Hundert Jahre Erster Weltkrieg und die deutsche Kriegsschuld-Frage

Dieser Tage erinnert sich Europa, erinnern sich seine zahlreichen Mitgliedsstaaten, erinnert sich die Welt an den Ausbruch des sogenannten Ersten Weltkriegs.

Doch bereits das Datum des Kriegsausbruchs variiert von Land zu Land. Irgendwann zwischen dem 28. Juli 1914 und dem 04. August 1914 „beteiligten“ sich fast sämtliche Kriegsteilnehmer – abgesehen von den Vereinigten Staaten, die erst 1917 von ihrer passiven Unterstützung Englands, sowie dessen Alliierten, in die aktive Kriegsteilnahme.

Ebenso, wie seit 100 Jahren, mehr oder weniger erbittert, um die Deutungshoheit über die entscheidende Frage nach der Kriegsschuld gestritten wird, wird die Frage der Terminologie diskutiert.

War der Erste Weltkrieg überhaupt der erste?

Es hat sich zwar eingebürgert, vom Ersten und Zweiten Weltkrieg zu sprechen, dennoch wird gleichzeitig in Historikerkreisen diskutiert, ob denn nicht bereits der Dreißigjährige Krieg das Kriterium für einen „Weltkrieg“ erfüllt. Immerhin waren, durch ihre Abhängigkeit, damalige Kolonien rund um den Globus durchaus in das weitgehend, auf Europa beschränkte, Kriegsgeschehen involviert. Mehr noch, als der Dreißigjährige hat jedoch der sogenannte Siebenjährige Krieg mit seinen Folgekriegen das Zeug, als „echter“ Weltkrieg bezeichnet zu werden – immerhin war über die europäischen Kriegsmächte England und Frankreich Nordamerika als Kriegsschauplatz aktiv involviert.

Je nach Definition und Zählweise hätten wir es also bereits mit Weltkrieg eins und zwei zu tun gehabt, bevor 1914 der dritte, weltweite Krieg ausbrach.

Es gibt noch eine andere Betrachtungsweise. So sprechen bestimmte Historiker auch vom zweiten Dreißigjährigen Krieg, wenn sie die Zeitspanne zwischen 1914 und 1945, mithin 31 Jahre, als ein zusammengehöriges Ereignis betrachten. Diese Betrachtungsweise hat durchaus seine Berechtigung, schließlich ist der Zweite Weltkrieg ohne die Ereignisse des Ersten kaum vorstellbar. Dass der Zweite Weltkrieg aus seinem Vorläufer, dem Ersten erwachsen ist, bzw. den Großteil seiner Ursachen in den Ereignissen ab 1914 zu suchen sind, dürfte nahezu unstrittig sein.

Wenn es jedoch bereits über die Frage hinsichtlich der überregionalen, ja weltweiten Gewichtung der erwähnten Kriege Interpretations- bzw. Definitionsbedarf gibt, wie ungleich diskussionswürdiger erscheint die Frage der Kriegsschuld?

Die Frage der Kriegsschuld

Wie erwähnt, wird die Frage nach der Schuld, der Verursachung oder dem Verursacher jener Krise, die schließlich, im Sommer 1914, zu jenen verhängnisvollen Ereignissen führte, die in jenen schrecklichen Geschehnissen und blindwütigem Morden mündeten, welches wir gemeinhin als Ersten Weltkrieg bezeichnen;  seit einhundert Jahren kontrovers geführt, und dementsprechend, nach wie vor, höchst unterschiedlich interpretiert und gewertet.

Wie kaum anders möglich, befeuert die hundertste Wiederkehr dieses schrecklichen Ereignisses, des Beginns des Krieges und des Mordens, die Rückbesinnung, wie die Neubelebung der Diskussion.

Erst jüngst, während des letzten Jahres, hat die Debatte eine neuerliche Intensivierung durch ein Buch des in Großbritannien lehrenden Historikers Christopher Clark, “The Sleepwalkers“, sowie durch das Buch des deutschen Historiker Herfried Münkler “Der Große Krieg”, erfahren.

Wir sprechen in diesem Zusammenhang zwar vorwiegend bzw. vordergründig über die deutsche Sicht der Dinge, doch ist diese kaum losgelöst von entsprechenden Debatten anderer Länder, vornehmlich anderer Kriegsteilnehmer, zu betrachten.

