Ursache nicht in medizinisch-naturwissenschaftlichen Zusammenhang gesehen und bekämpft, sondern auf Grund des Unwissens und vorherrschender religiöser Überzeugung fast immer als sog. „Strafe“ eines bzw. der Götter gesehen, die damit das angebliche oder tatsächliche „Fehlverhalten“ der betroffenen Kultur, Staaten oder Völker bzw. Religionsgemeinschaft bestrafen wollten. Krankheit und Epidemie sozusagen als erzwungener „Läuterungsprozess“ für schwach, oder nicht Glaubende.

Folgerichtig traten in Folge dieser Epidemien und Seuchen besonders radikale, stets selbst ernannte „Glaubenswächter“ auf den Plan, die einerseits nach den, für die göttliche Strafe verantwortlichen bzw. schuldigen Personen fahndeten, und die andererseits die lebensbedrohliche Situation für ihre Gesellschaft zum Anlass nahmen, in Rückgriffen auf traditionelle Glaubensüberlieferung eine Art von „Restauration“ einläuteten, indem sie vorgaben, nur durch quasi 150ig prozentige Einhaltung sämtlicher religiöser Vorschriften und Traditionen seien die Götter(der Gott) zu beschwichtigen, um seine losgelassenen Höllenhunde, in Form der Seuche bzw. Krankheit, besänftigt, wieder an die Kette zu legen. Nie brannten die Scheiterhaufen häufiger und intensiver, als während des Ausbruchs von Seuchen und Pandemien. Das führte dazu, dass neben den „natürlichen“ Toten, in Folge der Epidemie, ein weiterer, oft nicht unerheblicher Teil der ohnehin dezimierten und geschwächten Bevölkerung zusätzlich abgeschlachtet und massakriert wurde, stets im Namen Gottes und der Religion. Heutzutage, in Zeiten von Nationalstaaten reicht bereits andere Hauptfarbe, andere politische Überzeugung oder andere Staatsangehörigkeit, um Derartiges auszulösen. Zumindest in zahlreichen westlichen Ländern hat die Religion ihre aggressionsstiftende Sinnhaftigkeit für derartige Pogrome verloren; sie ist rein ethischen, kulturellen oder politischen Motiven und Aspekten gewichen.

Sehr schön zu beobachten sind diese neuen „Religionswächter“ derzeit – während der anhaltenden Corona-Pandemie – z.B. in Brasilien, in den USA. Hier wird die ungelöste, Angst einflößende Pandemie dazu genutzt, Andersdenkende, politisch anders orientierte, mit anderen Rassemerkmalen versehene Menschen zu stigmatisieren, zu verfolgen, im Grunde genommen, sie zu Sündenböcken für das eigene Unvermögen zu machen, das darin beruht, die Ursache und die sachlich notwendigen Handlungen zur Bewältigung der Pandemie nicht verstehen und intellektuell verarbeiten zu können.

Dabei stellt, bei all ihrer weltweiten buchstäblichen Lebensbedrohung, die Corona-Pandemie nur einen Aspekt, uns, d.h. die Menschheit akut bedrohenden Ausrottungsfaktor dar. Im Grunde genommen weit dramatischer von ihren Langzeitwirkungen, sind unserer Existenz der Klimawandel, die Globalisierung und das Bevölkerungswachstum existentiell gefährlicher.

Während wir, zumindest überwiegend und weltweit, auf die Bedrohung durch das Virus versuchen, effizient, angemessen und konsequent zu reagieren, ignorieren wir die anderen, weit gefährlicheren Faktoren seit Jahrzehnten, wenn nicht seit zwei Jahrhunderten, mindestens.

Die angebliche Revolution: Digitalisierung und Globalisierung

Die momentan noch andauernde Entwicklung, unter den beiden Begriffen Digitalisierung und Globalisierung zusammengefasst, wird, wie üblich als Revolution verkauft und soll alle Bereiche des Zusammenlebens wie der Ökonomie reformieren.

Der Begriff Reform wird dabei seit Jahrzehnten inflationär ge- und missbraucht; positiv besetzt, wird der Begriff inzwischen fast ausschließlich für negativ besetzte, verstandene Aktionen verwendet. Die bisher drastischste und tiefgreifende Abschaffung sozialer Leistungen und die damit einhergehende Eruption existentieller Sicherheit für breite Bevölkerungsschichten – in Deutschland als Hartz IV Reform bekannt – wird und wurde, obwohl sie das genaue Gegenteil einer Reform ist, als solche verkauft.

Ähnliches gilt für die diversen sogenannten “Rentenreformen”, drastische Einschnitte im Bereich der Alterssicherung eines ganzen Landes und mehrerer Generationen. Auch sie werden uns kaltschnäuzig als vermeintliche Reformen verkauft, obwohl sie absolut das Gegenteil dessen sind und bedeuten, was man gemeinhin unter einer Reform versteht: “Reform bezeichnet eine planvolle Umgestaltung bestehender Verhältnisse, Systeme, Ideologien oder Glaubenslehren in Politik, Religion, Wirtschaft oder Gesellschaft.” (Wikipedia)

Dabei wird der Begriff Reform von der Politik in der Regel als Synonym für eine positive Neu- bzw. Umgestaltung eines als schlecht oder veraltet gesehenen Zustands verkauft. De facto entpuppen sich jedoch die Mehrzahl der sogenannten Reformen, speziell die während der letzten 40 bis 50 Jahre, als das genaue Gegenteil. Die vermeintlichen Reformen entpuppen sich häufig als eine Form von Restauration, also der “Wiederherstellung eines politischen Zustandes, in der Regel die Wiedereinsetzung einer alten Dynastie, die im Zuge einer Revolution beseitigt worden ist.” (Wikipedia) Die Erläuterung der Wikipedia in Bezug auf den Begriff Restauration bezieht sich im zitierten Kontext auf die geschichtlich-politische Dimension. Dabei ist in unserem Zusammenhang – also etwa bezogen auf Hartz IV – damit gemeint, positive Bedingungen und/oder soziale Errungenschaften zurück zu drehen, sprich sie im Sinne einer “Restauration” an frühere, überwundene Zustände anzugleichen.

Es sind zu einem erheblichen Teil diese begrifflich-sprachlichen Manipulationen, die uns heutigen Menschen einen Rückschritt  als vermeintlichen Fortschritt, als Reform, “verkaufen”, und damit schmackhaft machen wollen. Dabei lösen diese von der Mehrheit der Bürger durchaus durchschauten Betrugsmanöver zunächst den stillen, heimlichen Protest aus, bevor sie sich – angefacht und angestachelt von Populisten – ihre Bahn in wachsendem, gewalttätigem Protest brechen. Die Zunahme populistischer bis faschistoider Regierungen weltweit, aber auch und gerade in Europa, die zunehmende Unterstützung für oft nationalistisch bis religiös-fanatisch daherkommende Bewegungen, Parteien oder Regierungen bestätigen dies.

