Er war “mein” Kanzler – zum Tod von Helmut Schmidt

Der Blätterwald ist bereits gut gefüllt, gedruckt wie online, im In- wie im Ausland. Klar, wenn ein Mann von der Bedeutung und dem Gewicht, eines Helmut Schmidt stirbt!

Doch anders, als bei zahlreichen anderen Menschen, deren Bedeutung für mein eigenes Leben marginal bis unbedeutend war oder noch ist, hatte Helmut Schmidt für mich und mein Leben, obwohl ich ihm nur ein einziges Mal persönlich – in Hamburg im Jahr 1995 – also vor ziemlich exakt 20 Jahren, begegnet bin, herausragende Bedeutung.

Er war, ich wiederhole mich, auf die Gefahr hin, despektierlich zu klingen, „mein Kanzler“, will sagen, neben Willy Brandt, dessen Leistungen als Bundeskanzler ich ebenfalls äußerst hoch schätze, zählt für mich, anders als für die Riege der Historiker, nur noch ein weiterer Kanzler des Nachkriegsdeutschland, und das war Helmut Schmidt!

Damit befinde ich mich im offenen Gegensatz zur allgemeingültigen Einschätzung, derzufolge für unser Land an erster Stelle unter den bisherigen Bundeskanzlern stets Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Kohl genannt werden. Allerdings teilen Kristina Spohr aus London[1], Henry Kissinger, der frühere US Außenminister, sowie Valéry Giscard d’Estaing, der ehemalige französische Staatspräsident, meine Meinung, in Helmut Schmidt einen mindestens ebenso bedeutenden Bundeskanzler vor uns zu haben, wie die drei oben Genannten, ja gar einen von globaler Bedeutung.

Ich will an dieser Stelle – statt des Verstorbenen zu gedenken – gar nicht erst beginnen, über die tatsächliche, historische Bedeutung der in Frage stehenden vier Kanzler zu diskutieren und zu rechten, doch möchte ich darauf verweisen, dass es sehr wohl unterschiedliche Betrachtungs- wie Beurteilungsweisen gibt, darunter die nicht unerhebliche historische Dimension.

Die Frage der Bedeutung eines deutschen Bundeskanzlers ändert sich umgehend, sobald man sich nicht bloß, wie in den aktuellen Würdigungen Helmut Schmidts geschehen, auf die relativ kurze Periode seit 1945 bzw. 1949, dem Gründungsjahr der Bundesrepublik Deutschland, bezieht, sondern die gesamte Periode einbezieht, während der es deutsche Kanzler gab: seit 911, dem Jahr, als Konrad I. König des damals noch nicht Deutschland, sondern Ostfranken genannten Reichs wurde.

Dann hätte man die Leistungen eines Konrad Adenauer, Willy Brandt, Helmut Schmidt oder Helmut Kohl, beispielsweise an denen eines Rainald von Dassel, Otto von Bismarck, Gustav Stresemann zu messen, was Blickwinkel und Dimension ändern würde. Während Adenauers Leistungen – vornehmlich die West-Bindung und die deutsch-französische Partnerschaft – in diesem Rahmen ebenso Bestand hätten, wie Brandts Ostpolitik, Schmidt wegen seiner internationalen Wirtschaftspolitik (G7, Vorbereitung europäische Währungsunion) sowie wegen seiner kombinierten Außen- und Verteidigungspolitik (Nato-Doppelbeschluss) unbedingt in die Riege der außenpolitisch oder global bedeutenden Kanzler einzureihen ist, fällt Helmut Kohl, der sogenannte Kanzler der Einheit, für mich absolut nicht in die Kategorie der bedeutenden deutschen Kanzler. Er fuhr, trotz grober eigener Fehler schließlich mit der Wiedervereinigung nur das an Ernte ein, was vornehmlich Willy Brandt mit seiner Versöhnungspolitik mit Osteuropa und Russland eingeleitet, und der von Helmut Schmidt initiierte und letztlich durchgesetzte Nato-Doppelbeschluss zum finalen Abschluss brachte: die weltweite Abrüstung und den, durch die Nato Aufrüstung ausgelösten Rüstungswettlauf, der schließlich die marode Sowjetunion in ihre Einzelbestandteile zerfallen ließ. Kohl hatte letztlich die ihm in den Schoß gefallenen Früchte zweier sozialdemokratischer Kanzler nur noch anzunehmen, sprich, die Wiedervereinigung Deutschlands umzusetzen. Welch gravierende handwerkliche Fehler er dabei machte, angefangen von seinen üblen Kommentaren über Gorbatschow, bis hin zur Treuhand-Tragödie, der heiß gestrickten Euro-Einführung( deren faktische Einführung erst nach dem Ende Kohls Kanzlerschaft erfolgte), sowie seine verfassungsrechtlich unzulässige Umsetzung der deutschen Einheit, indem er die Kernaussage des Grundgesetzes, nämlich die Einheit in Selbstbestimmung und auf der Grundlage einer neuen, endgültigen Verfassung durchzuführen, trickreich umging.

