Der Matrosenanzug – Betrachtungen zur Bekleidung, Globalisierung, Umwelt

Kleidung hängt und hing, speziell früher, eng mit dem sozialen Status seiner Träger, im Fall von Kindern, dem der Eltern zusammen. Weber-Kellermann beschreibt es so: „Kinderkleidung ist objektiv und subjektiv ein deutliches Zeichen der Kindheit, – eingebunden in ein kompliziertes Geflecht von wirtschaftlich-sozialen, ästhetisch-psycho-logischen und handwerklich-technischen Bedingungen. Die materielle Lage der Eltern spielt für die Kinderkleidung eine wichtige Rolle, aber auch das Bewußtsein ihrer gesellschaftlichen Position … Kleider machen Leute sagt das Sprichwort. Kleider sind also Zeichen, die etwas ausdrücken und eine Gruppenzugehörigkeit signalisieren, wie sie von dem Träger gewünscht oder ihm von anderen auferlegt wird. Das gilt … auch für die Kinder, nur daß bei diesen die Fremdbestimmung den eigenen Willen meistens überwiegt … Soziale Hierarchie, Gruppengeist, Standesbewußtsein … bestimmen das kindliche Kleidungsgehabe … Die Armen mußten ihre Armut auch in der Bekleidung ihrer Kinder offenbaren“. 

Dem Sprachduktus von Weber-Kellermann ist zu entnehmen, dass diese, als sie ihr Buch Mitte der 1970er Jahre schrieb, davon ausging, dass das kleidungsmäßige Klassenbewusstsein der damaligen Gesellschaft der Bundesrepublik weitgehend neutralisiert sei. Heute, in Hartz IV Zeiten, dürfte der letzte Satz, dass Kinder mittels ihrer Kleidung die Armut bzw. den Reichtum ihrer Eltern zum Ausdruck bringen, leider wieder ebenso aktuell sein, wie vor gut 100 Jahren, im Kaiserreich.

Ein ganz spezielles Kleidungsstück früherer Kinderzeit war der Matrosenanzug. Seine Entstehung hat einen militärischen wie gesellschaftlichen Hintergrund. Während eine frühe Spielart des Matrosenanzugs von Kindern revolutionär eingestellter Eltern bereits im letzten Viertel des 18. Jahrhunderts bevorzugt getragen wurde, entstand jene Art von ihm, in die noch ich in Kindertagen gekleidet wurde, am englischen Königshof. Natürlich möchte man hinzufügen, auf Initiative eines deutschen Prinzen, nämlich des englischen Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Für seinen erstgeborenen Sohn, den Thronfolger Albert Edward, Prince of Wales, ließ der stolze Vater den oben abgebildeten Matrosenanzug fertigen, wie das Gemälde von 1846 zeigt, dass der deutsche Maler Winterhalter malte. Aus dem vormals revolutionären Kleidungsstück und Sinnbild der englischen Marine wurde Bekleidung für den Hochadel. Da konnten und wollten die deutschen Cousins und Cousinen des englischen Königshauses nicht nachstehen, so dass es der preußische Königs- und später Kaiserhof war, der den Matrosenanzug für Kinder des Adels und Großbürgertums in Deutschland populär machte. „Der … Matrosenanzug war zur Standeskleidung der Kinder des gehobenen Bürgertums geworden und signalisierte deren elitär nationales Bewußtsein … Stoffart und Schnitt ließen merken, wohin man gehörte“. (Ingeborg Weber-Kellermann: Der Kinder neue Kleider, S. 112) Auch im Hause Thomas Mann trugen die Kinder Matrosenanzüge, wie das Foto von 1919 beweist, auf welchem Golo und Klaus Mann damit bekleidet sind, s. Abb.

Erstaunlich, dass selbst ich, noch rund 40 Jahre später, einen Matrosenanzug trug. Das war aus zweierlei Gründen bemerkenswert:

  1. Meine mütterlichen Großeltern zählten, gemäß Einkommen und Status, damals zum unteren Mittelstand
  2. Mein Matrosenanzug wurde dennoch von einem Schneidermeister nach Maß  für mich gefertigt

