Cops – was läuft falsch in den USA?

Seit Wochen, gar seit Monaten, reiht sich Fall an Fall, in dem es um mehr oder weniger brutale Gewalt seitens Polizisten, gegenüber fast immer unbewaffneten, afroamerikanischen Mitbürgern geht. Die US-amerikanische Soziologin, Alice Goffman, bringt ihre Beobachtungen und Erfahrungen aktuell auf den Punkt: „Die Cops treten auf wie eine Besatzungsarmee“.

Der jüngste, bekannt gewordene Fall – man muss davon ausgehen, dass es unzählige, nicht aktenkundige bzw. pressebezeugte, weitere Fälle gibt – handelt von einer jungen afroamerikanischen Frau, deren Gesetzesverstoß darin bestand, bei einem Spurwechsel vergessen zu haben, ihren Blinker zu betätigen. Mal abgesehen davon, ob diese leicht fadenscheinige Begründung überhaupt zutrifft, zog das angebliche „Fehlverhalten“ die Verhaftung der jungen Frau, ihre Verbringung in die örtliche Polizeizelle, einen dreitägigen Gefängnisaufenthalt, und, ihren Tod in der Zelle nach sich. Angeblich habe die Frau Selbstmord begangen. Angehörige bezweifeln dies vehement, da die Frau davor stand, einen neuen Job anzutreten, auf den sie sich riesig freute. Die eingeleitete, hoffentlich vorurteilsfreie Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft, wird später klären, was tatsächlich vorging, im texanischen Knast.

Meine persönlichen Erfahrungen machen mich höchst skeptisch. Ich erinnere mich, anlässlich meiner ausgedehnten Reisen durch die USA – darunter zwei Mal von Küste zu Küste, also von der Pazifikküste an die Atlantikküste – an diverse Vorfälle, die mein irrationales Unbehagen gegenüber US-Cops das mich vom ersten Augenblick, an dem ich in einem Mietwagen saß und durch die USA  fuhr begleitete. Zunächst nur in Form einer irrational unbegründeten Besorgnis, die jedoch vom ersten Moment an, an dem ich erstmals US amerikanischen Boden betrat, befeuert wurde.

Mein erster Eindruck war – vergleiche ich ihn mit dem entsprechenden Verhalten des englischen Immigration Offiziers, der mich als Jugendlichen in Dover in Empfang nahm und befragte, bevor England der EU beitrat – mit jenem misstrauisch, inquisitorischem Benehmen, das die drei involvierten Einwanderungsbeamten auf dem John F. Kennedy Airport in New York an den Tag legten, es macht einen himmelweiten Unterschied. Es kostete mich nahezu 60 Minuten, nur um die drei Beamten davon zu überzeugen, ein völlig durchschnittlicher Tourist zu sein, der u.a. New York besichtigen, Museen besuchen, amerikanische Bekannte treffen, sowie die Umgebung der Stadt erkunden wollte.

Das alles, obwohl mein Äußeres als weißer Europäer, Deutscher, so durchschnittlich und normal ist, wie das des größten Teils meiner europäischen und amerikanischen weißen Mitbürger. Bereits damals bekam ich eine kleine Ahnung davon, wie sich Jemand fühlen muss, der auf Grund seiner Hauptfarbe oder Nationalität zu den „problematischeren“ Besuchern zählt. Ich vermute, die Ursache für meine vertiefte, intensive Befragung, einschließlich der mehrfachen Überprüfung meiner Papiere lag, Jahre vor den Terroranschlägen des Jahres 2001, schlicht in der Tatsache begründet, dass mein Pass Ein- und Ausreisestempel nordafrikanischer und arabischer Länder enthielt.

Apropos Nordafrika. In kaum einem anderen Land, sieht man mal von gewissen osteuropäischen Ländern ab, habe ich mich so undefinierbar unwohl gefühlt, wie in den USA. Speziell wenn ich einen der Highways befuhr, mehr noch innerhalb der Großstädte, ganz gleich, ob es sich um Boston, New York, Philadelphia, Detroit, Chicago, San Francisco, Miami, Houston, Las Vegas, New Orleans, Seattle, St. Louis etc. handelte. Stets war da dasselbe ungute Gefühl, das mir in Tunis, Algier, Kairo oder Marrakesch beim Anblick der dort allgegenwärtigen Polizei über den Rücken gelaufen war. Sicher werden einige Leser von „self fullfilling prophecy“ sprechen, wenn ich anmerke, dass sich dieses undefinierbare, ungute Gefühl mehrmals in den USA bewahrheitete.