Nein, Helmut Kohl gehört für mich weder zu den bedeutenden, großen Kanzlern der Nachkriegsära, und ganz sicher nicht im globalen oder historischem Maßstab! Kohl ist, ähnlich seiner Nachfolgerin, Angela Merkel, im Sinne des Peter-Prinzips, ein  auf die höchste Stufe seiner Unfähigkeit beförderter Mensch, der den intellektuellen wie fachlichen Anforderungen des ausgeübten Amtes auch nicht ansatzweise gerecht werden konnte, wegen der seiner Persönlichkeit innewohnenden Unfähigkeit.

Helmut Schmidt dagegen gehört, neben Otto von Bismarck, zu denjenigen Menschen, die die Stufe ihrer Unfähigkeit im Amt noch lange nicht erreicht hatten. Anders ausgedrückt, Schmidt brachte für sein Amt nicht nur sämtliche intellektuellen wie fachlichen Voraussetzungen mit; er besaß zudem eine angeborene Führungsbegabung.

Während sich unfähige Menschen (laut Peter-Prinzip) wie Helmut Kohl oder Angela Merkel nur durch interne Intrigen und ausgeprägte Machtkämpfe im Besitz der einmal erlangten Macht halten können, bewusst fähige, eigenständig denkende Mitarbeiter feuern, gehörte Helmut Schmidt zu jenen natürlichen Führungsfiguren, denen sich selbst hoch begabte, persönlichkeitsstarke Menschen willig und aus innerer Überzeugung anschließen bzw. unterordnen.

Wie wollte ein Kohl oder eine Merkel beispielsweise einen Macher wie Hans Jürgen Wischnewski, einen Ben Wisch, führen? Nie hätten sie jenes begründete Vertrauen in die Fähigkeiten eines selbst überaus befähigten Mitarbeiters aufgebracht, wie seinerzeit Helmut Schmidt gegenüber Ben Wisch, als dieser in seinem Namen und Auftrag 1977 in Mogadischu die Verhandlungen führte und den Einsatz der GSG 9 koordinierte.

Menschen mit dem Persönlichkeitsprofil Helmut Kohls oder Angela Merkels würden gnadenlos – im Fall eines Scheiterns in Mogadischu – ihre Mitarbeiter über die Klinge springen lassen, sie zu Sündenböcken machen. Nicht so Helmut Schmidt. Wäre Mogadischu ein Fehlschlag geworden, er hätte die vollständige und alleinige Verantwortung übernommen, wie er zu seiner tragischen Mitschuld am Tod Hans Martin Schleyers bis an sein Lebensende stand.

Unter anderem aus diesem Grund – seiner moralischen Integrität – war Helmut Schmidt „mein Kanzler“.

Doch nicht nur wegen seiner unbestrittenen Erfolge – der Hamburger Flutkatastrophe, der Bewältigung der Terrorangriffe, dem Nato-Doppelbeschluss – war Helmut Schmidt für mich ein, wenn nicht der beste Nachkriegskanzler; er war es auch, in viel größerem Maß, wegen seines Charakters und Wesens, seines großen Intellekts, seiner Schlagfertigkeit und seiner Prinzipientreue.

