Tag der deutschen Einheit

Habe den Festrednern in der Münchner Staatsoper gelauscht. Angesprochen hat mich die Rede von Bundestagspräsident Lammert, weil er nicht den sattsam ausgetretenen Pfaden des Wiedervereinigungs-Gesülzes gefolgt ist, sondern sich in bemerkenswerter Weise auf Europa und Deutschlands Zukunft innerhalb desselben konzentriert hat.

Angesichts der perversen Aufwallungen der dahin gesiecht geglaubten Nationalismen in vielen europäischen Ländern im Zuge der Krise des Euros, tut es gut, wenn ein namhafter Politiker Realitätssinn zeigt und nationalem Populismus die kalte Schulter zeigt.Kürzlich erschien ein bemerkenswert-interessantes Buch: “Was ist deutsch? Die Entwicklung der sprachlichen Verhältnisse in Deutschland” von Utz Maas. Der inzwischen emeritierte Linguist weist darin nach, dass das heutige Deutsch eben nicht, wie von den romantisch angehauchten Nationalisten des 19. Jahrhunderts behauptet, und von den Nazis noch bis 1945 propagiert, sich aus germanischen Elementen zu einer deutschen nationalen Sprache entwickelt hat, sondern verweist zu recht auf die zahlreichen sprachlichen Bereicherungen und Entlehnungen, die der Sprache im Laufe von rund zweitausend Jahren durch Einwanderer, Eroberer, Kriege, und historische Ereignisse zugewachsen sind.

Maas Erkenntnisse, die sich aus rein linguistischer Quelle speisen, – wobei diese ohne die einbettende Geschichte natürlich nicht denkbar wären – decken sich mit meinen eigenen Erkenntnissen angesichts der Vorarbeit zu einem im Entstehen begriffenen historischen Romans. Allein während der letzten 350 bis 400 Jahre hat Deutschland, haben die Deutschen eine europäische Durchmischung erfahren, wie keine andere Nation des Kontinents. Der Dreißigjährige Krieg, dieses erste Monster eines europaweiten, ja weltweiten Krieges, hat nicht nur Unmengen von Menschenleben ausgelöscht – in manchen Teilen Deutschlands bis zu 50% aller Einwohner – sondern für eine europäische Durchmischung sondergleichen gesorgt. Spanische, französische, slawische, schwedische, dänische, italienische, ungarische Söldner brachten nicht nur tausendfachen Tod ins Land; sie zeugten mit vergewaltigten deutschen Frauen eine Unmenge nationaler Bastarde, deren Nachkommen seither viele Teile Deutschlands bzw. des ehemals Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation bevölkern. Davon zeugen Nachkommen schwedischer Söldner im heutigen Elsass-Lothringen, wie die italienischer oder spanischer entlang des Rheins. In den östlichen Bundesländern überwiegen die Menschen mit polnischen, litauischen, böhmisch-tschechischen Wurzeln, während in Norddeutschland eine Vielzahl skandinavischer Namen ihren Ursprung verraten.

Der furchtbare Siebenjährige Krieg, die Kriege im Gefolge der Französischen Revolution, die Freiheitskriege um 1848, die nationalen Kriege der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als man begann von einer deutsch-französischen “Erbfeindschaft” zu reden, die Auswirkungen der nationalen Bewegungen, mehr noch die der sozialen Revolution, spülten erneut Zehntausende Menschen aus unterschiedlichen europäischen Ländern ins Zentrum Europas, nach Deutschland. Gut ein Drittel der in Nordrhein-Westfalen lebenden Menschen haben nicht ohne Grund polnische Wurzeln. 

Die religiösen Exzesse in Folge der Trennung in katholische und protestantische Kirche trieben Menschen aus Frankreich  und Österreich in die östlichen Gebiete Deutschlands, nach Brandenburg und Ostpreußen. Ostpreußen war zudem Sammelbecken für zahlreiche Auswanderer aus Litauen, Russland und Polen. All diese Menschen, das weist Maas in seinem Buch nach, brachten ihre Muttersprachen mit nach Deutschland. Wie in der Gegenwart, wo Gastarbeiter aus Italien, Spanien und der Türkei einzelne Worte einbrachten, hat sich die deutsche Sprache seit dem Mittelalter vollgesogen mit einer Fülle von Lehnworten anderer europäischer Sprachen. Nimmt man die, durch die Besetzung Deutschlands als Folge des 2. Weltkriegs bedingte Anglisierung unserer Sprache hinzu, dann bleibt herzlich wenig von “germanischen Wurzeln”, bleibt wenig, was man mit Fug und Recht eine nationale Sprache nennen darf.
Die deutsche Sprache, gesprochen wie geschrieben, ist die europäischste aller europäischen Sprachen, wie die Deutschen das gemischteste und damit europäischste Land Europas ist. Da sollte es nicht überraschen, dass die Deutschen, nachdem der nationalsozialistische Beezelbub durch die Alliierten gründlich ausgetrieben wurde, die überzeugtesten Europäer Europas sind. Die wenigen Ewiggestrigen, die verzweifelt versuchen eine neo-nationalistische Klaviatur zu spielen, zeigen eigentlich nur, wie wenig sie um ihre eigene Geschichte, wie Familiengeschichte, wissen. 

Dazu passt, wie ich im Zuge meiner Recherchen für besagten Roman herausfand, dass einer der Judenschlächter Hitlers, der sich durch die Tötung zehntausender Juden im Baltikum und Weißrussland bei seinen nationalsozialistischen Meistern “verdient” machte, nicht nur litauische, sondern gar jüdische Wurzeln hatte. Das zeigt, wohin mangelndes Wissen um die eigene Vergangenheit führen kann: als vermeintlicher glühender Nationalist wurde dieser Mensch auf Umwegen zum Mörder der eigenen Wurzeln …

Insofern tat es gut und war es richtig was Herr Lammert den Deutschen heute ins Stammbuch schrieb: der deutsche Weg ist nicht länger ein nationaler, er ist durch und durch ein europäischer! Deshalb gibt der Tag der Deutschen Einheit Anlass, in der Tat mit einiger Zuversicht – trotz schwelender Euro-Krise – in die Zukunft zu blicken, weniger in eine deutsch-nationale, als vielmehr in eine europäisch-integrierte. Es wäre schön, dies würden unsere europäischen Freunde in Südeuropa – speziell die in Griechenland,  Spanien und Italien – trotz der aktuellen Nebelschwaden und der darin neuerlich wabernden Nationalismen und anti-deutschen Stimmungsmache zur Kenntnis nehmen.