Negerpuppe oder die Politisierung von Sprache

Am 24. Mai 2012 berichtet der Journalist  Jochen Brenner; “Bei der Vorstellung ihres Buches in Hamburg erzählte Sarah Kuttner von einem Spielzeug ihrer Kindheit. Aus Wut über ihre Erinnerungen an die “Negerpuppe” rief ein Besucher die Polizei und zeigte die Autorin an. Der Skandal, der wohl keiner ist, lässt sich jetzt nicht mehr stoppen“.

Mir fällt, wenn ich über den obigen Vorfall lese, der nachdenkenswerte Satz Max Frisch’s ein: “Ich glaube, daß der Schriftsteller, der sogenannte freie Schriftsteller, eine der letzten Positionen der Freiheit ist. Wo die Freiheit bedroht ist, ist die Sprache bedroht und umgekehrt.”

Vermeintlich haben wir es mit einer rassistischen Äußerung zu tun, so jedenfalls der Kläger, ein “Hamburger mit äthiopischen Wurzeln“, neudeutsch ein Afro-Deutscher, laut Duden 2008. So sind dem politisch korrekt sprechenden Deutschen im Jahr 2008 laut Duden nur noch folgende Bezeichnungen, statt des als diskriminierend empfundenen Begriffs “Neger” erlaubt: “Schwarzafrikaner, Schwarzafrikanerin oder auch Afroamerikaner, Afroamerikanerin, Afrodeutscher, Afrodeutsche; in bestimmten Kontexten auch Schwarzer, Schwarze.” Vorsichtshalber, damit auch keine Deutscher seine Muttersprache vermeintlich falsch verwendet, fügt der Duden folgendes Beispiel für politisch korrektes Deutsch an: “Vermieden werden sollten auch Zusammensetzungen mit Neger wie Negerkuss, stattdessen verwendet man besser Schokokuss.“

Soweit, so gut. Damit ist geklärt, was die korrekten Begriffe im gegenwärtigen Deutsch für das Wort “Neger” sind. Doch im geschilderten Fall, der Lesung einer Autorin, ging es nicht um Gegenwartssprache. Es ging, wie der Mitschnitt der Veranstaltung zeigt, um einen Begriff aus der Kindheit der Autorin, zu Beginn der 80er Jahre. Bis in die Achziger Jahre war es in Deutschland üblich, gelebte Alltagssprache, von einer Puppe mit dunkler Hautfarbe als einer “Negerpuppe” zu sprechen. Es käme einer Verhunzung der deutschen Sprache gleich, hätte besagte Autorin in ihrem Buch von ihrer “Afrikanerpuppe” oder von ihrer “Schwarzenpuppe” geschrieben. Es würde nicht authentisch, absolut unzulässig sein, im vorauseilenden sprachlichem Gehorsam, eine damalige “Negerpuppe” mit dem heute verwendeten, angeblich sprachlich korrektem Begriff “dunkelhäutige ethische Baby Puppe” zu bezeichnen.

Nein! Ein klares, unmissverständliches Nein !!!

Es kann nicht angehen, dass wir Deutsche, die sich im eigenen Land, wie anlässlich von Reisen um politische Correctness bemühen wie keine zweite nation, unsere Sprache rückwirkend so verbiegen, wie es besagter Afro-Deutscher im Jahr 2012 für sich reklamiert. Wo kämen wir hin, wenn nun der Historiker, der über Imperialismus und Kolonialismus schreibt, statt der zu Recht zu kritisierenden rassistischen Begriffe von damals die heute sprachlich korrekten verwendete? Das Buch wäre eine Lachnummer.

Nein! Auch ein bei uns aufgenommener und integrierter Afro-Deutscher muss akzeptieren, dass es ein himmelweiter Unterschied ist, in einem sprachlichen Kontext, die seinerzeit üblichen Begriffe zu verwenden, statt die heute üblichen. Unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund sollten deutlich auf Frisch’s Satz verwiesen werden: “Wo die Freiheit bedroht ist, ist die Sprache bedroht und umgekehrt.

