Flüchtlinge und Kartoffeln oder der Untergang des Abendlands

Vor ca. 300 Jahren wurde Deutschland bereits einmal von panischer Furcht vor dem Unbekannten, Fremden heimgesucht, ähnlich, wie derzeit im Zusammenhang mit den zahlreichen Flüchtlingen.

Während heute ausgerechnet die Atheisten des Ostens sich zu vermeintlichen Beschützern und Rettern des Abendlands aufschwingen, obwohl gerade sie rein gar nicht um die christlichen Traditionen und Glaubensgrundsätze wissen – sie schon gar nicht leben – auf denen das Heilige Römische Reich Deutscher Nation als Vorläuferstaat aufbaute, waren es seinerzeit, im Zeitalter des Absolutismus tief gläubige Protestanten, die gegen den Teufel, in Gestalt des Fremdländischen, aufbegehrten, und ihrer Angst vor Beeinträchtigung, ja Verlust ihres rechten Glaubens in wildem Aufbegehren kund taten.

Sind es heute vorwiegend die zu uns geflüchteten Muslims, die die selbsternannten Retter eines missverstandenen Abend- und Vaterlands auf die buchstäblichen Barrikaden und in die Straßen treiben, war es vor rund dreihundert Jahren eine ausländische Pflanze, die zu ähnlichen Angst- und Abstossekzessen Anlass gab. Die Pflanze, heute ein „traditionelles“, als abendländisches Lebensmittel angesehenes Grundnahrungsmittel Deutschlands, hatte seinen Weg nach dem Jahr 1500 aus der sogenannten Neuen Welt, um genau zu sein, aus Südamerika nach Europa gefunden: die Kartoffel.

Der weitsichtige, kluge Preußenkönig Friedrich II., genannt der Große, obwohl er rein körperlich eher zu den Kleinen, Zartgliedrigen im Lande zählte, hatte das enorme Potential des ausländischen Gewächses erkannt. Dank des außerordentlich guten Wachstums der Kartoffel schien sie geeignet, die bis dahin in Europa und Deutschland alle paar Jahre ausbrechenden Hungersnöte erfolgreich bekämpfen zu können. Also hatte der König auf Staatskosten große Mengen Saatkartoffeln aus England und Irland, wo die Kartoffel bereits ihren Erfolgs-Siegeszug im Kampf gegen den Hunger angetreten hatte, geordert, und an seine Bauern in seinen Ländern verteilen lassen.

Als aufgeklärter Monarch, der sich wie ein Vater oder Lehrer seiner Untertanen fühlte, hatte er die Lieferungen mit ausführlichen Instruktionen, sowohl für die Gutsherren und adligen Grundbesitzer, wie für die einfachen Bauern, ausgestattet. Dem König war klar, dass eine neue, unbekannte Pflanze zunächst auf große Ablehnung, Angst und Feindlichkeit vor dem Unbekannten, Fremden stoßen würde. Der Ausspruch „Was der Bauer nicht kennt, dass isst er nicht“, war selbst ihm bekannt.

Was der umtriebige, um das Wohl seiner Untertanen besorgte König jedoch unterschätzt hatte, war die enorme religiöse Sprengkraft, die von der fremden Pflanze ausging. Obwohl gewöhnt, die Befehle ihres Königs auszuführen und zu befolgen, sahen sich die Untertanen Friedrich II. Plötzlich in einem ungeheurem Gewissenskonflikt: der König befahl ihnen, die unbekannte, fremde Frucht nach genauen Anweisungen zu pflanzen; ihr Glaube – besser sollte man von Aberglaube sprechen – jedoch ließ sie die fremde, ausländische, unbekannte Pflanze jedoch als Werk des Teufels sehen, zumal es sich bei der Kartoffel um ein Gewächs handelt, dass sich im Verborgenen, im Dunkel der Erde, also dem Ort des Teufels und des Todes entwickelt, anders, als das bekannte Getreide, dass zwar auch zunächst in der Erde sprießt, doch alsbald ans Tageslicht kommt, und dann vor aller Augen in die Höhe und Breite wächst, und seine Körner bildet.

Die angsteinflößende Kartoffel jedoch, dieses Teufelszeug, gedieh völlig unsichtbar, und musste, reif, erst mit Mistgabeln der dunklen Erde entrissen werden. Die preußischen Bauern waren sich sicher, dass die Pflanze eine perfide Arglist des Teufels sei, ausschließlich in die Welt gesetzt, um sie, gute, tief gläubige Christen zu vergiften und sie so Gott und ihrem Glauben abspenstig zu machen.

Hin- und hergerissen zwischen ihrem Gehorsam gegenüber dem König, als ihrem von Gott eingesetzten Herrn, und ihrem eigenen, preußisch-deutschem „gesunden“ Religionsempfinden, entschlossen sich die Bauern zu einer aberwitzigen Taktik: tagsüber pflanzten sie scheinbar gehorsam die Kartoffeln in die Erde, um des Nachts ihr Tagewerk selbst zerstörend, die Teufelsfrucht auszubuddeln und sie an abenteuerlichen Orten unter der Hilfe von ebenfalls tief religiösen Dorfgeistlichen mit allerlei Beschwörungsformeln so zu entsorgen, dass die Macht des ihr innewohnenden Teufels gebrochen war.