Die Kriegsschuldfrage stellt, bezogen auf Deutschland, so etwas wie ein nationales Trauma dar. Schließlich war Deutschland, waren seine politischen Vertreter – es waren die Repräsentanten der jungen Weimarer Republik – durch den Gang der Ereignisse, die bedingungslose Kapitulation des kaiserlichen Deutschlands gezwungen, im Friedensvertrag von Versailles, als Vorbedingung für den Frieden etwas Einmaliges, Ungeheuerliches zu akzeptieren: um Frieden zu bekommen, mußte Deutschland den bisherigen Kriegsgegnern und nunmehrigen Siegern schriftlich seine ausschließliche und alleinige Kriegsschuld bestätigen.

Nicht ohne gewichtigen Grund sieht die Mehrzahl der Historiker inzwischen in dieser Form eines, von den Siegern diktierten Friedens, eine der Ursachen für den späteren Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Schließlich war es Hitlers erklärtes Ziel, die Schande des erzwungenen Friedens von Versailles zu tilgen, zu revidieren.

Deutschland hat damit, mit Unterzeichnung des Friedensvertrags von Versailles, im Jahr 1919 schriftlich die ausschließliche, alleinige Kriegsschuld übernommen. Insofern bliebe, rein formal eigentlich gar keine Basis für die seitdem immer wieder aufgeflammte, nunmehr erneut, teils hitzig geführte Debatte über die Frage der Kriegsschuld.

Dass noch immer, und immer wieder, darüber diskutiert wird, inzwischen von den genannten Historikern befeuert, in der Form, dass beide erhebliche Zweifel an der alleinigen Kriegsschuld der Deutschen formulieren, hängt mit der doppelten moralischen Belastung der Deutschen zusammen. Schließlich müssen wir, als heutige Deutsche, noch immer damit leben, offiziell nicht nur für den Ausbruch und die Gräuel des Ersten Weltkriegs ALLEIN“ verantwortlich zu sein, sondern ebenso für den Holocaust, den Zweiten Weltkrieg und dessen entsetzliche Folgen für Europa und Teile der Welt.

Insofern erscheint es verständlich, wenn sich Teile der deutschen Bevölkerung, unterstützt und gefördert von der meinungsbildenden Presse, erfreut und entlastet zeigen, zumindest von der schweren Last der alleinigen Schuld und Verantwortung entlastet zu werden.

Doch diese Diskussion greift meines Erachtens zu kurz und bietet Gegnern dieser Thesen im In- wie Ausland unnötige Munition, um die teilweise belegbaren und richtigen Thesen anzugreifen und zu diskreditieren. Die Diskussion ist zu eng fokussiert auf die deutsche, englische und französische Sicht.

Da wir es mit einem weltumspannenden Krieg zu tun hatten, sind natürlich weit mehr Kontrahenten und somit Meinungen und Argumentationsketten involviert, als die Einengung der Diskussion auf Deutschland und England suggeriert.

So kann die interessierte Öffentlichkeit, sicher nicht grundlos irritiert, aktuell wahrnehmen, dass dasjenige Land, welches der ursächliche Auslöser für den Ersten Weltkrieg war, Serbien, dass ausgerechnet dieses Land, nach all dem, was in seinem Namen während der letzten 25 Jahre auf dem Balkan an Kriegen und Verbrechen ablief, das ausgerechnet dieses Land sich hundert Jahre später hinstellt, den damaligen Attentäter als Volkshelden feiert und zu allem Überfluss mit einem Denkmal, einem nationalen Monument ehrt.

Es wäre daher hilfreich, nicht nur nach Be- oder Entlastendem zu suchen, das für oder gegen die deutsche Kriegsschuld spricht, sondern sich ebenfalls die Dokumente und Quellen der anderen Länder um das Jahr 1914 anzusehen.

Es geht dabei nicht darum, den deutschen Anteil am Ausbruch, sowie seine rabiate, unverantwortliche Kriegsführung klein zu reden oder nachträglich gut zu heißen; doch es kann ebenso wenig darum gehen, alles immer nur und wieder auf die Frage zu verengen: waren die Deutschen allein schuld am Krieg, oder nicht.

Denn so, wie die zahlreichen ausgewerteten Unterlagen der Archive deutlich machen, dass die Führung des Deutschen Reiches einen Krieg wollte, ja suchte, um beispielsweise die deutsche Position innerhalb Europas zu festigen, sowie sich als gleichberechtigte Kolonialmacht  neben England und Frankreich zu etablieren, darf man nicht aus den Augen verlieren, dass nahezu sämtliche Kriegsbeteiligten bereits vor Kriegsausbruch ihre eigenen „Kriegsziele“ verfolgten. Eigeninteressen, die sich nur mittels einer kriegerischen, aggressiven Politik, ja Krieg, auf Kosten Anderer durchsetzen ließ. 

