Brexit oder der Beginn vom Untergang der EU

Das war es dann also, Großbritannien verlässt die EU. Mission accomplished. Brexit in Ausführung.

Ich bin über das Ergebnis innerlich zerrissen: einerseits, als Fan des englischen way of life, den ich als junger Sprach- und Austauschschüler zweimal in den Sechziger Jahren kennen und lieben lernte, beglückwünsche ich die Briten, für die Erhaltung ihres, verglichen mit Kontinentaleuropa, etwas eigenwilligen Lebensstils plädiert zu haben. Andererseits, als Befürworter eines geeinten Europas schmerzt mich, dass dieses eigenwillige, mit einem sehr eigenen Kultur- und Politikverständnis behaftete Land nun nicht länger der EU angehören wird.

Irgendjemand schrieb den klugen Satz, dass den Briten ihr innerer Kompass, ihre Identität in einer immer mehr zusammenwachsenden EU abhanden gekommen sei, mithin ihr Streben aus der Gemeinschaft der verzweifelte Versuch sei, gegen ein Gefühl der Minderwertigkeit und für eine Renaissance der eigenen nationalen Identität zu stimmen.

Es scheint ja – darauf deuten die zahlreichen nationalistischen Gegenbewegungen innerhalb der EU Mitgliedsstaaten hin – in der Tat nicht nur in Großbritannien, sondern in zahlreichen anderen Ländern, Deutschland durch Pegida, AfD und NPD eingeschlossen, ein ähnliches Identitätsproblem zu geben, einen tief im Einzelnen wurzelnden Minderwertigkeitskomplex, gegen den nur ein zur Schau getragener Hallo-Patriotismus, eine Fußball-Euphorie oder blindwütiger Abgrenzungshass auf Andersdenkende und -gläubige zu helfen scheint.

Sollte das Grundmotiv für den Brexit also tatsächlich im Gefühl einer empfundenen Minderwertigkeit liegen, das nur durch das verzweifelte Gemeinschaftsgefühl – Wir gegen den Rest der Welt – zu kompensieren zu sein scheint, dann wäre dies ein großes Armutszeugnis.

Dass erwachsene Menschen, die autonom und eigenständig agieren und entscheiden, ihre eigene Meinung überzeugt und aus innerer Überzeugung vertreten sollten, es scheinbar nötig haben, sich einer Gruppe anschließen zu müssen, um sich mit dieser intolerant bis aggressiv von Anderen abgrenzen zu müssen, um ein klein wenig vom Gefühl des WIR, einer Identität, einer inneren Wertigkeit zu verspüren, das wäre unsäglich und verstörend. Denn es deutet auf dieselben Muster und Stereotypen, die bereits unter den Nazis angewandt wurden, um Menschen zu brutalisieren, zu manipulieren, sie gegen Andere aufzuhetzen, sie in Kriege mit ihren Nachbarn zu hetzen, sie für krude Vorstellungen und eigene Interessen, gespeist aus eben jener übermächtigen Minderwertigkeit, zu benutzen, die solche Menschen schließlich zu Zerstörern und Vernichtern ihrer vermeintlichen, eingebildeten Gegner macht.

Die Muster, die uns aus Frankreich, aus den Niederlanden, aus England, aus Deutschland, aus Ungarn, Polen, Griechenland und Italien entgegen schlagen, ähneln in ihrer Grundstruktur exakt jenen verstörenden, aufputschenden Denk- und Handlungsmustern, mit denen es den Nazis nach 1933 gelang, ein ganzes Volk, die Deutschen, ideologisch zu verführen, sie zu hassenden Gegnern Andersgläubiger (Juden) zu machen, sie zu blindwütigem, angeblichem Nationalstolz anzustacheln, den Hitler und Co. dann mit ihren mörderischen Kriegen, vermeintlich gegen die Gegner eines deutsch-nationalen Stolzes richteten, wie sich am Ende erwies, jedoch gegen das eigene Volk gerichtet hatte, dessen Häuser und Städte zerstört, dessen Kultur und Gesittung entehrt, dessen wirtschaftliche Basis umfassend zerstört war. Am Ende wollte die Clique der Minderwertigen um Hitler nur noch die totale, vollständige Zerstörung des eigenen Volkes, aus falsch verstandener Rache darauf, ihren angeblichen Führer im Stich gelassen zu haben, nicht im Namen seines Fanatismus die Nachbarvölker niedergerungen, besiegt zu haben, sondern zugelassen zu haben, dass sich die Gewalt und der Hass, den Hitler und seine Nazis in fast alle europäischen Länder exportiert hatten, nun gegen Hitler und seine aufgeputschten, totalisierten Deutschen gewandt hatte.

Der Brexit, der für England hoffentlich die positiven Auswirkungen zeitigen wird, die die nationaltrunkenen Befürworter versprochen haben, wird erst der Anfang sein, vom Ende der EU, der Anfang vom Ende einer übernationalen europäischen Idee, der Verbannung von Nationalismus und Fremdenhass. Wir werden nun enorme Fliehkräfte sehen und zu spüren bekommen, die nationale Egoismen als Patentlösung und Alternative anpreisen, dabei jedoch nur individuelle Macht und Vorteile einzelner Politiker und ihres Hofstaats bedienen.

Die EU Führung ,und sicher auch die deutsche Regierung, werden mit Unmengen Geld, das in den Taschen weniger versickert, versuchen, dagegen anzukämpfen. Sie werden unmögliche Kompromisse und Zugeständnisse eingehen, so dass die EU am Ende nur als eine Finanztransferunion übrigbleibt, bis dem letzten, tapferen Transferzahler, Deutschland die finanzielle Puste ausgeht, und sich die nicht länger mit deutschem Geld finanzierbaren Nationalegoisten erst nur abwenden, bevor sie sich unter Umständen gegen den ehemaligen Finanzier wenden, um sich zu holen, was ihnen angeblich zu steht. Das wird der Moment sein, auf den Russland nur wartet: eine zerstrittene, aufgelöste Union, von Nationalismen und Eigeninteressen geprägt, wird wie eine reife Frucht in den Schoß der Diktatur fallen, möglicherweise ohne einen Schuss zur Verteidigung abzugeben, denn auf die Nato brauchen wir, wie die ersten großen gemeinsamen Manöver gezeigt haben, nicht zählen. Auch nicht auf die USA, die nach der nächsten Wahl mehr denn je mit sich selbst und ihrem pazifischem Engagement  beschäftigt sein werden.

Europa ist auf dem Weg, sich aufzulösen, seine einstigen Prinzipien und Regeln aufzugeben, um am Ende, wie einst das römische Imperium kraftlos, sang- und klanglos zu vergehen, und von den neuen Barbaren, einem diktatorisch-nationalistisch geprägtem System überrollt zu werden. Die Briten werden dann auf ihrer Insel sitzen, und sich bestätigt fühlen, die untergehende EU 2016 vorausschauend verlassen zu haben.