Dass 2016 nicht nur ein ehedem kommunistisch, heute diktatorisches Land wie Russland von diesem Phänomen heimgesucht ist, sondern auch diverse europäische Länder – wie Polen, Ungarn, Finnland, Dänemark, Schweden, die Niederlande und inzwischen selbst die Bundesrepublik Deutschland – aktuell selbst das Mutterland aller neuzeitlichen Demokratien, die USA, lässt mehr als besorgt werden.

Es sind eben nicht nur die demografisch begründeten enormen Einschnitte in die Bereiche Arbeitslosenversicherung, Rente, Gesundheit, sondern auch die seit Jahrzehnten anhaltende Erosion des Tarifwesens, der Entlohnung, des Bankwesens, der Politik, sondern die ebenfalls seit Jahrzehnten als Reform, als angebliche Verbesserung verkauften Veränderungen, die unter den Begriffen Digitalisierung und Globalisierung zusammen gefasst werden.

Es war zu Beginn der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts, also im vorigen Jahrtausend, dem zu Ende gehenden Zwanzigsten, als ich auf der Fahrt zur alljährlichen Manager-Konferenz mit dem damals noch Schnellzug genannten ICE gen Frankfurt am Main fuhr. Kaum zu glauben, aber damals flog man noch viel weniger als heute. Für Distanzen bis um die 500 bis 600 Kilometer nutze man den Schnellzug. Für die rund drei Stunden Fahrtzeit, hatte ich mir am Bahnhofskiosk die neuesten Management-Magazine gekauft, u.a. das Manager-Magazin. Darin ein Artikel über das damals in Deutschland erst langsam hochkochende Thema GLOBALISIERUNG.

Mangels eigener Erfahrung mit der Globalisierung und deren Folgen, griff der Verfasser, ein deutscher Journalist – damals noch in Festanstellung, gut bezahlt, angesehen, zu einer beneideten Berufsgruppe gehörend, im Gegensatz zu heute, nur rund 35 Jahre später – auf amerikanische Quellen zurück. Der Artikel schilderte die in Fahrt kommende Globalisierung demgemäß in den schillerndsten, positivsten Farben, wusste selbstredend von keinerlei Nachteilen, sondern bloß von unglaublich vielen Vorteilen zu berichten. Nach Ende der Lektüre hätte man durchaus den Eindruck gewinnen können, eine fabelhafte Zukunft liege vor uns, der Menschheit, der damals, zu Hochzeiten des Kalten Krieges, der Block der Sowjetunion und ihres Wirtschaftsbereichs selbstredend nicht angehörte. Doch das trübte die Schönfärberei des Journalisten in keinster Weise.

Stattdessen wurde in besagtem Artikel behauptet, Globalisierung brächte den unterentwickelten und Schwellenländern den Anschluss an den kapitalistischen Westen, brächte Arbeitsplätze und Wohlstand für die ganze Welt, und ganz besonders für die westlichen Länder. Damals waren mehrere Industriebranchen gerade dabei, ihre südeuropäischen Standorte dicht zu machen, um in Südamerika, lieber noch in bestimmten asiatischen Ländern – China stand noch nicht in dem Maß wie heute zur Verfügung – dafür Taiwan, die Philippinen etc. – unschlagbar billiger produzieren zu lassen.

Merkwürdigerweise war und blieb ich trotz der im Artikel zur Schau gestellten Euphorie skeptisch. Mit fiel ein, dass in der Bundesrepublik soeben eine Phase der wirtschaftlichen Neuausrichtung und Umorientierung zu Ende gegangen war, in deren Folge flächendeckend die Tante Emma Läden verschwunden, dafür Lebensmitteldiscounter und Shoppingcenter, oft auf der grünen Wiese oder am Rand der Städte, wie Pilze aus dem Boden geschossen waren.

Statt zehntausender selbständiger, auch mit bescheidenen Umsätzen zufriedener, selbstbestimmter Ladenbesitzer, hatten Aldi, Lidl und Co. das Ruder übernommen. An deren Kassen tummelten sich damals schlecht bezahlte Frauen, während viele ehemalige Ladenbesitzer männlich gewesen waren, und immerhin so viel Geld erwirtschaftet hatten, um ihre Familie davon ernähren zu können, ja in vielen Fällen gar der Erwerb eines kleinen Siedlungshäuschen oder einer Eigentumswohnung möglich gewesen war.

Die Mehrheit der Bundesbürger hatte diese stille Revolution der Lebensmittelbranche nicht gestört. Da bis 1979 das Benzin – mal abgesehen vom Ölpreisschock 1973 – so billig gewesen war, dass sich die langen Fahrten auf die grüne Wiese gelohnt hatten, scheinbar.

Nachdem nun, zu Beginn der Achtziger, die mögliche Konkurrenz vor Ort, d. h. wohnortnah, in der Straße oder Nebenstraße platt gemacht worden war; selbst der sonntägliche Gang zum Bäcker um die Ecke für frische Brötchen nicht mehr von Erfolg gekrönt war, da auch die zahlreich wegen der großen Bäckerei-Ketten dicht gemacht hatten, begannen Aldi und Co. soeben, die Preise „anzupassen“.

Ohne die örtliche Konkurrenz konnte man nun schon etwas beherzter zugreifen. Wir Kunden waren die Angeschmierten: erst hatten wir geholfen, die dienstleistungsstarke, örtliche Konkurrenz durch unsere „Butterfahrten“ auf die grüne Wiese oder zum Discounter platt zu machen, und nun, halfen wir, die Vermögen der Inhaberfamilien der neuen Imperien – Aldi, Lidl,  Schlecker etc. aufzubauen, indem wir nicht mehr wirkliche Discount-Preise angeboten bekamen, sondern Preise, die das Höchstmögliche aus uns Kunden herausholten.

Dieser Verdrängungs- und Umschichtungsprozess hatte nicht nur in der Lebensmittelbranche und dem Bäckereihandwerk stattgefunden, sondern bei Tankstellen, im Drogeriebereich, der Textilindustrie, den Gas- und Elektrizitätsversorgern; es hatte in nahezu allen Bereichen von Industrie und Dienstleistung stattgefunden, eben das, was Globalisierung mit „Anpassung der Lebensumstände“ meint.