Doch ich kann mich beim besten Willen an keine ähnlichen Ereignisse erinnern, beim Durchqueren eines Großteils Europas. Selbst die Tatsache, dass ausgerechnet im von mir als tolerant und sehr sympathisch gesehenen Schweden, zwei gelangweilte Streifenpolizisten den Augenblick abpassten, während dessen ich mein schwedisches Papiergeld für die Parkuhr, im Laden um die Ecke gegen Münzen eintauschte, um die gierige Parkuhr füttern zu können, mir einen sündhaft teuren Strafzettel verpassten, obwohl mein KFZ-Kennzeichen mich als deutschen Touristen auswies, und der Umtausch ganze acht Minuten dauerte. Aus Deutschland kenne ich es, dass unsere Polizisten, gerade bei Touristen ein Auge zudrücken, und es in der Regel bei einer Verwarnung bzw. einem Hinweis an der Windschutzscheibe belassen.

Dafür ist meine Erfahrung, dass zumindest einzelne Polizisten sich in Frankreich, Italien, Dänemark oder Spanien mit großer Wonne gerade deutsche Touristen „schnappen“, und mit scheinbar innerer Genugtuung abkassieren. In den USA hingegen scheint ein erhebliches Maß an Willkür zu herrschen, das sich dann explosionsartig steigert, wenn es sich bei den Opfern um Afroamerikaner, Araber, oder eben um landesfremde Touristen handelt.

Zwei Erfahrungen haben mein ohnehin nie sonderlich gut entwickeltes Vertrauen in amerikanische Cops nachhaltig erschüttert. Es war auf dem endlosen Highway durch New Mexico, als ich mehrere hundert Meter voraus, auf dem breiten Grünsteifen zwischen den beiden Highway-Seiten, im Schatten einer Brücke, ein Fahrzeug der Highway-Patrol wahrnahm. Instinktiv vergewisserte ich mich, die korrekte Geschwindigkeit einzuhalten. Kein Problem, zumal ich die Speed-Control eingeschaltet hatte, so dass der Wagen konstant die zulässige Geschwindigkeit von 65 Meilen pro Stunde einhielt. Einige hundert Meter vor mir, und wiederum fast einen Kilometer hinter mir, fuhren zwei andere Autos, ansonsten war der Highway leer. Als ich das Polizeiauto passierte, bemerkte ich, dass es gestartet wurde, denn die Scheinwerfer begannen zu leuchten. Sekunden später verließ der Wagen den Grasstreifen, befuhr den Highway, wechselte von der Überholspur auf die rechte Spur und klemmte sich, rund fünfzig Meter hinter meine Stoßstange.

Obwohl ich mir keinerlei Schuld bewusst war, schließlich hielt der Geschwindigkeitsmesser brav die zulässige Geschwindigkeit, das Auto, ein neuer Chevrolet, war technisch in einwandfreiem Zustand. Alle Lampen funktionierten. Mein Pass war in Ordnung, ich besaß ein ordnungsgemäßes Visum, mein Führerschein war gültig, ich hatte Bargeld und Kreditkarten, führte weder Alkohol noch Drogen, auch keine Schmuggelware bei mir, und dennoch, je länger der Polizeiwagen knapp und auffällig hinter meiner Stoßstange klebte, umso unruhiger und unsicherer wurde ich. Es gehört mit Sicherheit zum Repertoire der US Polizisten,  durch dieses leicht aggressive Verhalten für unnötige Verunsicherung bei Auotfahrern zu sorgen, damit diese möglichst irgend eine kleinen Fehler begehen, den die gelangweilten, vermutlich zudem korrupten Polizisten dann umgehend scharf ahnden können.

Obwohl mir innerlich heiß wurde, wohl wissend nichts verbrochen zu haben, mich völlig korrekt zu verhalten, dehnten sich die Minuten, während der mir das Polizeifahrzeug folgte, wie Stunden. Ich musste mich sehr zwingen, nicht zu oft in den Rückspiegel zu schauen, und mich auf das monotone Geradeausfahren auf dem Highway zu konzentrieren. Dann urplötzlich, ohne jeglichen Grund, betätigten die Polizisten ihr optisches und akustisches Signal. Man kennt den grellen, aggressiven, nervigen Ton der Polizei-Fahrzeuge aus den US Serien. Ich wusste, ebenfalls aus den Filmen, was von mir nun erwartet wurde: Geschwindigkeit reduzieren, rechts ranfahren, stoppen, und im Wagen sitzen bleiben.