So ist erwiesen, dass Frankreich seine Revanche für die, als schmerzhaft empfundene Niederlage  von  1871 suchte und wollte, sowie  Elsass-Lothringen zurückerobern suchte. Darüber hinaus wollte es die, durch den verlorenen Deutsch-Französischen  Krieg bedingte, Vormachtstellung des Deutschen Reiches beseitigen, um an die französische Hegemonie in Europa anzuknüpfen, welche das Land über Jahrhunderte innegehabt hatte. Außerhalb Europas gab es diverse Konfliktherde gegenüber England.

Wie sehr Frankreich seine Revanche suchte und, als es sie bekam, schamlos nutzte, machen die unschönen Umstände der Verhandlungen in Versailles, das Pochen auf dem deutschen Eingeständnis alleiniger Kriegsschuld, sowie die Besetzung großer Teile Deutschlands, wie die gnadenlosen, völlig überzogenen Reparationszahlungen deutlich, die vornehmlich Frankreich dem Deutschen Reich aufzwang.

Russland konzentrierte seine Interessen  auf den Balkan. Dadurch kam es, in Folge der Unterstützung Serbiens, sowohl zu starken Spannungen mit Österreich-Ungarn, als mit dem Osmanischen Reich (Türkei). Russland erhoffte durch einen Krieg nicht mehr und nicht weniger, als die Eroberung Konstantinopels und der Meerengen zwischen  Ägäis  und Schwarzem  Meer.  Die russischen Expansionspläne umfassten auch Galizien und das deutsche Ostpreußen. Auch sollte nicht unterschätzt werden, dass der Zar um sein politisches Überleben, wie das seiner Dynastie kämpfte, und deshalb den Krieg unbändig suchte.

Das russische Verhalten vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs, die innenpolitische Situation, Vieles erinnert auf erschreckende Weise an die aktuellen Ereignisse und das russische Vorgehen in der Ukraine.

Es ist daher ganz sicher nicht unberechtigt, von einer Mitschuld Russlands am Zustandekommen einer Situation aktiv und aggressiv beigetragen zu haben, die in den Ausbruch des Ersten Weltkriegs mündete. 

Man stelle sich bloß vor, die damalige russische Regierung hätte mäßigend auf Serbien eingewirkt. Oder der Zar hätte nicht einer auswärtigen Bedrohung bedurft – ähnlich wie heute Putin – um die gegen sich und sein Regime gerichteten Kräfte auf einen äußeren Feind umzuleiten.

So aber, dank russischer Unterstützung, ja Ermunterung, verfolgte Serbien  die Idee der Vereinigung aller Südslawen, d.h. ein Großserbien unter serbischer Hoheit. Nicht nur, dass die serbische Kriegsproklamation vom 4. August 1914 die Vereinigung aller Serben, Kroaten und Slowenen unter serbischer Oberhoheit als Kriegsziel benannte; die Geschichte am Ende des 20. Jahrhunderts in Serbien und auf dem Balkan zeigt, wie wirkungsmächtig dieses Kriegsziel über Generationen blieb!

Niemand kann sagen, wie anders die Balkankrise der 90er Jahre verlaufen wäre, wäre Russland damals nicht geschwächt und mit sich selbst beschäftigt gewesen. Unter heutigen Vorzeichen, mit einem aggressiven, von nationalem Pathos durchdrungenen Putin, würde das Ganze vermutlich zu Gunsten Serbiens ausgehen. Ob, angesichts eines säbelrasselnden Putins, Deutschland an der Seite seiner Alliierten erneut, wie damals, militärisch eingreifen würde, ist mehr als fraglich.

Großbritannien wollte sich durch einen Krieg der wachsenden Wirtschaftskraft Deutschlands entledigen, und deshalb die starke deutsche Flotte (vornehmlich dessen Handelsflotte) ausschalten. Mit der Invasion in Belgien lieferte Deutschland den Engländern den offiziellen Grund wie auf einem silbernen Tablett. Neben dem vorgeschobene Ziel Englands, der Befreiung Belgiens, trat die Formel von der „Zerschlagung des preußischen Militarismus“, angeblich zur Wahrung des europäischen Gleichgewichts, im Grunde genommen, weil sich England wirtschaftlich bedroht fühlte und seine europäischen Absatzmärkte schwinden sah. Anders als seine Verbündeten verfolgte England allerdings keine direkten territorialen Eroberungen auf dem Kontinent, allerdings sollten seine Interessen gegenüber Frankreich, Russland und den anderen Verbündeten gewahrt bleiben, im Klartext: die Annexion deutscher und türkischer Besitzungen in Afrika und Vorderasien. Dieses Kriegsziel setzte England nach Kriegsende erfolgreich und eins zu eins in die Tat um. 

