Götterdämmerung oder die Vorboten vom Ende der Globalisierung

Es ist bereits amtlich: nicht nur die Politiker der G20 sind aufgescheucht wie ein Hof voller Hühner, in den ein Fuchs eingebrochen ist; selbst in den exklusiven Herrenclubs dieser Welt, in den Führungsetagen der global agierenden Konzerne, in exklusiven Golf-Clubs ebenso, wie in den Flughafen-Lounges für Platinbekartete Vielflieger, geht die neue Angst um.

Angst vor den zunehmend unberechenbaren Wählern, vor Hasspredigern, Neo-Nationalisten, diffusen Volkszorn-Bewegungen wie Brexit-Befürwortern, AfD, Pegida, ultralinken Populisten, wie ultrarechten Neo-Faschisten. Angst vor einem „größeren globalen Aufstand gegen das Establishment, die wachsende Ungleichheit und die Globalisierung“. Angst vor einem „Krieg gegen die Ungleichheit“. Angst vor einer epidemisch sich ausbreitenden Mischung aus Furcht vor dem finalen, sozialen Abstieg, sowie einer, aus wachsender Ohnmacht gegenüber den als anonym empfundenen Mächten der Globalisierung, wie aus Frust über das Scheitern der Politik – national wie international – gegenüber den als immer bedrohlicher empfundenen Auswirkungen einer neo-liberalen , entfesselten Wirtschaftspolitik.

Die sich abzeichnende „Revolte der Verlierer“, so die Financial Times, macht die tatsächlichen oder mutmaßlichen Gewinner der Globalisierung zunehmend nervös. Nicht ohne Grund!

Wer sich daher über die jüngste Verlautbarung der G20 Politiker anlässlich ihres Gipfeltreffens in China wundern sollte, ist nachrichtlich nicht auf der Höhe der Zeit. Tatsächlich erklärten die Regierungen der 20 größten Wirtschaftsnationen, dass „die Vorteile des Wirtschaftswachstums breiter verteilt werden“ müssten. Eine immerhin so unerwartete Aussage, die die Wochenzeitung „Die Zeit“ dazu veranlasste, von der beginnenden „Sozialdemokratisierung der Weltwirtschaft“ zu schwadronieren.

Das fällt schwer zu glauben. Denn um den vorherrschenden „Lobbyismus“-Politikstil, der nach 1945, inzwischen global, Einzug gehalten hat, umzukehren, bedarf es geradezu revolutionären Neuausrichtung von Politik. Doch die ist nicht einmal ansatzweise erkennbar. Noch ist die einseitige Ausrichtung der Politik an den Interessen der Investoren und Privilegierten so tief im Gefüge der westlichen orientierten Gesellschaften verankert, noch sehen sich die Unterprivilegierten und Verlierer der Globalisierung – wie mehrere Untersuchengen zeigen, völlig zu Recht – überhaupt nicht in den Parlamenten dieser Welt vertreten. Statt einer Politik des sozialen Ausgleichs wird knallharte Interessen-Politik betrieben, im Interesse der Vermögenden und ohnehin Privilegierten.

Ein auch nur ansatzweises Umsteuern in einem der G20 Länder ist bisher weder erkennbar, noch ansatzweise eingeleitet. Es bleibt daher zu vermuten, dass uns die Wähler in den künftigen Wahlen ihren ohnmächtigen Protest, als Ventil eines lang aufgestauten Frusts, in Form der Wahl immer neuer Populisten, Nationalisten und politischer Scharlatane, jedweder Couleur, kundtun werden. Die Rezepte dieser selbsternannten Wunderheiler und Politamateure, wird in der Restauration uralter, konfliktträchtiger Mechanismen liegen: Grenzabschottung, Fremdenhass, Protektionismus nationalistischer Parolen. Dabei zeigt bereits der Brexit, als Blaupause dieser Entwicklungen, dass das Gegenteil dessen erreicht wird, was sich die ohnmächtig Protestierenden, die Abgehängten der Globalisierung, das soziale Proletariat unserer Tage dringend wünscht: einen sozial gerechteren Ausgleich der enormen Profite, die innerhalb der letzten 50 Jahre weltweit im Rahmen der Globalisierung erwirtschaftet wurden. Statt sozialer Gerechtigkeit und Teilhabe am gewachsenen Wohlstand, wartet auf die Befürworter des Brexit das Gegenteil: mehr Arbeitslosigkeit, weniger Jobs, höhere steuerliche Belastungen, weniger Sozialhilfe, kurzum eine Verschärfung statt Linderung ihrer prekären Lage. Leicht auszumalen, was der dadurch hervorgerufene neuerliche Frust an irrationalen weiterführenden Wahlentscheidungen auslösen dürfte.

Doch trotz all ihrer Ängste ist weder der kleine Club der Hoch-Vermögenden, der oberen Zehntausend, sowie das Heer ihrer willfährigen Helfershelfer – die Politiker – bereit, beizeiten auf einen Teil ihres, auf Kosten der Armen und Unterprivilegierten erworbenen und erweiterten Reichtums zu verzichten, sowie durch sinnvolle soziale Maßnahmen die Existenz und das Lebensgefühl einer breiten, sie und die Gesellschaft tragenden mittleren Schicht, zu verbessern, ihnen einen angemessenen Anteil am erwirtschafteten Profit der letzten 50 Jahre zu Teil werden zu lassen. Es wird daher kommen wie es kommen muss, und wie wir es in alten Büchern, speziell über die Mutter aller Revolutionen, nämlich die Französische des Jahres 1789, nachlesen können: scheinbar muss es erst einem blutrünstigen, aufgeputschten, mörderischem Mob vorbehalten bleiben, die Banken und Paläste zu stürmen, den Superreichen ihr Leben und ihren Reichtum mit Gewalt abnehmen, ihre Häuser im Feuer aufgehen zu lassen, Politiker zu lynchen, sie ihrer Posten zu verjagen, um dann unfähige Schlachtergesellen und eiskalte Mörder den Staat und seine Machtpositionen zu okkupieren.

Keine zehn, fünfzehn Jahre später wird ein Teil der alten Elite, durch zwischenzeitliches Paktieren mit den an die Macht geschwemmten Proletariern überlebt, gemeinsam mit ein paar Neureichen und despotischen Machtmenschen eine neue Gewalt-Regierung etablieren, wie wir dies sowohl aus dem Frankreich des beginnenden 19. Jahrhunderts und dem Russland des endenden 20. zur Genüge kennen. Die Dummen und erneut betrogenen werden Diejenigen sein, mit deren tatkräftiger Hilfe die blutige Umwälzung vonstatten ging, um ihre Helfershelfer anschließend selbstredend zu vernichten: „Die Revolution frisst ihre eigenen Kinder“. Man kennt das zur Genüge, aus der bolschewistisch-kommunistischen Revolte zu Beginn des 20. Jahrhunderts wie ähnlichen Anlässen seit der Antike.