Der endlose Highway verfügte jedoch nicht, wie in Deutschland, über einen Standstreifen. Rechts begann sofort das Gras, und eine leichte Böschung ließ es mir zu gefährlich erscheinen, hier anzuhalten. Daher setzte ich meine Fahrt langsam fort, trotzdem ich im Rückspiegel erkennen konnte, wie die beiden Streifenpolizisten wild gestikulierten, und nicht verstanden, weshalb ich nicht unverzüglich anhielt. In diesem Augenblick tauchte ein Schild auf, das in einer Meile, also in gut anderthalb Kilometern Entfernung, eine Abfahrt anzeigte. Ich beschloss, bis dort zu fahren, und dann, auf der sicheren, asphaltierten Ausfahrt zu stoppen. Die Polizisten hinter mir wurden immer aggressiver. Sie fuhren mehrmals beinah auf meinen Wagen auf und gestikulierten, ich solle unverzüglich rechts ran fahren.  Doch ich wollte nicht riskieren, mich im Gras und sandigen Untergrund festzufahren, schließlich kannte ich den Mietwagen nicht gut genug, um zu wissen, wie er reagieren würde. Also fuhr ich stur bis zur Ausfahrt, blinkte und stoppte dort.

Als ich im Rückspiegel Ausschau hielt, war der Polizeiwagen verschwunden. Verwirrt sah ich mich um und erkannte das Polizeiauto ein paar hundert Meter vor mir auf dem Highway. In diesem Moment passierte ein kleiner Van die Stelle. Während ich noch überlegte, was geschehen war, sah ich, wie die Polizei dieses Fahrzeug anhielt. Ich setzte meine Fahrt daraufhin fort. Fuhr die kleine Anhöhe zur Brücke hinauf, querte die Straße, und fuhr auf der anderen Seite wieder auf den Highway auf, da ich ja weiter Richtung Houston musste. Keine 800 Meter hinter der Einfahrt stand der Polizeiwagen und der Van. Der Fahrer des Van stand breitbeinig neben seinem Auto, die Hände auf die schräge Motorhaube gelegt, zwei Polizisten, ihre Waffen im Anschlag, standen hinter ihm.

Was war geschehen? Die Polizisten hatten offenbar auf Teufel komm raus ein Opfer gesucht. Zunächst hatten sie mich auserkoren. Es gab keinerlei Veranlassung, mir zu folgen, oder mich anzuhalten. Als ich jedoch den Highway verließ, beging ich – zu meinem Glück – einen Fehler. Die Highway Patrol ist nur für den Highway zuständig. Die Abfahrt lag bereits auf dem Gebiet des örtlichen Sheriffs. Daher war die Autobahnpolizei mir nicht gefolgt, hatte enttäuscht und wutentbrannt sich den nächstbesten Fahrer geschnappt, und drangsalierten ihn wohl ähnlich grundlos, wie die eingangs erwähnte junge Frau.

Meine zweite negative Erfahrung hatte ich mit Cops im ohnehin gefährlichen Miami in Florida. Ich hielt mich, gemeinsam mit meiner Begleiterin, in einem Fastfood Restaurant auf, als wir bemerkten, dass uns zwei ebenfalls anwesende Polizisten auffällig beobachteten. Weshalb sie in dem gut gefüllten Restaurant ausgerechnet uns auf den Kicker nahmen, ist mir bis heute nicht klar. Es war jedoch offensichtlich, dass sie uns beobachteten, auch über uns sprachen. Wir hatten einige Geschichten über ausgeraubte und überfallene Touristen, ja sogar zu Tode gekommene, aus Miami gehört und gelesen. Weshalb es diese Polizisten auf uns abgesehen hatten ist und blieb unklar. Wir verabredeten, uns zu trennen, um zu testen, ob die Polizisten es tatsächlich auf uns abgesehen hatten. Wir verabredeten uns auf dem Parkplatz bei unserem Auto.