Erkauft hatten wir diesen angeblichen „globalen Fortschritt“, wie man uns nicht nur in besagtem Artikel, zu Beginn der Achtziger Jahre, weismachen wollte, sondern auch in unzähligen Fach- und Sachbüchern, sowie in den Hörsälen des Landes, damit, dass zunächst zehn- bis hunderttausende von zuvor sicheren, gut bezahlten Jobs (selbständig wie angestellt), wegen angeblicher Preisvorteile – die interessanterweise mit einer schleichenden Einbuße an Komfort, Service und Qualität einhergingen – weggefallen waren, um sodann durch schlecht bezahlte, weil unqualifiziertere Arbeitsplätze nicht annähernd kompensiert zu werden.

Kaum einem von uns Verbrauchern und Kunden war damals klar, welche Einbußen wir würden hinnehmen müssen, nachdem wir dazu beigetragen hatten, die kleine, örtliche Konkurrenz platt zu machen. Wem war schon klar, dass bei Aldi und Co. stets cash zu zahlen war, während Tante Emma geduldig angeschrieben hatte, mal über eine Woche, mal den ganzen Monat.

Oder wem war schon klar, dass der örtliche, städtische oder kommunale Gas- und E-Werk-Mann für „umsonst“ den Zählerstand ablesen kam,  im damaligen Preis enthalten war. Heute zahlen wir den Monopolisten im Gas und Strommarkt – auch den straßenräubernden Politikern mit ausufernden Abgaben und Steuern auf unseren Gas- und Stromverbrauch – ein Vielfaches von damals, preis- und inflationsbereinigt, Gebühr für das Ablesen zahlen wir oben drauf, inzwischen ebenfalls an einen Konzern, der mit Vorliebe schlecht bezahlte Aushilfen ohne Versicherungsschutz schickt, selbst jedoch für die angebliche „Dienstleistung“ bei uns Kunden eine nennenswert hohe Jahresgebühr erhebt.

Die Beratung, die der ehemalige selbständige Drogist erbrachte, kostenlos und unabhängig, ohne einer bestimmten Firma oder einer Marke verpflichtet zu sein, haben wir wegen vermeintlicher „Einsparungen“ von ein paar Pfennigen für Haarspray und Seife, Putzmittel und rezeptfreier Medizin eingetauscht gegen die Schlange an der Kasse, das videoüberwachte, mühsame Auffinden von benötigten Drogerieartikeln im modernen Drogeriemarkt.

Der Tante Emma Laden schrieb nicht bloß an, wenn nötig, lieferte er auch frei Haus, selbstverständlich ohne Zusatzkosten. Eine Dienstleistung, die uns heutzutage die großen Lebensmitteldiscounter und Amazon gerade als bahnbrechende, epochemachende, neue, ungeheure Dienstleistung, ja als Erfindung von heute, von ihnen “neu erfunden” verkaufen wollen. Dass wir für diese sogenannte Zusatz-Dienstleistung ordentlich zur Kasse gebeten werden versteht sich – aus Sicht der Anbieter – von selbst. Dabei hatten wir alles schon! Viel individueller, „dienstleistender“, als sich das die heutige, junge Generation je vorstellen könnte.

Der Milchmann – den gab es in Deutschland genauso, wie es ihn noch heute in England gibt – kam zu Zeiten meiner Kindheit mit frischer Milch, Sahne, Quark, Butter etc. bis vor die Haustür gefahren. Man kaufte höchst „ökologisch“ ein, indem man eine Milchkanne mitnahm, Verpackungsmüll vermied. Sahne wurde ebenfalls verkauft, abgefüllt in eigene kleine Behältnisse, Butter, falls frisch und unverpackt, in Pergamentpapier eingewickelt, oder in eine Butterglocke gefüllt. Ja, wir waren damals in vielen Bereichen wesentlich ökologischer, nachhaltiger als heute, nachdem wegen der großen Ketten und Discounter, den weit entfernten Lebensmittelherstellern und Großmolkereien, Unmengen an Verpackungsmüll und Plastiktüten überhaupt erst nötig wurde. Außerdem hatte dieser Dienstleitungs-Komfort noch eine Menge weiterer Vorteile, die die heutige, globalisierte Wirtschaft nicht bietet:

  1. Hatten der Milchmann und seine Ehefrau einen Job, mit dem sie sich und ihre Familie nicht nur auskömmlich ernähren konnten, obwohl die Milch, die Schlagsahne, der Joghurt damals im Verhältnis – trotz der Zusatz-Bring-Dienstleistung – billiger war, als heute im Discounter. Rechnet man die Zeit für die Wege, den Spritpreis, die Kosten für das Auto, das man heute unbedingt benötigt, damals nicht, hinzu, dann wird schnell klar, wie viel mehr wir als Verbraucher heute für eine wesentlich miesere Dienstleistung und Ware zahlen.
  2. Arbeiteten der Milchmann und seine Frau eigenbestimmt. Es war ihre eigene Entscheidung, neben ihrem kleinen Ladengeschäft, sich einen Kleintransporter anzuschaffen, um so ihren Radius und ihr Kundeneinzugsgebiet auszuweiten. Für den Kunden hatte das nur Vorteile. Er zahlte denselben Preis wie im Milchladen, brauchte jedoch nur bequem vor die Haustür treten, um einzukaufen.
  3. Zahlte das selbständige Paar für ihre Krankenversicherung und spätere Rente. Sie konnten das, weil ihnen dafür von ihrem Aufschlag auf die von der örtlichen Molkerei bezogenen Produkte genug Geld blieb; anders als heutigen Selbständigen in globalisierten Zeiten, wo sie zwar 1. Welt-Kosten haben (für Essen, Wohnen, etc.) aber für ein Einkommen auf der Höhe eines 3. Welt-Staats arbeiten müssen, um angeblich konkurrenzfähig zu sein. Das nennen wir globalisierte Wirtschaft!!
  4. Die Produkte – Milch, Sahne, Käse, Joghurt – war so frisch, wie man das heute als Verbraucher nicht mehr kennt – höchstens man fährt zum Bauern aufs Land in den Hofladen. Doch das können die Großstädter, damit der Großteil der heutigen Bevölkerung gar nicht. Die Milch war von einer Qualität, die heute kaum sogenannte naturbelassene Öko-Milch bieten kann.Wenn ich, auf dem Weg vom Milchwagen vor der Haustür zu unserer Wohnungstür, nach 2-3 Minuten stehen blieb, hatte sich auf der frisch in die Milchkanne gepumpten Milch bereits eine zentimeterdicke Fettschicht, der sogenannte Schmand, gebildet. Der war rahmig und wohlschmeckend. Heute wird dieser Schmand als Sahne oder als saure Sahne für viel Geld extra verhökert, damals gehörte er zur Milch. Der Geschmack dieser frischen Milch, die binnen eines Tages verbraucht sein musste, um keinen Stich zu bekommen, ist, verglichen mit heute zu kaufenden Milchsorten, konventionell oder Öko, absolut nicht vergleichbar. Vergleichbar schmeckte nur Milch, die ich im Allgäu oder in den Alpen, direkt beim Milchbauern oder der Molkerei bzw. Käserei serviert bekam, anlässlich von Wanderungen. Selbst die Milch, die ein Bauer 20 Jahre später, direkt auf seinem Hof verkaufte, war gegen diese Milch meiner Kindheit die reinste Plörre. Denn der moderne Milchkuhstall war bereits ein durchindustrialisierter (globalisierter) Hof, der eher einer Fabrik, denn einem Bauernhof glich. Die Kühe standen in blitzsauberen Boxen – nicht mehr auf Weiden – die Milch wurde nicht von Hand, sondern von hochtechnisiertem Melkgeschirr, quasi automatisch abgepumpt, lief in einen riesigen Stahlbehälter, in welchem bereits eine Art Verarbeitung stattfand. Hier wurde bereits der Fettgehalt der Milch reduziert. Deshalb war die Milch, die der Bauer als frische Kuhmilch aus dem Stall verkaufte, nur noch mit 1,5 bis 3 % Fett versehen. Die konnte man einen ganzen Tag stehen lassen, da bildete sich kein Schmand, keine Fettschicht.
  1. Die Milch kam von örtlichen Bauern, von Kühen, die auf Wiesen der Umgebung weideten. Die Milch wurde am selben Tag in der kleinen, örtlichen Molkerei verarbeitet, sterilisiert, und bereits am nächsten Tag in unsere Milchkannen abgefüllt. Mehrere Menschen, 4 bis 7 hatten dadurch ebenfalls einen Job, nicht hochbezahlt, aber auskömmlich, keine Hartz IV Aufstock-Löhne, wie heute, in globalisierten Zeiten.