Es geht nicht an, dass Autoren mit unzulässigen, lächerlichen Klagen wegen eines sprachlich authentischen Werks überzogen werden können. Das würde die künstlerische Freiheit, wie die politische, in Deutschland unzulässig einschränken. Dinge müssen, speziell im historischen Kontext, mit authentischer, nicht mit zeitgenössischer Sprache beschrieben werden.

Und außerdem, vermute ich, sind zahlreiche Migranten, speziell solche aus Afrika ja hier, weil sie in einer Demokratie und nicht in einer Diktatur leben wollen. Diktaturen bemühen und bemühten stets Sprache, um Freiheit einzuschränken und ihre Diktatur zu legitimieren. Man lese nur bei Hitler oder Stalin nach

Sprache und damit die viel beschworene Freiheit des Schriftstellers ist ein zu hohes, hehres Gut, als dass wir es auf dem Altar falsch verstandener political correctness opfern sollten. Das sollten auch und gerade unsere neuen Mitbürger mit Migrationshintergrund akzeptieren und verstehen. Im wohlverstandenen eigenen Interesse.

Im Fall von Sarah Kuttner verdeutlicht dies das Nachlesen der zitierten Passage: “Nichts zu sagen ist allerdings gegen meine Negerpuppe. Ein riesiges Stoffungetüm, ganze achtzig Zentimeter purer, unschuldiger Rassismus mit einem obszön großen Kopf, der so schwer ist, dass er der Puppe immer wieder auf die schmalen Schultern fällt und ihr so permanent einen ergreifend niedergeschlagenen Eindruck verleiht. Als wäre das nicht schon entsetzlich genug, wird das Ganze noch von einem furchterregenden Paar praller, aufgenähter Wurstlippen getoppt. Vollkommen undenkbar, dass so etwas heute noch verkauft würde (…).”

Frau Kuttner irrt, wenn sie glaubt, derartige Puppen würden nicht mehr produziert. Welche Eltern auch immer ihren Kindern diese Puppen aus welcher Intention noch heute schenken, sie sind erhältlich, allerdings mit der in heutigem Deutsch korrekten Beschreibung: “dunkelhäutige ethische Baby Puppe“. Frau Kuttner stellt für einen Menschen, der deutschen Sprache Mächtigen, im Kontext – die unterstrichenen, hervorgehobenen Passagen – unmissverständlich klar, dass sie keine Rassistin ist, denn ein wahrer Rassist würde weder das Wort “Rassismus” verwenden, noch den Satz folgen lassen, dass derartige Puppen heute nicht mehr produziert würden. Diese Äußerungen aus dem Buch, viel mehr noch die einleitenden Worte anlässlich der Lesung, stellen den zitierten Begriff “Negerpuppe” so unzweideutig in einen sprachlich korrekten Kontext, dass es schlicht mangelnden sprachlichen Fähigkeiten geschuldet sein dürfte, wenn diese Ausführungen als “rassistisch” von einem Afro-Deutschen empfunden werden. Wir haben Rassisten in Deutschland, ja, viel zu Viele, aber die schreiben keine Bücher, die demonstrieren als Neo-Nazis auf den Straßen. Gegen diese nehmen wir – die Mehrheit aller Deutschen wie die Mehrzahl aller Autoren – unsere afro-deutschen Mitbürger selbstverständlich immer in Schutz.

Meiner Meinung nach sollten sich Afro-Deutsche daher eher über die Produzenten und Verkäufer solcher Puppen ereifern, denn über einen, im zeitgeschichtlichen Kontext korrekt verwendeten Begriff, der heute zu Recht als rassistisch empfunden werden kann.