Als ich mich auf die Toilette begab, folgte mir tatsächlich einer der Polizisten. Gottlob war diese belebt, so dass ich dort vor einem Zugriff sicher war. Ich tat so, als würde ich urinieren. Der Polizist stellte sich ein paar Plätze neben mich und begann ebenfalls zu pissen. Jetzt drehte ich mich um und lief Richtung Seitenausgang. Meine Begleiterin hatte sich bereits dorthin begeben, verfolgt von dem anderen Polizisten. Als er sah, wie wir das Restaurant durch den Seiteneingang verließen,  blieb er an dieser Tür stehen, um auf seinen Partner zu warten. Bevor dieser die Tür erreichte, waren wir an unserem Mietwagen, starteten und fuhren los wie vom Teufel verfolgt. Meine Begleiterin sah, wie die Polizisten zu ihrem Streifenwagen rannten. Doch wir waren bereits auf der viel befahrenen Verkehrsstraße, und zu unserem Glück schaltete die Ampel nach uns auf grün. Ich bog mehrfach rechts und links ab, wir verfranzten uns dabei entsetzlich, ausgerechnet in dem Viertel von Miami, das berüchtigt ist als Touristenfalle. Doch es gelang uns erfolgreich, die verfolgenden Polizisten abzuschütteln. Dss diese in keiner offiziellen Mision hinter uns her gewesen waren, zeigte sich daran, das sie uns nicht durch andere Fahrzeuge verfolgen ließen. Schließlich fanden wir den Weg zurück auf eine der Hauptstraßen, und setzten unsere unterbrochene Reise Richtung Key West fort.

Nicht auszumalen, was die Polizisten angestellt hätten, wären sie unserer habhaft geworden. Meine Angst vor möglichen Konsequenzen – ganz ohne jeglichen Grund unsererseits – findet sich in den aktuellen Berichten aus den USA bestätigt. Wegen eines angeblich nicht betätigten Blinkers verhaftet und ins Gefängnis gesperrt zu werden, ist schon starker Tobak. Doch dann auch noch dort zu Tode zu kommen, ist heftig, unangemessen, ungesetzlich.

Ich traue den US-Cops – vermutlich einigen zu Unrecht – so ziemlich alles zu. Ist man erst mal in ihren Fängen, ganz gleich ob als Afroamerikaner, oder als Tourist, ohne gute Kontakte zu Anwälten, weit weg von der Botschaft und einem Konsulat, hat man vermutlich ähnlich schlechte Karten, wie ein Farbiger.

Es ist diese offen praktizierte Form der Willkür, die viel zu weit reichenden Möglichkeiten, die Polizisten in den USA haben, weil fast Jedermann mit einer Knarre herum rennt, die Angst macht. Man kann nicht sicher sein, nicht einer Straftat beschuldigt zu werden, die man absolut nicht begangen hat. Auch das Einfordern der verfassungsmäßigen Rechte, kann Aggressivität der Polizei nach sich ziehen. Es ist ein System, innerhalb dessen man nie wirklich sicher sein kann. Deshalb habe ich die Polizei auf meinen Reisen in den USA stets gemieden. Denn das Risiko, im Polizeigewahrsam zu sterben ist, verglichen mit Deutschland, extrem hoch, nicht nur als Farbiger.

Allerdings bin ich ratlos, wie und mit welchen Maßnahmen das Polizeisystem in den USA zum Besseren geändert werden kann. Neben einer kaum verhohlenen Diskriminierung steht der immense Waffenberg einer Reform ebenso im Weg, wie die historisch bedingte Art und Weise, wie Polizisten in den USA zu ihrem Job kommen, sowie die Art und Weise ihrer Ausbildung. Auch die magere Bezahlung dürfte dazu beitragen, dass die, in fast sämtlichen Serien zur Schau gestellte Korruption unter Polizisten, so verbreitet ist. Korruption existiert auch in anderen, wenig demokratischen Ländern, selbst innerhalb der EU, zur Genüge. So wie mich tunesische Polizisten zur Kasse baten, geschah dies auch in Litauen. Insofern bin ich sicher, dass es die verfolgenden Beamten in den USA in beiden Fällen auf etwas „Taschengeld“ von ein paar, wohl als Touristen auffälligen Besuchern „einfordern“ wollten. Vermutlich zahlen derart düpierte und bedrohte Touristen nicht nur willig; sie verlassen das Land auch kurze Zeit später und verzichten auf Strafverfolgung. Vermutlich macht das ausländische Touristen so attraktiv für korrupte Polizeibeamte auf Streife?