Nachdenkliches zur Bundestagswahl 2013

Fast zwei Wochen sind vergangen, seit der diesjährigen Bundestagswahl … und ein Tag seit dem Tag der Einheit. Wie schnell doch die Zeit vergeht! Vor einem Jahr habe ich mich an dieser Stelle letztmals politisch geäußert.

Was ist nicht alles geschehen, seitdem?

Die Eurokrise wurde mit sehr viel, allzu langer Warterei, und enorm viel, sinnlosem Geld von unserer, sich immer unfähiger gebärdenden Politiker-Kaste, verschlimmert und verlängert – statt einer Lösung zugeführt!

Zum Dank dafür wählen meine Landsleute die Unfähigkeit und den Stillstand in Person ein weiteres Mal zu ihrer Kanzlerin. 

Ich verstehe, je älter ich werde, meine Landsleute, das, was sich Deutsches Volk nennt, immer weniger. Da wählen angeblich rund 41 % eine Partei, die unter Helmut Kohl das Land in seine längste und schwerste wirtschaftliche Krise seit 1949 manövriert hat – wobei sich die tollen 41% bei etwas Nachrechnen als hohle Luftnummer von gerade mal 30% der 72% der Wahlberechtigten entpuppt, also genau soviel oder wenig, wie die Fraktion der Nichtwähler, denen ich mich mittlerweile bewußt angeschlossen habe.

Die Herren und die Dame von der CDU, die sich an ihrem angeblichen Wahlsieg so unendlich aufgeilen, repräsentieren gerade einmal knapp ein Drittel Derjenigen, die sich überhaupt noch zur Wahl begeben haben. Ruhen sich seit vier Jahren auf den Lorbeeren aus, jenen Kastanien, die die unter Gerhard Schröder abgedriftete SPD für die Konservativen aus dem Feuer geholt hat. Da werden angebliche wirtschaftliche Erfolge und statistische Hartz IV Lug und Trügereien herangezogen, um dem uninformierten Durchschnittsbürger zu suggerieren, es ginge wirtschaftlich aufwärts, voran in diesem aussterbenden Land; da heftet sich eine überkonservative Arbeitsministerin die Erfolge ihrer Vorgängerregierung ans eigene Revers; da spielten sich aufgeblasene FDP Fuzzis als Hüter von Freiheit und Liberalismus auf, ein durchgeknallter, ehemaliger Ministerpräsident spielt für seine Kurzzeit-Geliebte und -Ehefrau den Bundesheini.

Dabei erinnere ich mich noch sehr gut an den Oktober 1982, als die Umfallerpartei, die nun endlich aus dem Bundestag rausgefallen ist, ihre eigenen liberalen Wurzeln verriet und sich für ein mieses Linsengericht an den tump-tönernen Riesen aus Oggersheim verkaufte. Unvorstellbar, dass eine solche Partei Politiker wie Theodor Heusshervorgebracht hat, bei dessen Trauerzug durch die Stuttgarter Innenstadt reihenweise Frauen wie Männer weinten. Oder einen später in England geadelten Ralf Dahrendorf, wegen dem ich zum ersten, einzigen und letzten Mal als Jungwähler der damals noch liberalen Partei eine Stimme lieh. Ich erinnere mich mit großem Respekt an Wolfgang Mischnick, Gerhard Baum, Burkhard Hirschoder Hildegard Hamm-Brücher, die Aufrechte, die sich nach 54 Jahren von der ihr fremd und schal gewordenen Partei konsequent trennte.

Überhaupt – welch ein Absturz, was für ein Unterschied zwischen unseren Politikern der Jahre 1949 bis 1969 und heute!

Vergegenwärtigt man sich, was für ein gewaltiges Qualitätsgefälle herrscht, zwischen jenen Persönlichkeiten, die alle damals im Bundestag vertretenen Parteien aufweisen konnten, gleich welcher politischen Couleur, und dem heutigen Einheitsbrei egoistischer, nur auf die eigene Karriere, den eigenen Dienstwagen, die eigenen finanziellen Vorteile ausgerichteten Politiker, kann, nein muss einem, um mit Heine zu sprechen, Angst werden: 

Denk ich an Deutschland in der Nacht, 
Dann bin ich um den Schlaf gebracht.

Nach Deutschland lechzt’ ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär’;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben

Vermutlich braucht es, um Solches zu formulieren und zu erkennen, den Abstand des Exils, sei es, des erzwungenen, oder des freiwilligen. In jedem Fall weitet der Blick von Aussen den Winkel, schärft die Sicht und macht sensibel für Jenes, das man von nah nicht erkennen kann. Den Wald nicht sehen können, vor lauter Bäumen, nennt es eines der guten alten Sprichwörter, an denen unsere Sprache einst so reich gewesen ist.

Ich wünsche – auch und gerade als Teil der bewußten Nichtwähler – einem nennenswerten Teil meiner Landsleute, dass sie, und sei es auf ihren Reisen oder anlässlich ihrer Urlaube in anderen Ländern, ihren Blick und ihre Sicht auf Deutschland schärfen, um die Probleme wie deren Lösung, sowohl der nationalen, wie der europäisch-übernationalen, etwas realistisch-kritischer anzugehen, als in Gegenwart und Vergangenheit.

Deutschland bedürfte gegenwärtig statt einer Merkel an der Spitze einer großen Koalition, mit einer schwach und dauergeschwächten SPD, eines Politikers mit den Visionen eines Willy Brandt, dem Standing und Durchsetzungsvermögen eines Konrad Adenauer, sowie des Sachverstands, Intellekts und der “wohlmeindenden” preussischen Arbeitsmoral eines Helmut Schmidt
Die alle vier Jahre neu aufgebackene Schrippe vom Typ “Helmut Kohl” bekommt dem Land und einem erheblichen Teil seiner Bevölkerung dagegen nachweislich nicht; mögen Manche auch noch so viel in das hohle Orakel und Aussitzwunder von Berlin hineininterpretieren. Da mein frommer Wunsch leider nur ein schöner Traum und frommer Wunsch ist und bleiben wird, schließe ich mit Heinrich HeineDenk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Daran ändert auch die “alte Frau” nichts, die im Gegensatz zu Heines Mutter, längst verstorben ist.