Selten hat ein Mensch so in und zu seinem Amt – dem des Regierungschefs eines Landes – gepasst, wie Helmut Schmidt. Er brachte sämtliche Voraussetzungen und Anlagen mit, der ein solches forderndes Amt bedarf, außer eventuell der einen, über die seine beiden Nachfolger im Amt, Kohl und Merkel, bedauerlicherweise im Überfluss verfügen: dem Bedürfnis persönlichen Machterhalts um beinahe jeden Preis.

Dass Helmut Schmidt ausgerechnet diese Untugend gänzlich abging, zeichnete ihn aus, und hebt ihn deutlich ab von dem Gros seiner Mitkanzler, denen, da machte leider Adenauer keine rühmliche Ausnahme, der Machterhalt über alles ging.

Bei Schmidt war es das tief in ihm wurzelnde „preußische“ Pflichtgefühl, der damit verbundene Sinn für Anstand und Fairness – fair play – das ihm Richtschnur seines Denkens und Handelns war.

Helmut Schmidt war „mein Kanzler“, weil es die von ihm und durch ihn vertretenen und gelebten Grundsätze waren, die mich 1977 in die SPD führten. Zwar hatte mich Brandt bereits für die Politik der SPD begeistert, aber erst Helmut Schmidt und die Art, wie er das Land durch seine schwerste Krise steuerte, verpflichtete mich, etwas zum Gemeinwohl beizutragen, auf freiwilliger Basis. Schnell musste ich jedoch erkennen, dass das parteiinterne gegeneinander Intrigieren, der Kampf der unterschiedlichen Flügel, nicht mein Ding war. Die Diskrepanz zwischen der Realität innerhalb der Gemeinde und auf Kreisebene wie der Realität des Bonner Politikbetriebs, ließ mich rasch resignieren.

Schließlich das Jahr 1982, jener merkwürdige Herbst der Götterdämmerung der SPD, als die Mehrheit der Partei ihren Kanzler im Regen stehen ließ, ihm nicht mehr folgte, ihn bekämpfte. Am 1. Oktober ließ die SPD, nachdem die FDP bereits am 17. September 1982 fahnenflüchtig geworden war, ihren bzw. „meinen“ Kanzler durch ein konstruktives Misstrauensvotum der Opposition stürzen.

Ich war von der Demut, mit der Schmidt dieses politische wie persönliche Desaster hinnahm mehr als beeindruckt. Am nächsten Tag verließ ich die SPD, trat aus. Einer Partei, die so mit einem ihrer Besten, ihrem fähigsten Kanzler, umsprang, wollte und konnte ich nicht länger angehören. Vermutlich gehörte ich, neben Helmut Schmidt, zu den Wenigen, die Anfang Oktober 1982 wussten, dass der SPD eine sehr lange Durststrecke, die Abstinenz von der Macht, bevorstand.

Es sollte lange 16 Jahre dauern, bevor im Oktober 1998 mit Gerhard Schröder ein weiterer sozialdemokratischer Kanzler auf Helmut Schmidt folgte. Dessen hartzige Gesetzgebung, die sogenannte Agenda 2010, machte mich endgültig zum Gegner der SPD. Dass Helmut Schmidt im Großen wie Ganzen den Weg seines SPD Nachfolgers Schröder mit trug, ja Verständnis und gedankliche Unterstützung für die Hartz IV Politik zum Ausdruck brachte, bleibt ein deutlicher Wermutstropfen, für meine ansonsten ungebrochene Verehrung gegenüber einem begnadeten, einem herausragenden Politiker von Weltformat, einem überzeugten Europäer, Kriegsgegner.

Trotz dieser kleinen Einschränkung ist und bleibt Helmut Schmidt „mein Kanzler“, der eine, der wie kein zweiter für dieses Amt geeignet war, und es auf unnachahmliche Weise ausfüllte. Dass ihm nach dem Ende seiner Amtszeit noch so viele Jahre, Jahre als Elder Statesman, Ratgeber, Autor und Journalist vergönnt waren, ist ein schöner Zug des Schicksals, das es rückblickend gut meinte mit Helmut Schmidt.

Danke für ein authentisches, überzeugendes, pflichterfülltes Leben und Wirken. Danke, Helmut Schmidt.

[1]     Link: http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/nov/10/helmut-schmidt-german-chancellor-europe