Dies simple Beispiel zeigt den gravierenden Unterschied zwischen einer traditionellen und einer globalisierten Wirtschaft. Was heute in einer voll automatisierten Molkerei keinen halben vollwertigen Job abwirft, ernährte vor 50 Jahren sechs bis neun Menschen in Vollzeit. Hinzu kam, dass der örtliche Tankwart zu einem Gutteil ebenfalls von der Milch leben konnte: mehrere Bauern füllten ihre Traktoren bei ihm ebenso mit Diesel, wie der Milchmann und der Molkerei LKW, nahezu täglich. In der damals noch örtlich geführten Verwaltung gaben diese Menschen einer Angestellten ebenfalls stundenweise zu tun, um alle Vorgänge zu verwalten, zu verbuchen etc.

Für mehrere hundert Menschen, speziell ältere, sowie Menschen ohne Autos, war die erbrachte Dienstleistung der Lieferung von Milch, Käse, Quark, Joghurt, Sahne und weiterer Milchprodukte zum gleichen Preis wie in den Lebensmittelläden, ein Segen. Es sparte ihnen Zusatzkosten, Zeit und brachte eine spürbare Lebensqualität.

Ähnlich machten es der örtliche Bäcker, der einen Angestellten mit einem Auto in einem Umkreis von 10 Kilometern herumfahren ließ, und sein frisches Brot, Brötchen, sowie Kuchen und Gebäck frei Haus lieferte. Die Lebensmittelhändler lieferten, falls gewünscht, ohne Aufpreis ebenfalls frei Haus. Hinzu kam ein fahrender Händler, dessen Laden in seinem Transporter bestand, ein fahrbarer Laden, mit dem er ebenfalls durch die Straßen fuhr und seine Kunden belieferte.

Die Friseuse kam damals ebenso auf Anfrage ins Haus, um den Kunden die Haare zu schneiden, zu färben oder zu machen. Der Friseur, der auch rasierte, kam ebenfalls zu seinen Kunden ins Haus, um ihnen eine Morgenrasur zu verpassen.

Selbst der Hausarzt – der Name kommt sinnigerweise von der Tatsache, dass diese Ärzte ihre Patienten zu Hause aufsuchten – kam noch ins Haus. Zwar schon nicht mehr regelmäßig, dafür war sein Patientenstamm zu umfangreich geworden, so dass er viele Stunden in seiner Praxis Sprechstunde hielt, aber täglich hatte er morgens, mittags und abends 1 bis 2 Stunden für seine Hausbesuche reserviert, die er zusätzlich zu seinen täglichen Praxiszeiten (vier Stunden vor- und vier Stunden nachmittags) durchführte. Der gute Mann kam also im Schnitt auf einen 14 Stundentag.

Dennoch war er die Freundlichkeit und Ruhe in Person. Stets war genug Zeit, um während ober nach einer Untersuchung im Haus eine Tasse Kaffee zu trinken, ein kurzes Schwätzchen zu halten. Das Ganze lief über die reguläre gesetzliche Krankenkasse, d.h. dieser Super-Dienstleistungsservice kostete nicht einen Pfennig zusätzlich. Heute ist er, falls überhaupt noch, nur Privatpatienten vorbehalten, die dafür Unsummen zahlen. Den Kassen sparte diese Form der Betreuung jede Menge Geld. Der gute Mann war ein ebenso guter Psychologe wie praktischer Arzt. Da er bei fast all seinen Patienten das häusliche Umfeld kannte, über deren berufliche und finanzielle Situation informiert war, war es ihm mühelos möglich, psychisch oder somatische Krankheiten zu erkennen. In diesen Fällen verzichtete er auf die Verschreibung von Pillen und investierte in ein paar Minuten Gespräch. Oft war damit die vermeintliche Erkrankung bereits geheilt. Der Kasse unnötige Kosten für Medikamente oder langatmige Untersuchungen durch Fachärzte erspart.

Da der Hausarzt – er betreute unsere Familie über drei Generationen – nicht nur alle Familienmitglieder persönlich kannte, sondern um die Krankheiten der Großeltern, Eltern und Kinder wusste, waren seine Diagnosen treffsicher, wie bei keinem heutigen Arzt. Er arbeitete durchaus auch mit Placebos, indem er den befreundeten Apotheker oder Drogisten bei eher eingebildeten Erkrankungen harmlose Pülverchen, die fast nichts kosteten, zubereiten ließ, die Patienten dennoch heilte, da diese dem Arzt, dessen Medizin und seinen gesundheitlichen Ratschlägen vertrauten. Über seine zahllosen Patienten vernachlässigte sich der gute Mann selbst. Anzeichen für seine eigene Krebserkrankung ignorierte er. Stattdessen arbeitete er bis wenige Tage vor seinem Tod. Er rieb sich buchstäblich im Dienst für seine Patienten auf. Eine leider heute nahezu ausgestorbene Gattung von praktischen Ärzten.