Was somit auf den ersten Eindruck unstimmig wirkt, macht auf den zweiten Sinn. Großvaters Eltern hatten zum Großbürgertum gehört. Meine Urgroßmutter stammte aus Unternehmerkreisen und hatte ein kleines Vermögen mit in die Ehe gebracht. Urgroßvater hatte am Technikum studiert, war im gehobenen Dienst der Reichsbahn als Ingenieur tätig, und war nebenher Großaktionär einer AG, (er verfügte im Lauf seines Lebens über 25 bis 40% der Aktien) war viele Jahrzehnte Aufsichtsratsmitglied und zeitweise Vorsitzender des Aufsichtsrats besagter AG. Insofern wuchs mein Großvater in einem großbürgerlichen Umfeld auf, umgeben von Dienstboten: einem Kinderfräulein, einer englischen Gouvernante, Haushälterin etc. Er besuchte das Gymnasium, ohne allerdings Abitur zu machen, studierte zwei, drei Semester an der Kunst-Akademie, wurde daher mit einem gewissen Maß an Bildung und Kultur groß, die sich nicht verflüchtigte, als er, gegen den ausdrücklichen Willen und Wunsch des Vaters meine Großmutter heiratete, die aus einer Handwerkerfamilie stammte. Vom Vater enterbt, den monatlichen Wechsel gestrichen, die Tätigkeit in der AG verloren, fristete Großvater die Jahre zwischen 1925 bis 1938 in finanzieller Armut und langen Phasen der Arbeitslosigkeit. Freunde, die bei den an die Macht gekommenen Nazis Karriere gemacht hatten, engagierten sich für den gesellschaftlich tief gefallenen Freund und verschafften ihm und seiner Familie, um den Preis der Mitgliedschaft in NSDAP und später SS, bescheidenen Anteil am neureichen Nazi-Dasein. Großvater wurde Adjutant eines SS Offiziers, dem Leiters einer Nazi Junkern-Schule, d.h. tief innerhalb des braunen Sumpfes. Dies brachte ihn unter den Alliierten für vier Jahre ins Internierungslager. Ende 1949 zurück im Privatleben und wieder zivil, folgte erneut eine lange Phase der Arbeitslosigkeit und somit klammer Finanzen. Erst Mitte der 50er Jahre fand Großvater wieder eine Festanstellung. Von einem der ersten Gehälter muss er meinen Matrosenanzug bezahlt haben.

Obwohl ihm die beiden Kriege in die er involviert war, der Erste wie der Zweite, persönlich wie familiär nur Nachteiliges gebracht hatten, änderte Großvater seine, offenbar in der Kindheit angelegten Prinzipien nie. Sein „elitär nationales Bewußtsein“ hatten sowohl sein Kaiser, als auch Hitler, für ihre unlauteren Zwecke schamlos ausgenutzt. Auch wenn ihn der Zweite Weltkrieg seinen ältesten Sohn gekostet hatte, blieb Großvater vom Nutzen und Wert einer nationalen Armee sein Leben lang überzeugt. Insofern kannte er keinerlei Berührungsängste mit militärischen Symbolen, wie sie ein Matrosenanzug symbolisiert. Als Nachkomme mehrerer Vorfahren mit zeitweilig militärischer Vita, war und blieb Großvater dem preußisch-militärischem Ideal verhaftet, wie es seine Kindheit und Jugend geprägt hatte. Insofern wünschte er, über das Tragen dieser militärisch angehauchten Kleidung, seine Ansichten und Überzeugungen auf mich, seinen Enkel, zu übertragen. Das misslang gründlich: ich habe nie gedient und den Wehrdienst nur deshalb nicht offiziell verweigert, weil ich auch so elegant um ihn herumkam. Ich habe mit Militärischem nichts am Hut, lehne Militarismus in jeglicher Form und Ausgestaltung ab, ja halte Militär, in Verbindung mit Nationalismus, für eine der gefährlichsten emotionalen Drogen der Welt. Ungeachtet dessen symbolisiert mein Matrosenanzug – es blieb der erste und einzige – die tief verwurzelten großbürgerlichen Ansichten und Überzeugungen, die mein Großvater Zeit Lebens hoch hielt und lebte, obgleich sein reales Leben sich, angesichts der weiter oben angesprochenen finanziellen Umstände, eher in den Sphären des Kleinbürgertums abspielte.

