Einsamkeit, eine Frage der Definition

Anders, als in Cordoba, wo sich der Strom der Touristen in Grenzen hielt, quoll ganz Sevilla über und über vor Menschen. Sie werden argwöhnisch beäugt von Zigeunergruppen, die einerseits aufdringlich um Almosen betteln, andererseits in Gruppen die abgestellten Autos umstreichen, auf der Suche nach Einbruchsmöglichkeiten. Umgeben von zehntausenden Menschen, überwiegend anderer Sprachen, und doch nicht Einer, der Interesse an den Fremden zeigt, sich auf ein Gespräch mit ihnen einlässt. Stattdessen egoistisches Hetzen, um in endlosen Schlangen vor den sogenannten touristischen Attraktionen, ein Jeder für sich allein, anzustehen, um anschließend, sich vor- oder zur Seite schiebend, durch den Palast, die Kathedrale, das Museum zu schieben – geschoben zu werden.

Werden wir, sind wir denn nicht alle eigentlich stets einsam und auf uns selbst zurück verwiesen, selbst dann, wenn wir gemeinsam mit einem Partner oder mit Freunden und Familie etwas besichtigen und unternehmen?

Der Weg durch einen herrlichen Park, der viel Schatten bot und Gelegenheiten zum müßigen Verweilen, inmitten und umgeben von Menschentrauben, dochn die Aufnahme aller Eindrücke, die Assoziationen, die der Anblick eines Gebäudes, eines Parks, eines Gemäldes oder einer Plastik in und bei uns auslöst, sind jeweils auf uns selbst beschränkt und gestalten sich im Augenblick der Betrachtung absolut individuell. Das was wir per Kommunikation einem Begleiter mitteilen können, worüber wir uns sprachlich austauschen, ist nur noch ein minimaler Eindruck und Abklatsch dessen, was sich in uns selbst abgespielt hat – mit Worten nur unzureichend zu be- und umschreiben. Insofern bleiben wir selbst, wenn wir etwas gemeinsam besichtigen und uns darüber austauschen, bis zu einem gewissen Grad immer auf uns selbst beschränkt und verwiesen.

Was aber anderes bedeutet der Begriff Einsamkeit ?

Einsamkeit bezeichnet die Empfindung, von anderen Menschen getrennt und abgeschieden zu sein. Und das sind wir, bis zu einem gewissen Grad selbst dann, wenn wir gemeinsam mit Anderen etwas unternehmen oder besichtigen. Insofern stellt Einsamkeit keine Normabweichung oder einen Mangel, sondern einen Zustand dar, der bei exakter Betrachtung eher Standard denn Ausnahme ist.