Auch der Zahnarzt wohnte gleich um die Ecke. Er konnte wegen seiner Gerätschaften zwar keine Hausbesuche machen, doch stand seine Tür immer offen, Tag und Nacht, Sonntags und am Feiertag. Wer Schmerzen verspürte, wurde behandelt. Dabei war er eigentlich gar kein Zahnarzt, sondern ein sog. Dentist. Er hatte kein langatmiges Studium absolviert, sondern eine Art Lehre absolviert. Psychologisch war er jedoch der beste Zahnarzt, von dem ich je behandelt wurde. Bei ihm im Behandlungsstuhl kannte man keine Angst. Mein Vertrauen in ihn als Menschen, als Arzt war unerschütterlich. Er legte viel Gewicht auf Aufklärung und Prävention. D.h. er brachte bereits Kleinkinder und deren Eltern dazu, sich regelmäßig der Zahnhygiene zu verschreiben. Dazu verteilte er extra kleine Kinder-Zahnbürsten und Mini-Zahnpasten. Außerdem erklärte er selbst Kindern ausführlich wozu all seine technischen Apparate dienten, er demonstrierte, wie er damit bohren, schleifen etc. konnte, und nahm so, bevor ein junger Patient in die Verlegenheit kam, einen Zahn angebohrt zu bekommen, jegliche Angst. Auch bestand er auf regelmäßigen Vorsorgebesuchen. Er hätte der Erfinder bzw. das Vorbild für den Werbezahnarzt sein können, bei dem die Patienten lächelnd aufstehen und sagen, er hat nicht gebohrt. Ich erinnere mich noch, wie glücklich ich jedes Mal seinen Stuhl verließ, nachdem er meine Zähne gecheckt, und keinerlei Probleme gefunden hatte. Damit ich nicht völlig “umsonst” gekommen war, pinselte er mir auf besonderen Wunsch meine Zähne bzw. das Zahnfleisch mit einer desinfizierenden Flüssigkeit ein und blies das Ganze mit seinem Mini-Gebläse trocken. Der Mann hat vielen Patienten ihre Zähne für ein ganzes Leben erhalten, den Kassen eine Menge Kosten erspart und wurde selbst, weil nicht studiert, viel schlechter entlohnt, als ein Zahnmediziner.

In Globalisierungszeiten ist seltsamerweise für so Jemanden kein Platz mehr. Er dürfte nicht mehr praktizieren, würde also von Hartz IV leben oder für Zeitarbeitsfirmen zu Hungerlohn jobben. Und das, obwohl er das System deutlich weniger kosten würde, als ein Zahnarzt, er dem System durch sein präventives System Unsummen sparen würde und angstfreie, glückliche Patienten produzieren würde.

Das ist das Seltsame im Zusammenhang mit der Globalisierung: nur bei den Löhnen taugt der Vergleich mit den Dritte und Vierte Welt Ländern. Geht es darum, auch deren reduzierte Standards oder innovative Lösungen zu übernehmen, herrscht eine seltsame Enthaltsamkeit, ja Ablehnung. Dabei könnten wir sehr wohl von pädagogisch, psychologisch naturbegabten, aber simpler ausgebildeten Zahnärzten, wie den früheren Dentisten, oder den chinesischen und indischen Landärzten profitieren. Die Ausbildung ähnlich qualifizierter und geringer ausgebildeter Ärzte würde die Ausbildungskosten radikal senken, sowie die Honorierung. Dass diese Art von Wanderärzten in Entwicklungsländern eine unbeschreiblich gute Arbeit leisten, ist Fakt.

Auch uns in einem überregulierten Land wie Deutschland würde es gut anstehen, Globalisierung nicht nur Rosinenpickend zu betreiben, indem wir uns an Mini-Löhnen orientieren, statt die in Dritte Welt Ländern damit einhergehende Flexibilität bei Bestimmungen, Anordnungen, Ausbildungssystemen etc. zu übernehmen.

Aufmerksamen Lesern beginnt zu dämmern, worauf ich hinaus will! Vieles von dem, was uns vor Jahrzehnten, zu Beginn der Globalisierungsdebatte, als Reform, als Vorteil, als Verbesserung verkauft wurde, hat, nach Einzug und Umsetzung der Globalisierung, zu massiven Nachteilen für breite Teile der Bevölkerung geführt.

Ich gehöre nicht und gehörte nicht zu den Bilderstürmern. Als beispielsweise die Digitalisierung Mitte der 80er Jahre einsetzte, war ich hellauf begeistert und unterstützte deren flächendeckende Einführung und Anwendung. Mich überzeugte z.B. dass der Einsatz eines PCs mit entsprechender Software das Abfassen von Texten und Schriftstücken deutlich vereinfachen und verbessern könnte. Musste zuvor eine Sekretärin einen Brief notfalls mehrfach tippen, bevor er fehlerfrei vorlag, konnten auf einem PC mit Textverarbeitung Fehler problemlos korrigiert werden. Ein einmal eingegebener Text war stets und immer wieder verwendbar. Noch bevor im zweiten Schritt die Existenz zahlreicher Sekretärinnen, damals abwertend Tippsen genannt, auf dem Spiel stand und diese ihre Jobs verloren, ging ich dazu über, einen Teil meiner geschäftlichen Korrespondenz selbst zu schreiben. Das hatte praktische Gründe. Die Zeit, die das Besprechen des Diktiergeräts, das Schreiben des Texts, das Korrekturlesen, die Korrektur der Fehler der Sekretärin etc. dauerte, konnte ich mühelos reduzieren, indem ich bestimmte Briefe selbst schrieb. Zumal man gewisse Floskeln abspeichern und wieder verwenden konnte. Außerdem konnte ich dank innerer Motivation schnell sehr gut mit der neuen Technik umgehen, während sich viele, besonders etwas ältere Mitarbeiter damit schwer taten, oder einfach nicht einsahen, weshalb sie sich nach Jahrzehnten in ihrer Arbeitsweise umstellen sollten.

Mein damaliges Vorgehen, als Führungskraft Dinge selbst zu erledigen, hat im Zuge der Globalisierung in großem Umfang Einzug in unsere Unternehmen gehalten. Das ist auch gut so. Gleichzeitig hat die neue Technik, sowie der Einsatz immer besserer Software natürlich, wie im oben beschriebenen Dienstleistungssektor, eine Menge Arbeitsplätze gekostet. Doch wie beschrieben, führen eingesparte Stellen nicht nur zu Kosteneinsparungen, sondern zwangsläufig fast immer auch zu einer teilweise massiven Einbuße an Service am Kunden. Außerdem werden die Einsparungen längst nicht mehr oder nur kurzzeitig an die Kunden in Form von gleichbleibenden oder sinkenden Preisen weiter gegeben. Nach einer gewissen Anstandsfrist werden für die reduzierten Angebote und Dienstleistungen deutlich höhere Prise gefordert, während gleichzeitig den Mitarbeitern stets geringere Löhne und Gehälter gezahlt werden, mit der Begründung, im Ausland sei dies zu diesem Preis zu bekommen bzw. die geringere Qualifizierung für die ausgeübte Tätigkeit lasse eine höhere Entlohnung nicht zu. Das ist Bullshit, und das wissen sämtliche Beteiligten!