Meine Tanten und Onkel, Töchter und Söhne Großvaters, die dadurch in finanziell problematischen, nahezu proletarischen Verhältnissen (zumindest finanziell gesehen) aufwuchsen, identifizierten sich nie mit den, von ihrem Vater hochgehaltenen, großbürgerlichen Verhaltensweisen und Vorstellungen, sondern ausschließlich mit denen ihrer kleinbürgerlichen Mutter, meiner Großmutter mütterlicherseits. Sie litten lebenslang unter den begrenzten finanziellen wie gesellschaftlichen Möglichkeiten, unter denen sie in den 1920er und 1930er Jahren aufwuchsen. Sie empfanden ihren Vater deshalb als kleinbürgerlich, da er, aus welchen Gründen auch immer, anders als in meinem Fall, es nicht vermochte, ihnen seine, ihm in Kindheitstagen vermittelte Bildung, sein Interesse an Kultur, Geschichte, Archäologie wie Literatur, näher zu bringen. Es war mein Großvater, nicht Großmutter, der mein Interesse für Bücher und Literatur weckte, indem er mir von klein auf jeden Abend aus zahlreichen Kinder- und Märchenbüchern vorlas. Er weckte mein Interesse für Archäologie wie Geschichte, indem er mir sein diesbezügliches Wissen vermittelte, welches, mit Abstand betrachtet, weniger nationalsozialistisch, als vielmehr preußisch-kleindeutsch-national ausgerichtet war. Er vermittelte mir die grundsätzliche Ehrfurcht, aber auch grundsätzliches Interesse für Kultur.  Insofern war ich erstaunlich gut vorbereitet, als ich, wegen der zweiten Ehe meiner Mutter, auf halber Strecke zwischen Geburt und Erwachsenwerden, mit 10 Jahren, aus dem kleinbürgerlich, finanziell beengtem Milieu der Großeltern in das großbürgerliche meines Stiefvaters wechselte. 

Auf nebenstehendem zweiten Foto trage ich ebenfalls lauter maßgeschneiderte, vom erwähnten Schneidermeister genähte Kleidung. Selbst der Mantel, mit Pelzkragen und Hornknöpfen, war mir auf den Leib geschneidert worden. Es war eben bis Ende der 50er Jahre einfacher, sich seine Kleidung vom Schneider anfertigen zu lassen, statt von der Stange zu kaufen. Mit dem Wechsel nach Süddeutschland änderte sich dies. Statt maßgeschneiderter Kleidung wurde ich dort in besonders exklusiven Spezialgeschäften, etwa Boutiquen, eingekleidet, bis ich die Sache ein paar Jahre später selbst in die Hand nahm, und mich in den damals beliebten US-Läden mit Jeans und Parka etc. einkleidete.

Das dritte Foto, aufgenommen am 26. Oktober 1965, ich war 12 Jahre alt, anlässlich der Hochzeit meiner Mutter mit meinem Stiefvater, zeigt mich, angetan mit teuren Klamotten, die besagte exklusive Bekleidungsläden damals für Menschen mit zu viel Geld verkauften: eine US-mäßige Hochwasserhose, statt wie zuvor aus 100% reinem Naturmaterial und handgenäht vom Schneider, nun bereits mit eingewebtem Kunststoffanteil. Ich hasste diese und andere Hosen, da meiner Haut die Naturprodukte weit sympathischer gewesen waren, weshalb ich so rasch als möglich auf Jeans umstieg, die damals ebenfalls zu 100% aus Naturfaser bestanden. Das Jackett, welches ich tragen musste, da mich meine Mutter unbedingt plötzlich so ausstaffieren wollte, wie es ihrer Vorstellung von Oberklasse-Kindern entsprach: ein englisches Club-Jackett  mit einem in Deutschland völlig überflüssigem Signet eines englischen Herrenclubs. Für meine Mutter zählte nur Eines: der Preis. Je teurer etwas war, das sie sich nun, mit dem Geld ihres Mannes kaufen konnte, umso besser und wertvoller musste es ihrer Ansicht nach sein. Dass Preis und Qualität kaum etwas miteinander zu tun haben, hat sie bis zu ihrem Tod nie verstanden, wie sie nie einen Warentest gelesen hat, sondern stets einen „Namen“, ein sog. Markenprodukt mit möglichst hohem Preis kaufte, statt das qualitativ beste Produkt.

