Vollmoeller und die aktuelle Flüchtlingskrise – Gedicht eines überzeugten Europäers

Liest man dieser Tage eines der Altersgedichte Karl Vollmoellers, welche dieser während seiner mörderischen Internierung 1942 in den USA schrieb, von eigener Todeserfahrung und Todesangst ebenso umgeben, wie von unheilschwerer Angst um sein Europa, dessen Errungenschaften Hitler und dessen Nazis soeben in Schutt und Asche legten.

Vollmoeller hat sein Gedicht schlicht EUROPA überschrieben:

O Mütterchen Europa – schmaler Ast,
Dem Urbaum Asien suchend vorgebogen,
Gekrümmt wie unter allzuschwerer Last,
Von Räude, Schorf und Fäulnis überzogen,
Tief ausgehöhlt von bohrend finstern Kräften,
Verdörrt, vermorscht, entblättert, totgeglaubt –

Vollmoellers Vokabeln für sein damals zu Grunde gehendes Europa, das Vollmoeller, als überzeugtem Europäer, Gründungsmitglied der Pan-Europa Bewegung, ebenso sehr am Herzen lag, wie das eigene Leben, dass durch fehlende medizinische Betreuung, mörderische Hitze in der texanischen Wüste, mangelhafte Ernährung und andere unmenschliche Behandlung im amerikanischen Internierungslager akut gefährdet war, klingen so, als beschrieben sie die aktuelle Situation 2015 bis 2019 in Deutschland und Europa, in der nationale Egoismen die europäischen Werte über den Haufen werfen.

Vollmoellers Gedicht fährt fort:

Jahrhunderte vergehn wie Tag und Nacht:
Viel ist getan und wenig ist vollbracht.
Längst hingewürgt die Edelsten und Besten
Dann baut die Welt sich neu aus kargen Resten

Ein trügerisch farbenreicher Friedensbogen…
Brände erlöschen, Waffen ruhen länger…
Da – Jugend, leicht verführt und rasch betrogen,
Folgt blind der Pfeife neuer Rattenfänger,

Es scheint, als habe Vollmoeller eine prophetische Gabe besessen, oder aber er beschreibt ein sich, innerhalb der europäischen Vielfalt alle paar Jahrzehnte, oder jedes Jahrhundert wiederholendes Drama. Die aktuellen Rattenfänger heißen AfD, Pegida, Front Nationale, Orban, Kaczyński, Putin, Boris Johnson, Salvini

Mit jeder Jugend in den Wechseljahren
Beginnt ein neuer Einbruch der Barbaren,

Kein Land ist heil. Denn Mensch bleibt dort wie hier
Unheilbar unverbesserliches Tier.

Was wenige bauten, stürzt vor blinden Massen
Gib ihnen Haß : ihr Herz begehrt zu hassen.
Gib ihnen Gift: sie nähren sich von Giften,
Stürzen die Tempel und verbrennen Schriften

Dann folgt, von Vollmoeller 1942 beschrieben, das, was wir zur Zeit in und um Europa mit der Flüchtlingskrise erleben:

Und ganze Völker flüchten über Meere…

Und wieder kommt die Welle, Stoß auf Stoß –
Auf Ebenen die von Waffentrümmern rosten
Wälzt sich die ungeheure Flut

Bald wächst die Ferne wieder nah und näher,
In einem bunt verworrenen Mittelalter
Machst du aus Asiaten Europäer.

Vollmoeller, als Gelehrter, als Kosmopolit, als Europäer, wusste um die Fähigkeit seines „Mütterchens Europa“, gestählt und bewährt während hunderter von Jahren, Immigranten aufzunehmen, sie zu integrieren, zu absorbieren und gemeinsam mit ihnen überhaupt erst jene Völkervielfalt aufzubauen, die jene Einzigartigkeit der europäischen Vielfalt in Einheit überhaupt ausmachen. Da das sich die immer wiederholende Immigration, die viele unter uns gegenwärtig als Neues, Bedrohliches, Einmaliges erleben, sich bereits unzählige Male in Europas Vergangenheit ereignete, kann Vollmoeller schreiben