Selbstverständlich könnten Unternehmen auch heute in Deutschland ausgeübte Tätigkeiten angemessen honorieren. Dass sie es seit nunmehr über zwei Jahrzehnten nicht tun, liegt daran, dass man Geld, auch wenn es sich um noch so viel handelt, bloß ein Mal ausgeben kann. Statt es über angemessene Einkommen an die Mitarbeiter mit zu verteilen, haben sich globalisierte Unternehmen mit Vorliebe US-amerikanische Verhältnisse zum Vorbild genommen. Dort werden und wurden schon immer für zahlreiche Tätigkeiten Hungerlöhne gezahlt (was möglich war, weil man ursprünglich Sklaven hatte, dann zahllose Einwanderer und Illegale aus Lateinamerika und Asien), während die Anteilseigner und Bosse der Firmen den Löwenanteil der durch die Mitarbeiter erwirtschafteten Gewinne einstreichen.

Es hat in der deutschen Industrie reihenweise binnen der letzten 25 bis 30 Jahre eine hohe Anzahl von Unternehmensbeteiligungen und -käufen in den USA bloß deshalb gegeben, weil die deutschen Vorstände über diesen Umweg amerikanische Honorierung für sich erreichen wollten. Ein besonders krasses Beispiel unter vielen, ist die Übernahme von Chrysler durch die damalige Mercedes-Benz AG. Was wurde uns nicht im Vorfeld von Synergieeffekten, Einsparpotential und dem Zwang durch die Globalisierung erzählt, um uns weißzumachen, weshalb ein wirtschaftlich kerngesundes deutsches Unternehmen partout ein marodes US Unternehmen kaufen muss.

Wir kennen die Entwicklung. Unsummen wurden in Chrysler gepumpt, das sich erneut als sprichwörtliches Groschengrab erwies. Ein vom Management und Vorstand von Beginn an beabsichtigter Nebeneffekt: die Vergütungen der Vorstände wurden von bescheidenen deutschen Zuständen an US-amerikanische angepasst. Dann erkannten die nun mit dem fünf- bis siebenfachen Einkommen honorierten Manager von Daimler-Chrysler, dass sie ohne das Groschengrab doch besser dastünden, und verkauften das noch immer marode Unternehmen. Plötzlich passte es sehr wohl in die Globalisierungsstrategie von Mercedes Benz, ohne einen amerikanischen Verlustbringer allein zu agieren. Und tatsächlich, das wieder national gewordene Unternehmen warf, vom amerikanischen Verlustproduzenten befreit, wieder enorme Profite ab. Was man aber eisern – trotz Verkauf – beibehielt, waren die üppigen us-amerikanischen Honorierungsmodelle für Vorstand und Management.

Ein sehr teures Unterfangen, um die eigenen Bezüge binnen kurzer Zeit um das Fünf- bis Siebenfache anzuheben. Die Mitarbeiter, deren Stammmannschaft im Gegensatz zu den Zeitarbeiten, schon immer ziemlich gut bezahlt wurden, mussten dagegen wegen der hohen Verluste durch Kauf und Verkauf Chryslers nicht nur für einige Jahre deutlich reduzierte Einkommenszuwächse hinnehmen, das Abenteuer kostete auch einige zehntausend Arbeitsplätze. Aber das zählt in Globalisierungszeiten nicht. Was zählt, ist, dass das Management von Daimler Benz seine Honorierung enorm steigern konnte, und auch die Anteilseigner trotz aller Turbulenzen immer gut mit Ausschüttungen bedient wurden. Management-Fehlentscheidungen haben in Zeiten von Globalisierung keinen Einfluss mehr auf deren Vergütungen. Die Zeche bezahlen Mitarbeiter, die ohne eigenes Zutun ihre Jobs entweder dauerhaft verloren haben, über einige Jahre mit geringerem Einkommen leben mussten, oder als stets zu feuernde Zeitarbeiter für an der Dritten Welt orientierten Hungerlöhnen die Profite erwirtschaften, die großzügig im Management und an die Shareholder verteilt werden.

Ich habe noch nicht einmal von der weltweiten Globalisierung begonnen. Vom Auslagern von Produktion in andere Länder oder Kontinente, von der schleichenden Abschaffung des Bargelds hin zur Abhängigkeit von Plastikkarte und Bankkonto. Ein kleines, persönliches Beispiel auch hierzu, aus meinem persönlichen, familiären Umfeld.

Mein Patenonkel besaß, gemeinsam mit seinem älteren Bruder eine Spielzeug-Fabrik. Allein, um als Kind in die Fabrik zu dürfen, und zuzuschauen, wie dort aus heimischen Holz und anderen natürlichen Rohstoffen wunderbares Natur-Spielzeug gefertigt wurde, wäre er mein Lieblingsonkel gewesen. Er war es aber auch, weil er ein lieber, sehr sympathischer Mensch war, der mich liebte und mir oft selbst gefertigtes Spielzeug schenkte, das es in seiner Fabrik gar nicht zu kaufen gab. Ein Mal im Jahr fuhr er nach Nürnberg, auf die noch heute stattfindende Spielzeugmesse. Hier orderten die Spielzeugläden aus dem In- und Ausland Spielzeug. Mein Onkel kam von einer dieser Messen glücklich nach Hause. Er hatte, wie er glaubte, das Geschäft seines Lebens abgeschlossen. Neckermann, damals der beliebteste Versandhändler Deutschlands, hatte einen riesigen Auftrag erteilt. Mein Onkel musste zusätzliche Mitarbeiter einstellen, Sonderschichten fahren, um pünktlich liefern zu können. Neckermann war zwar mit der Qualität und Lieferpünktlichkeit hoch zufrieden, nicht jedoch, dass es dasselbe Spielzeug auch im Laden um die Ecke gab. Also bestand Neckermann auf Exklusivität. Mein Onkel ließ sich darauf ein, missachtend, dass man sich im Wirtschaftsleben niemals in Abhängigkeit von einem einzigen Kunden begeben soll. Die anderen Kunden, selbständige Händler waren traurig, mussten nun bei der Konkurrenz ordern. Neckermann wartete anstandshalber ein Jahr, dann wollte er neue Konditionen. Exklusivität nach wie vor, aber wegen asiatischer Konkurrenten wurde der Preis gedrückt. Mein Onkel hatte keine Wahl mehr. Neckermann spielte das Preisspiel noch ein paar Jahre, bis mein Onkel begann drauf zu zahlen. Er brauchte zum Überleben höhere Preise. Doch Neckermann ließ ihn eiskalt abblitzen und ließ sich in Japan für einen Bruchteil – aus Plastik statt aus Holz – die Original-Spielwaren meines Onkels nachbauen. Für einen Anwalt, der die Patentverletzung hätte verfolgen können, fehlte bereits das Geld. Die Fabrik musste schließen. 50 Mitarbeiter verloren ihren Job, meine beiden Onkel ebenfalls, allerdings blieben ihnen die Verbindlichkeiten der Firma. Die nächsten zwanzig Jahre zahlte mein Onkel diese bei seiner Bank bis auf den letzten Pfennig ab. Da war zwar Neckermann selbst längst pleite, doch das half weder meinem Onkel, noch den Mitarbeitern, noch den deutschen Händlern und Kunden.