Den Abschluss meiner kurzen „Kleidungs-Show“ bildet mein Konfirmationsanzug, den ich anlässlich besagter Konfirmation am 25. März 1968, also Monate vor meinem 15. Geburtstag, tragen musste, um den Vorstellungen meiner Mutter und meines Stiefvaters nach angemessener Kleidung gerecht zu werden. Für meine Mutter war natürlich ein möglichst hoher Preis ausschlaggebend gewesen; für meinen Stiefvater die Tatsache, dass der Anzug im damals besten Geschäft am Ort gekauft wurde, natürlich für höllisch viel Geld, geschneidert von irgendeinem Markenunternehmen, dass sich das eingenähte Firmensignet irrsinnig viel Geld kosten ließ, wie bei sog. Markenklamotten üblich. Anhand des Stoffes, der Machart, des Schnitts, davon war mein Stiefvater überzeugt, würden die anderen Eltern erkennen, dass er sich als Millionär nicht hatte lumpen lassen, seinem Stiefsohn ein adäquates Outfit zu verpassen, das seiner sozialen wie finanziellen Stellung gerecht wurde. Meine Ansicht spielte keinerlei Rolle. Ich habe den Anzug nur selten getragen. Da ich im folgenden Jahr enorm wuchs, konnte ich ihn gottlob nicht länger nutzen. Er wurde von einem Schneider umgearbeitet, und meinem Patenonkel, klein von Statur, „vererbt“, sprich geschenkt. Onkel Hubert hat in meinem ehemaligen Konfirmationsanzug eine Reihe gesellschaftlicher Ereignisse absolviert. Ich hingegen trug da längst ausschließlich Jeans in allen Farben und Formen. 

Heute trage ich aus Gründen des Umweltschutzes und der Ressourcenschonung ausschließlich Second-Hand Kleidung. Erstaunlicherweise besaß ich dennoch nie in meinem Leben mehr Markenklamotten als heute, weil die halt von ihren vormals reichen Besitzern oft und frühzeitig fort geworfen werden, und, weil die teuren Namen zumindest eine ordentliche Qualität aufweisen, weshalb sie auch gebraucht noch lange Jahre zu tragen sind. Erworben werden die gebrauchten Schätzchen von mir für zwischen 50 Cent und maximal 4 Euro pro Kleidungsstück. Nie hatte ich ein reineres Gewissen darüber, was ich trage. Inzwischen habe ich mein Tun auf fast sämtliche Bereiche meines Lebens ausgedehnt: ich kaufe nur noch gebrauchte, uralte Möbel, trage weggeworfene Marken Klamotten anderer Menschen, nutze ursprünglich sündhaft teure Business PCs in der gebrauchten, Second-hand-Billig-Version für wenig mehr als 100 Euro. Dass ich dadurch Ressourcen schone, CO2 spare, der Umwelt helfe, sowie ein reineres Gewissen habe, ist der kostenlose „Mehrwert“ derartigen Verhaltens. Allein dies beweist, in was für einer völlig überzogenen Welt wir heute leben. Einzig bei meiner Nahrung nutze ich keinerlei Second-Hand Angebote, etwa Tafeln für Bedürftige. Da kaufe ich nicht abgelaufene, einwandfreie Ware, allerdings so viel als möglich vom örtlichen Bauern um die Ecke, möglichst ökologisch erzeugt. Auf Fleisch aus Massenproduktion verzichte ich seit Jahrzehnten. Die Eier liefert ebenfalls besagter Bauer; auf Fleisch verzichte ich, wie erwähnt bewusst und bereits seit Jahrzehnten, weil mich die Massentierhaltung schon immer abgestoßen hat.

Gut wäre es, es gäbe ähnlich dem kleinen natürlich produzierenden Bauern um die Ecke noch den erwähnten selbständigen Schneider, der einem die benötigte Kleidung auf den Leib schneidern würde, und von seiner Hände Arbeit leben könnte, statt dass unterbezahlte Lohn-Sklavinnen in Asien, unter menschenunwürdigen Umständen, unsere Klamotten herstellen, deren Profit sich die hiesigen Händler und der örtliche Fabrikbesitzer teilen. Auch den selbstständigen Bäcker von früher hätte ich viel lieber um die Ecke, als all den künstlich erzeugten und aufgebackenen Kram in Bäckereiketten oder im Supermarkt. Ich würde es bevorzugen, es gäbe noch den Milchmann, der mit seinem Transporter herumfuhr, um seine Milch, seinen Quark, seinen Käse bis vor die Haustür zu liefern. Er und seine Frau und ein, zwei Angestellte hatten auskömmliche Jobs, die heute weitgehend von roboterartigen Maschinen und ein paar überaus mies honorierten Arbeitern in überdimensionierten Molkereien erledigt werden. Gern sähe ich den kleinen Kaufmannsladen um die Ecke, der alles für den täglichen Gebrauch verkaufte, nötigenfalls anschrieb und ins Haus lieferte, ohne Zusatzkosten. Stattdessen muss ich in entmenschlichte Supermärkte, dort für mein Geld auch noch eifrig mitarbeiten – die Ware in den Einkaufswagen, auf das Band, zurück in den Wagen hieven – während der Kaufmann früher mir die Waren sogar in einen Baumwollbeutel oder eine Papiertüte packte, ohne dafür extra Geld zu verlangen. Und der Feinkosthändler von früher trug einem die Tüten gar ans Auto und lud sie dort ein. Dies erwähnten Dienstleistungen kosteten nicht mehr als wir heute für das Selberarbeiten und Tragen im Supermarkt zu löhnen haben. Ganz schön schizophren, oder?