Als Autor reklamiere ich für mich die von Frisch postulierte Freiheit der Sprache. Wenn ich in einem historischen oder autobiografischem Buch über die 50er Jahre schreibe, und die Begriffe “Negerpuppe” und “Negerkuss” verwende, so nicht, weil dies gleichbedeutend mit der Tatsache ist, ich sei Rassist, sondern weil die deutsche Sprache damals die heute als korrekt empfundenen Begriffe gar nicht kannte und deshalb nur die bekannten verwenden konnte. Zu Recht würden Kritiker monieren, würde ich stattdessen in einem Text über die Fünfziger Jahre von einer “dunkelhäutigen ethischen Baby Puppe” und einem “Schokokuss” schreiben. Denn ein Schokokuss war in den Fünfzigern ein realer Kuss gewesen, ausgeteilt von, mit Schokolade verschmierten Lippen, und eben kein leckerer, süßer “Negerkuss“. Und obwohl mir meine Mutter zu meinem dritten Geburtstag eine “Negerpuppe” schenkte, bedeutete dies nicht, mich damit zum Rassisten erziehen zu wollen. Damals sprachen wir anlässlich warmer Mahlzeiten noch ein Gebet. In diesem schlossen wir die hungernden Menschen Afrikas in unser gebet ein, indem wir Gott baten, ihnen ebenso gute Nahrung regelmässig zukommen zu lassen, wie es für uns selbstverständlich war. Wir spendeten nicht gerade geringe Beträge an Brot für die Welt, weinten um die Kinder und Menschen von Biafra, und meine Großmutter hatte mir so sehr eingebleut, dass es ein Unding sei, Nahrung fortzuwerfen, da die armen Menschen in Afrika und China (ja auch die gehörten damals dazu) kaum genug Essen hatten, um satt zu werden. Konnte ich also, wa ab und an vorkam, mein Pausenbrot selbst nicht aufessen, da es shlicht zu viel war, so fragte ich solange bei meinen Klassenkameraden/innen, bis sich Jemand fand, der mein Pausenbrot verspeiste, so dass ich es nicht wegschmeißen musste.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Afro-Deutschen bzw. ihre Eltern und Vorfahren sich seinerzeit kaum Gedanken um unsere Ernährung in Deutschland machten, und schon gar nicht regelmäßig an die Hilfsorganisationen spendeten, damit, so die Hoffnung, kein Mensch Hunger leiden müsse. Die Puppe hieß wegen ihrer schwarzen Farbe nun mal damals Negerpuppe. Dass ich sie damals, als Kind so nannte, und wenn ich heute darüber schreibe, diesen begriff verwende und nicht politisch korrekt verschwurbelte Gegenwartssprache, das ist durch die Freiheit der Sprache gedeckt, und kann nicht, weder in meinem noch im Fall Kuttner als Beleg für Fremdenfeindlichkeit oder verdeckten Rassismus gewertet werden. Ein klein wenig mehr Selbstwertgefühl liebe Afro-Deutsche wäre ohl angebracht, schon aus Dankbarkeit, euch aufgenommen, eingebürgert und euch und euren nachkommen eine Zukunft ermöglicht zu haben. Da ist es nicht zuviel verlangt, zwischen der sprachlich korrekten Verwendung im Text eines Autors und den rassistisch motivierten Aussprüchen von Rassisten zu unterscheiden.

Eine Negerpuppe war in den Fünfziger, Sechziger und eventuell sogar noch in den Siebziger Jahren ein Begriff, der zum sprachlichen Allgemeingut gehörte und ohne rassistische Motivation verwendet wurde. Von Autoren zu verlangen, in ihren Texten, so diese von dieser Zeit handeln (z.B. wie im Fal Kuttner einer Autobiografie) Begriffe des 21. Jahrhunderts zu verwenden zeugt von wenig Verständnis für Realität, noch weniger von künstlerischer Freiheit und der Freiheit der Sprache, wie sie Autoren, als Bewahrer und Pfleger ihrer Muttersprache, zu verteidigen haben.