Spielzeug ist heute überwiegend aus gesundheitlich schädlichem Plastik, von elend bezahlten Menschen in Fernost im Akkord gefertigt. Für Holzspielzeug, wie es mein Onkel für jedermann erschwinglich produzierte, zahlen heute ökologisch denkende oder und gut betuchte Eltern horrende Summen, und die Kinder plärren trotzdem, weil sie den Plastikschrott aus der Werbung besser finden und lieber wollen.

Ich könnte zahlreiche weitere Beispiele anführen. Statt dessen zurück zu mir und meiner generellen Globalisierungskritik, die den beabsichtigten TTIP Vertrag einschließt. Ich war zwar zu Beginn der Achtziger skeptisch, aber nicht grundsätzlich gegen Globalisierung. Allerdings fehlte mir schon damals der Glaube, durch Globalisierung würde es für Alle besser.

Ich selbst war damals in einer Branche, die nicht sehr von der einsetzenden Globalisierung gebeutelt wurde, als vielmehr von der bundesrepublikanischen Demoskopie. Die Schulbuchbranche hatte dank der sog. bevölkerungsstarken Jahrgänge seit 1949 immer neue Höhen erklommen. Doch bereits Ende der Siebziger Jahre zeigte sich, dass wir Deutsche nicht mehr so viele Kinder wollten, wie unsere Eltern-Generation. Mit den Kindern brach die Nachfrage nach Schulbüchern ein. Das hatte nichts, zumindest nicht direkt, mit der Globalisierung zu tun.

Ich wich in den Bereich der Fachbuchverlage aus, nicht ahnend, dass bedingt durch die einsetzende Digitalisierung, auch dieser Bereich, wie die gesamte Verlags- und Buchbranche vor enormen Herausforderungen stand. Auch hier hatte im Zuge der Globalisierung neben einer Marktkonzentration eine globale Komponente Einzug gehalten. Zahlreiche damals eigenständige und profitable Verlage wechselten ihre Besitzer, in zunehmendem Maß auch in ausländische Eigentümerschaft.

Der altehrwürdige Verlag, bei dem ich angeheuert hatte, blickte auf eine 180 jährige Tradition zurück, hatte aber nur noch zwanzig Jahre vor sich, ohne dies zu wissen. Man hätte es ein wenig ahnen können, denn es ging dort, Mitte der Achtziger noch behäbig zu, wie in der guten alten Zeit. Deshalb lauerte bereits ein Aufkäufer, eine adrette, mittelständische Verlagsgruppe, um das waidwunde Unternehmen aufzukaufen. Doch der kleinere Aufkäufer hatte sich am größeren Unternehmen verschluckt. Auch hatte man nicht erkannt, dass das Geschäftsfeld des Traditionshauses vom sich ausbreitenden Internet Schachmatt gesetzt werden würde. Ich hatte immerhin erkannt, keine Zukunft im neuen Management zu haben, da man ja globalisierungstechnisch „verschlanken“ würde, sprich Arbeitsplätze abbauen. Also wandte ich mich einer Verlagsgruppe zu, die bereits auf den neuen Zug der Zeit aufgesprungen war, sich selbst bereits eifrig in der schönen neuen Welt der PCs und Software tummelte. Es waren noch immer die Achtziger. Im Zuge der Globalisierung, dem Outsourcen von Produktion und Arbeitskapital, schwappte aus den USA die unselige Rendite-Gläubigkeit zu uns herüber. Plötzlich galt es selbst im Fachbuchbereich als möglich, statt der bisherigen rund 5 Prozent Rendite, 12, 15, 20 Prozent zu erwirtschaften.

In einem Goldgräbermarkt, neues Produkt, neue Dienstleistung, ist das vorübergehend möglich, nicht jedoch auf Dauer oder generell. Das hat die bisherige Globalisierung, mitsamt ihren crashes und Einbrüchen gezeigt, zuletzt 2008. Wer glaubt, es ließen sich permanent zweistellige Zuwächse oder Profite erzielen, der ist naiv, ein Idiot, oder ein Spekulant. Ich war damals zwar für zwei Jahre in der Lage, die gewünschte aberwitzige Rendite einzufahren. Das Einkommen stieg, der Dienstwagen wurde größer, die Extras umfangreicher und ausgefallener. Dann ereignete sich das, was wir in größerem Zusammenhang aus 2008 als „Blase“ kennen. In unserem Fall war es bloß ein kleines, brancheninternes Bläschen, doch dieses genügte, um uns die Zweistelligkeit bei der Rendite zu kosten.

Damals war, ebenfalls im Rahmen der Globalisierung, das Telefonmarketing zu uns rüber geschwappt. Ich war von den neuen Möglichkeiten und Optionen begeistert und baute eine interne Abteilung auf, setzte aber auch exzessiv externe Dienstleister ein. Trotzdem ließ sich von der Konzernzentrale keine Phantasierenditen vorgeben. Als verlangt wurde, auch halbseidene, damals noch nicht verbotene Verkaufs-Maßnahmen einzuleiten, um auf Teufel komm raus, eine Phantomrendite zu erreichen, um den Preis, Kunden zu betrügen, war meine Grenze erreicht. Ich verließ das „global agierende“ Unternehmen. Sechs Jahre später rächte sich der „Markt“, sprich die Kunden, denen die Methoden nicht gefielen, und die Gruppe musste sich „verschlanken“, sprich Unternehmensteile verkaufen, Mitarbeiter frei setzen, wie das so schön heißt.

