Europawahl 2019 – eine Köpenickiade

Heute finden die Wahlen zum Europaparlament 2019 statt. Als verantwortungsvoller Bürger versuche ich meine Stimme abzugeben. Das gestaltet sich komplizierter als erwartet. Seit einiger Zeit lebe ich im Ausland, weshalb in meinem Personalausweis steht: “Ohne Wohnsitz in Deutschland”. Das klingt nicht nur ähnlich wie “obdachlos” – es fühlt sich irgendwie auch so an.

Vor vielen Wochen erhielt ich Post von der nationalen Wahlkommission, die anfragte, ob ich mein Stimmrecht anlässlich der Europawahl wahrnehmen möchte. “Ich will”, antworte ich aus Überzeugung. Dann folgten Wochen des Schweigens. Vor der letzten regionalen Wahl kam eine offizielle Wahlbenachrichtigung, die mich autorisierte, meine Stimme in meinem Gastland abgeben zu dürfen. Dieses Mal Schweigen im Walde. Erst vier Tage vor dem Wahlsonntag erreicht mich ein Schreiben der Wahlkommission, die mir mitteilt, dass mir gestattet wird, an der Europawahl teilzunehmen. Ich könne meine Stimme überall im Land in den eingerichteten Wahllokalen abgeben. Kein Hinweis darauf, wo sich die Wahllokale befinden, die muss man schon selber ausfindig machen.

Heute früh begebe ich mich ins nur wenige Minuten entfernte Wahllokal, das im örtlichen Gymnasium eingerichtet wurde. Da ich dieses Mal keine offizielle Wahlbenachrichtigung vorweisen kann, zeige ich außer meinem Personalausweis das Schreiben der Wahlkommission vor, das erfreulicherweise zweisprachig gehalten ist. Dummerweise fehlt sowohl mein Name als auch meine Anschrift im Schreiben. Konfusion bricht aus. Die Datenbank gibt vor, mich nicht zu kennen.

Während die Wahlhelfer hektisch beginnen, nach mir in den Weiten ihrer Datenbank, schließlich durch Anrufe bei der nationalen Wahlkommission zu suchen, wo ich, der Ausländer abgeblieben bin, denn ohne Eintrag in der Wählerliste gibts keine Wahlunterlagen und keine Stimmabgabe, beginne ich mir Gedanken zu machen, ob die Malese mit meinem neuen Personalausweis zusammen hängen kann. Zuvor hatte stets eine deutsche Adresse im Ausweis geprangt, nun steht dort, wo Straße, PLZ und Wohnort verzeichnet sind “Ohne deutschen Wohnsitz”. Das scheint selbst den hiesigen Wahlhelfern spanisch vorzukommen. Vermutlich denken sie “obdachlos”. Und so beginne ich mich zu fühlen. Mir fällt Zuckmayers Hauptmann von Köpenick ein, der arme Tropf, dem wegen nicht vorhandenen Wohnsitzes nicht nur die Aufenthaltsgenehmigung verweigert wurde; ohne Personaldokument konnte der arme Mann keine Arbeit bekommen, ohne Arbeit kein Geld, ohne Geld keine Wohnung, ohne Wohnung keine Bescheinigung, ohne Bescheinigung keine Papiere und so weiter und so weiter ….

Seltsam, denke ich. Ich habe doch einen Wohnsitz, bloß im Ausland. Weshalb wird diese Adresse nicht eingetragen in meinem deutschen Personalausweis? Mich behandeln wie einen Obdachlosen, aber trotzdem Steuern wollen und Unterhaltszahlungen. Da stimmt doch etwas nicht. Erst bürgert die deutsche Bürokratie mich quasi aus – ohne deutschen Wohnsitz – klingt schon so gut wie “lebt auf der Straße”, dennoch wollen sie Steuern und Unterhalt, und besitzen noch die Chuzpe, mir vorzurechnen, dass die Lebenshaltungskosten vor Ort angeblich so viel geringer als in Deutschland wären, weshalb man sich erlaubt, mir weit mehr Unterhalt abzuknüpfen, als in Deutschland fällig wäre.

Ich habe einen Einfall. Ich weise die noch immer nicht fündig gewordenen Wahlhelfer auf die Tatsache hin, erst vor wenigen Wochen an der Regionalwahl teilgenommen zu haben. Sie öffnen die alte Datenbank und wutsch, oh Wunder, die kennt mich, hat mich verzeichnet, allerdings, wegen des damals vorgezeigten alten Personalausweises noch mit deutscher Adresse. Obdachlose und Menschen ohne Wohnsitz mag scheinbar auch die ausländische Datenbank und Behörde nicht. Als man die neue Datenbank mit meiner alten Wahlnummer füttert, hat sie ein Einsehen und spuckt meine Daten aus. Halleluja! Ich bin doch noch Mensch. Darf trotz nicht vorhandenem deutschen Wohnsitz im Ausland wählen, bekomme meine Unterlagen ausgehändigt und bin baff: statt deutscher Kandidaten muss ich unter den heimischen wählen.

Gut dass ich mich vorab im Internet ausführlich informiert hatte. So suche ich gezielt die Partei und deren Kandidaten, die das Pendant zu der Partei darstellen, von der der deutsche Wahl-o-Mat mir vorrechnete, gut 80% meiner politischen Überzeugungen zu vertreten. Hoffen wir, dass die ausländischen Kollegen es im EU Parlament wie ihre deutschen Kollegen halten, wenn es um politische Debatten und Abstimmungen geht. Ich mache meine Kreuze und atme erleichert auf, nochmal gutgegangen, noch nicht völlig auf Hauptmann von Köpenick Niveau angelangt, trotz des amtlich bescheinigten nicht vorhandenen Wohnsitzes in Deutschland, aber des sehr wohl vorhandenen im EU Ausland.