Oft blieb dieses Treiben der Bauern so lange unentdeckt, bis die oberirdischen Zweige und Blätter hätten sichtbar werden müssen. Die entsetzten herbeigeeilten königlichen Inspektoren gruebn nach und stellten fest, dass die Kartoffeläcker keinerlei Kartoffeln enthielten.

Dies verschärfte die Nahrungsprobleme im Land, denn man hatte auf den, für die Kartoffeln bestimmten Äckern kein Getreide angebaut, so dass nun statt zusätzlicher Nahrung, ein erheblicher zusätzlicher Mangel herrschte, der die Teuerung im Lande trieb, und den Staatsschatz erleichterte, da der König für teures Geld Korn aus anderen Ländern einführen musste, um seine abergläubischen Bauern nicht verhungern zu lassen.

Dies erinnert fatal an die Reaktionen der heutigen Flüchtlingsgegner. Der vermeintliche Feind, der Fremde wird mittels Demonstrationen abgelehnt, zugleich legen besonders eifrige Fremdenfeinde selbst Hand an, fackeln Häuser in denen Flüchtlinge wohnen ab, ab und an verprügeln oder massakrieren sie auch Flüchtlinge, um ihr vermeintlich nationales Mütchen zu kühlen.

Anders, als der frühere absolutistische Herrscher, können heutige Politiker auf die aus den gleichen Quellen gespeiste Ablehnung und Fremdenfeindlichkeit reagieren. Nicht mit stattlicher Gewalt, sondern nur mit den Mitteln des Worts und der Verfassung.

Friedrich II. ließ Soldaten zur Bewachung der Felder abstellen. Außerdem fuhr er selbst, alt und gebeugt inzwischen, selbst landauf landab mit seiner Kutsche auf die Äcker, um seine Bauern zu ermuntern, mit seinen Argumenten zu überzeugen, und wo das alles nicht half, sie ab und an auch persönlich mit seiner Krücke zu vermöbeln.

Nachdem die erste Kartoffelernte eingebracht war und die noch immer skeptischen, ablehnenden Bauern erstmals selbst schmeckten, wie gut ein Gericht aus Kartoffeln mundete, schlug die Stimmung nach und nach um. Während die Hartgesottenen, als Traditionalisten ihre vermeintlichen religiösen Werte verteidigten, sich möglichst weigerten, Kartoffeln anzubauen und zu essen, erkannte die Mehrzahl der Bauern, um wie viel leichter und ertragreicher, selbst bei widrigem Wetter der Kartoffelanbau gegenüber dem Getreideanbau war, da Kartoffeln weit weniger Ansprüche an die Qualität des Bodens stellten, zudem, als unterirdische Pflanze nicht den Launen des Winds ausgesetzt waren, zudem besser mit großer Feuchtigkeit klarkamen, und im Winter einfach zu lagern waren und zudem mehr Vitamine und Nährstoffe frisch an ihre Esser brachten, schlug die Stimmung binnen dreier Jahre um. Beschämt erkannten die Bauern überwiegend, dass ihr König es nur gut mit ihnen gemeint hatte, und sie trotz ihrer Vorurteile und ihres passiven Widerstands dazu gebracht hatte, sich seinem vorausschauenden Willen zu beugen. Nun, mit vollen Bäuchen und ohne die ständigen Hungersnöte nach schlechten Getreideernten, mit geringeren Teuerungsraten dank des Nahrungsmixes, lebte es sich für den großteil der armen Leute und Bauern eindeutig besser in Preußen.

Bleibt zu hoffen, dass die Ewiggestrigen, die angeblich um das Abendland und die christlichen Werte besorgten Protestbürger erkennen, dass ihre überbordenden Ängste und Abstoßreaktionen nicht gerechtfertigt sind. Denn so, wie wir seit den 60er Jahren weit mehr als drei Millionen türkische Gastarbeiter mehr oder weniger in die Gesellschaft integriert haben, werden wir selbstredend in der Lage sein, zwei bis drei Millionen muslimische Flüchtlinge in Deutschland zu integrieren. Selbstredend auf Basis unseres Grundgesetzes und unserer pluralistisch-freiheitlichen Ordnung. Wer sich von Flüchtlingsseite unter dieser Voraussetzung integriert, muss willkommen sein. Wer sich gegen unsere Verfassung, unsere Gesetze und unseren gesellschaftlichen Konsens stellt, sei es als aktiver Terrorist, oder als passiver Unterstützer – ob muslimisch oder nationalistisch – muss mit allen Machtmitteln unseres Staates bekämpft werden.

Wenn zudem reine Trittbrettfahrer, sogenannte Wirtschaftsflüchtlinge aus sicheren Staaten konsequent des Landes verwiesen werden, sollte es keinen Grund geben, weshalb das aktuelle Projekt für Flüchtlinge nicht eine ebensolche Erfolgsgeschichte werden kann, wie die der Kartoffeln, dieser vermeintlichen Frucht des Teufels, und Feind des christlichen Abendlands.