Millionen, die geflohn nach fremden Küsten,
Helfen dir einst den neuen Morgen rüsten.-
Jahrtausendlang mit Schweiß und Blut gedüngt,
In Schmerz gealtert und in Lust verjüngt,

Baust neue Hütten du auf alten Mauern
Und auf den alten Gräbern neue Reben

Vollmoeller, wie jeder überzeugte Europäer, wusste um die Fähigkeit Europas, dieses merkwürdigen Halb-Kontinents, jenes wie er es beschreibt “schmalen Astes,Dem Urbaum Asien suchend vorgebogen”, seine Eroberer ebenso, wie seine Immigranten zu assimilieren, sie mit europäischer Kultur, europäischen Werten zu überzeugen, sie zu integrieren, und gemeinsam, eine, zwei Generationen später am neuen „gemeinsamen europäischen Haus“, wie es Gorbatschow so treffend umschrieb, weiter zu bauen.

Denn immer wieder, nach jeder noch so tiefen, umfassenden Katastrophe, sei es der Eroberung Roms, Athens, der mongolischen Invasion des Mittelalters, nach dem Zweiten Weltkrieg, jedes Mal erholte sich Europa, ging erneuert, gestärkt, oft verjüngt aus seinen Krisen hervor. Wir sollten es deshalb, angesichts der aktuellen, scheinbaren Bedrohung Europas durch vorwiegend muslimische Immigranten mit Vollmoeller halten, der in tiefstem Herzen, trotz Angst und Furcht, überzeugt blieb von den enormen Selbstheilungs- und Integrierungskräften, die Europa in seiner Vergangenheit bewiesen hat, und die stets in der Lage gewesen waren, zu neuem Schwung, neuer Blüte und Erneuerung anzusetzen.

Baust neue Hütten du auf alten Mauern
Und auf den alten Gräbern neue Reben

schreibt Vollmoeller, und gibt damit seiner, trotz aktueller Zweifel, prinzipiell optimistischen Einstellung für eine positive Zukunft Europas Ausdruck. Er seinerzeit, als sterbenskranker Gefangener in einem KZ ähnlichem US-amerikanischem Internierungslager, in Stringtown, das weit unmenschlicher geführt wurde, als die heutigen Auffanglager in Griechenland, Italien etc. Doch trotz der ihn umgebenden Unmenschlichkeit, sowie der niederschmetternden Nachrichten aus Europa, vom unmenschlichen Wüten der Nazi-Deutschen gegen Juden und die Bevölkerungen der eroberten Länder, war Vollmoeller nicht bereit, seinen Glauben an Mitmenschlichkeit, Nächstenliebe, Kultur und Ethik zu begraben. Sein Glaube an und sein Wissen um den Sieg des Guten über das Böse, die enormen Kräfte, über die alle europäischen Völker verfügen, ließ ihn an die Vernichtung Hitlers und seines Nazireichs glauben und daran, dass die Europäer, gemeinsam mit den Eingewandterten und Vertriebenen, es erneut bewerkstelligen würden, “Mütterchen Europa” neu, besser, demokratischer und zukunftsfähig aufbauen zu können. Vollmoeller behielt recht. Europa war und ist seit mehr als 70 Jahren weitgehend ein friedlicher Kontinent, zumindest in seinem Zentrum, das zuvor alle 50 bis 100 Jahre zertrümmert worden war.

Vollmoeller war, wie sein lebenslanges Engagement für europäische und weltweite Kultur und Literatur beweisen, sowie sein Engagement in und für die Pan-Europa Bewegung, ein überzeugter Europäer, der alles nationale, kleingeistige verachtete. Er wäre froh und glücklich gewesen, in einer EU zu leben, in der Europas Norden, Osten, Süden und Westen miteinander, statt gegeneinander leben. Das gilt es trotz der gegenwärtigen Flüchtlingskrise zu bewahren und zu erhalten. Hoffen wir, dass Vollmoellers prophetischer Optimismus recht behält, und Europa auch diese Einwanderungswelle verkraftet, wie die zehn, hundert oder hunderte, die Europa seit seiner Besiedlung vor tausenden von Jahren bereits verkraften musste und verkraftet hat.