Ich war inzwischen in der wieder vereinigten Republik angekommen. In einer, von der Treuhand mehr oder weniger, für einen symbolischen Preis verschenkten Unternehmensgruppe der nicht mehr existenten DDR. Das hatte für meinen Geschmack zu viel mit Abwickeln, und viel zu wenig mit langsamer Überführung in die Marktwirtschaft zu tun. Das Einzige, was rapide sank, war die Zahl der Mitarbeiter. Von einer vierstelligen Zahl binnen 18 Monaten auf rund 200.

Dem neuen Eigentümer ging es, wie sich zeigte, absolut nicht um seine Mitarbeiter, oder das angestammte Fachverlags-Geschäft. Er wollte vor allen Dingen die „verborgenen Schätze“ heben, die Unternehmenswerte zu Geld machen. Wie in der DDR üblich, gehörten zum Unternehmen einige Immobilien in exponierter Lage. Diese sollten entweder, wie jenes Ferienheim an der Ostsee, auf dem Darß gelegen, verkauft, oder Bürohochhäuser im Zentrum Berlins, rasch „entvölkert“, renoviert und zu hohen Mieten auf den Gewerbe-Markt geworfen werden. Dabei half die Treuhand nicht nur tatkräftig und aktiv, sie sponserte den massiven Abbau von Arbeitskräften und den Aufbau von totem Kapital, in Form von Immobilien, mit mehreren weiteren Geldspritzen. Zum Dank verlegte der Verlag eine Propagandaschrift der Treuhand, in welcher diese sich und ihre Arbeit beweihräucherte. Ohne nachzurechnen oder mit der Wimper zu zucken, legte die Treuhand dafür den fünffach üblichen Preis auf den Tisch.

Ja, das waren fantastische Globalisierungszeiten, kurz nach der Wende. Ich konnte und wollte mich dazu nicht hergeben, und verließ das Treuhand-gesponserte Unternehmen.

Inzwischen hatte in Deutschlands Firmen und Management auch globalisiertes Benehmen und globalisierte Un-Sitten Einzug gehalten. Nie zuvor in meinem beruflichen Dasein machte ich, als gestandener Manager mit ausgewiesener Reputation derart negative Erfahrungen, wie Ende der Neunziger Jahre. Eine so dramatische Verrohung der Sitten, eine Ver-Primitivierung der Gepflogenheiten hatte ich noch nie erlebt. Was ich in jener Zeit, anlässlich meiner beruflichen Neuorientierung erlebte, spottet jeglicher Beschreibung. Obwohl ich auf namhafte Personalvermittler sowie einen ebenfalls vom Unternehmen gesponserten persönlichen Couch zurückgreifen konnte, stieß ich erstmals im Leben auf Firmen, die einen Bewerber um einen Managementposten zwar einfliegen ließen, sich anschließend jedoch weigerten, die Kosten zu erstatten. Übrigens keine Klitsche, sondern ein Unternehmen mit Namen und Renommee. Erst mein Anruf beim damaligen Bundesgeschäftsführer des BDI und dessen unmissverständlicher Anruf brachten das Unternehmen zur Räson. Als dann der Namenspartner einer eigentlich angesehenen Personalberatung im Gespräch mit mir eine Art Nullachtfünfzehn Show abziehen wollte, wie sie mittlerweile in Assessment-Centern für Berufseinsteiger üblich geworden sind, langte es mir, und ich verließ das Gespräch, nicht ohne dem Mann meine Meinung klar und unmissverständlich „gegeigt“ zu haben.

Das alles sind keine kleinen, lässlichen Ausrutscher mehr, das geht zurück auf eine Verrohung der Umgangsformen und Sitten, wie sie angeblich im Rahmen der Globalisierung üblich und von Vielen hinnehmbar geworden sind. Den absoluten Schlusspunkt setzte eine seinerzeitige Vorstandsvorsitzende eines wirklich namhaften Konzerns, die mich als Bewerber für die eigenständige Leitung eines Konzernteils in die Zentrale geladen hatte. Es war zwar erst gegen Ende der 90er Jahre, dennoch gab es bereits Mobilfunk, ich selbst verfügte, ebenso wie die Dame längst über ein Mobiltelefon, wäre somit auf der Anreise erreichbar gewesen. Als ich eintraf bat mich die Vorstandsassistentin um etwas Geduld, da eine Sondersitzung des Vorstands tagte. Ich begab mich in die nahe Innenstadt um in einem schönen Café etwas zu trinken und mich zu stärken. Ich ließ mir extra mehr Zeit als vereinbart, um neuerliches Warten zu vermeiden. Doch selbst nach zwei Stunden Wartens, stand meine Gesprächspartnerin noch immer nicht zur Verfügung. Da ich für die Situation keinerlei Verständnis mehr hatte, empfahl ich mich. Obwohl die bemühte Vorstandsassistentin umgehend in die Sitzung ging und die Dame informierte, hielt diese es nicht für nötig, selbst für eine Minute den Kopf aus der Tür zu strecken und sich zu entschuldigen.

Zuhause nahm ich die „Rote Bibel“ zur Hand, das Rotarier-Mitgliedsverzeichnis, suchte den Namen des Aufsichtsratsvorsitzenden heraus und informierte diesen über den Vorgang. Die Dame wurde – nach einer Anstandsfrist, die dem Unternehmen das Gesicht wahren sollte – von ihrer Funktion entbunden. Selbstverständlich stand ich für einen zweiten Termin nicht zur Verfügung. Stattdessen heuerte ich damals in einem ausländischen Konzern an, was mir die Möglichkeit gab, die Globalisierung einmal aus nicht deutscher Warte kennen zu lernen. Wie sich zeigte, hat die Globalisierung die Einstellung und den unternehmensinternen Umgang nicht nur in Deutschland, sondern EU-weit – sicher weltweit – negativ beeinflusst und kriminalisiert. Solange man, gerade als Mitglied der Führungsmannschaft, mit den Wölfen heult, sprich sich halbseidenen bis teils nicht legalen Methoden ergibt, steht dem persönlichen Vorankommen und der Einkommensentwicklung nichts im Weg. Sobald man jedoch an gewisse Standards legaler, steuerlicher, mitarbeiterorientierter Art erinnert, bzw. auf deren Einhaltung besteht, zeigt sich das eher hässliche Gesicht, eher eine Fratze, der globalisierten Wirtschaft. Gerade haben wir erlebt, wie ein auf kriminellen Machenschaften aufgebautes Unternehmenskonzept – das von Wirecard – zusammen gestützt ist. Ich mag mir gar nicht vorstellen, was in dieser Hinsicht in den USA und anderen westlichen Staaten abläuft und noch nicht an die Öffentlichkeit gedrungen ist.