Wir haben um angeblicher Preisvorteile willen, aus Gründen der Globalisierung, die angeblich auf der ganzen Welt alles besser und billiger machen sollte, nahezu sämtliche Lebensqualität und Millionen auskömmlich bezahlter Jobs aufgegeben, und werden nun, da keine Konkurrenz und Alternative mehr existiert, online wie stationär, nach allen Regeln der Kunst abgezockt. Längst haben wir vergessen, dass wir uns alle nur deshalb ein Auto anschafften, weil wir damit zu den billigen Tankstellen und Supermärkten auf der grünen Wiese fahren konnten, sowie ein Mal im Jahr in den Urlaub. Heute fliegen wir, der Sprit ist überall gleich teuer. Dennoch haben wir nach wie vor ein Auto, in der Regel heute einen SUV, der besonders viel Sprit schluckt und extrem umweltbelastend ist. Wir konsumieren, was auch immer uns als trendy oder notwendig dargestellt wird, akzeptieren, dass Millionen Menschen dafür weltweit schlimmer leiden, als antike Sklaven, rasen jedem noch so aberwitzigem Trend, jeder noch so unglaubwürdigen Theorie hinterher, nutzen dazu ein Gerät, das bis vor drei Jahrzehnten nicht mal existierte, doch von dem wir heute denken, wir könnten ohne es überhaupt nicht mehr existieren: das Handy.

Die Konzerne und Banken tun alles in ihrer Macht stehende, um dies Realität werden zu lassen. Längst nützt ein Konto überhaupt nichts mehr ohne ein Handy. Um zu bezahlen oder zu überweisen, benötige ich inzwischen so ein völlig unnützes Ding, da sonst kein Geld fließt, obwohl es mir gehört. Selbst wenn ich mich mit zwei Passwörtern und drei verschiedenen Sicherheitsabfragen online in mein Bankkonto einlogge, kann ich längst ohne mein Handy nicht mehr darauf zugreifen, kann weder den Kontostand abfragen, geschweige denn eine Überweisung vornehmen. Bald bestehen wir überhaupt nur noch aus Handy. Habe ich keines mehr, geht es kaputt, verliere ich es, wird es gestohlen, existiere ich nicht länger, denn ich kann ohne es bald meine Existenz gegenüber keiner Institution, keiner Bank, Niemandem mehr belegen. Wir begeben uns unaufhaltsam unter die Aufsicht von Soft- und Hardware, die demnächst darüber entscheiden wird, ob wir noch existieren (dürfen) oder nicht.

Was für eine bescheuerte Welt, was für ein sklavisch abhängiges Leben von einer technischen Apparatur, die wir Menschen entwickelt und gebaut haben. Doch längst sind wir nicht mehr Herren des Geschehens. Mehr und mehr übernehmen Algorithmen, dahinter stehende Software und von unendlich viel Energie abhängige Maschinen unsere Entscheidungen, unser Leben. Gnade uns Gott, wenn der Strom, der all das antreibt, einmal komplett ausbleibt. Dann geht rein nichts mehr, und wir kommen im Zweifelsfall weder aus noch in unsere Wohnungen, haben keinen Zugriff auf unser Geld, kein Wasser fließt ohne Strom, kein Telefon, schon gar kein Handy funktioniert. Die Cloud ist tot, ohne Energie, niemand kann nichts mehr bestätigen. Keiner existiert mehr, kann es zumindest nicht mehr beweisen.

Auf was für ein Himmelfahrtskommando haben wir uns da eingelassen? Wer kann, wer will das noch stoppen? Irrsinn hoch drei. Dabei ist die Klimakatastrophe bereits da, das Virus ebenso, die maximale Anzahl von Arbeitsplätzen bereits abgebaut, und dennoch machen wir weiter, als sei nichts geschehen, wie bisher. Wie bescheuert sind wir eigentlich? Wo soll das enden? Wer beendet es?

Ausgangspunkt all dieser Überlegungen und Ausführungen war ein Matrosenanzug. Ein Kleidungsstück, heute verpönt, als nicht zeitgemäß angesehen. Bleibt die Frage, ob das, was wir im Gegenzug dafür eingetauscht haben, es wert war und ist?