Wie angesichts dieser erwiesenen Tatsachen ernsthaft eine alleinige Kriegsschuld Deutschlands diskutiert werden kann, ist eine der unbeantworteten Fragen dieser endlosen Debatte.

Italien betrieb bereits seit Jahrzehnten eine expansionistische Politik, die auf italienisch besiedelte Gebiete des österreichisch-ungarischen Staates zielte. Erst russisches Einlenken in der Frage der Einverleibung slawischer Gebiete an der Adria durch Italien machten den italienischen Frontwechsel am 23. Mai 1915, sowie die Kriegserklärung an Österreich-Ungarn, möglich.

Bulgarien erstrebte die Annexion Makedoniens. Nachdem die Mittelmächte (Deutschland/Österreich-Ungarn) Bulgarien 1915 Makedonien zusicherten, trat Bulgarien am 14. Oktober 1915 auf ihrer Seite in den Krieg ein. 

Rumäniens wollte Siebenbürgen, die Bukowina und das Banat annektieren. Nachdem die Alliierten Rumänien diese Gebiete zusicherten trat Rumänien daraufhin am 27. August 1916 in den Krieg ein. Wie die Geschichte zeigt, bekam Rumänien aus der Konkursmasse Österreich-Ungarns seine Kriegsbeute.

Nur weil Rumänien auf der Seite der späteren Siegermächte Krieg führte, verniedlichen sich seine kriegerischen Ambitionen, die nicht erst nach Ausbruch des Krieges 1914 entstanden, in keinster Weise. Sie zeigen an einem weiteren traurigen Beispiel, dass mitnichten Deutschland, das kaiserlich-preußische Reich allein, Gründe, aggressive Gründe hatte, eine kriegerische Auseinandersetzung zu suchen. Das soll den Anteil der Deutschen am Zustandekommen des Ersten Weltkriegs nicht klein reden, soll jedoch zeigen, dass es, bis hin zu den kleineren Staaten Europas ein Gelüst nach einer kriegerischen Auseinandersetzung gab, anlässlich der man hoffte, die Ziele der eigenen aggressiven, weil gegen andere Länder und souveräne Staaten gerichteten Politik erreichen zu können.

Fazit

Aus unserer Sicht kumuliert daher die alles beherrschende Frage nach der Schuld, dem Verursacher, den Ursachen für den Beginn des schrecklichen Krieges, der sich zu einem Weltbrand auswuchs, in der Feststellung, dass Deutschland allein nicht für diesen Krieg verantwortlich ist, nicht sein kann.

Jedes einzelne der angeführten kriegerischen Begehrnisse hätte für sich allein genommen ausgereicht, das bedrohlich gefüllte Pulverfass zur Explosion zu bringen. 

Der tatsächliche deutsche Fehler und schwerwiegendste Teil seiner Verantwortung für den Ausbruch des Krieges bestand darin, Österreich-Ungarn blind zu unterstützen, sowie der Fehleinschätzung der eigenen kriegerischen Möglichkeiten. Das zweifelhafte, missliche „Verdienst“ Deutschlands bleibt daher, so dumm gewesen zu sein, den „Dummen“, den bösen Buben für alle Anderen gegeben zu haben. 

Es ist müßig anlässlich derartiger geschichtlicher Ereignisse über ein „was wäre wenn“ zu diskutieren. Deutschland tat, angesichts einer falschen, überheblichen Führung eine Reihe falscher Schritte, setzte auf kriegerische Aggression zur Durchsetzung seiner vermeintlich richtigen Ziele. Insofern hat Deutschland Schuld auf sich geladen. Das ist nicht weg zu diskutieren, und sollte es auch nicht.

Doch Deutschland war seinerzeit nicht allein. Auch seine späteren Verbündeten, wie seine Kriegsgegner waren vereint in der irrigen, fatalen Annahme, die teilweise explosive Situation in Europa, wie in der Welt, sei durch einen kurzen, beherrschbaren Krieg zu entscheiden. 

Nicht nur Deutschland dachte und handelte aggressiv; auch die angeführten Länder wünschten sich auf Kosten anderer Länder einseitige Vorteile zu verschaffen. Dass dies nicht aufgeht, sondern dass Gewalt Gegengewalt erzeugt, ist eine Binsenweisheit.

Insofern bleibt aus unserer Sicht festzuhalten: mehrere Hände zündelten an einer bereits lange gelegten Lunte. Alle Länder haben Schuld auf sich geladen. Nicht nur durch ihre gewollte oder erzwungene Kriegsteilnahme, sondern auch und gerade, weil ihre Politik Ziele formulierte und verfolgte, die auf dem klassischen Verhandlungsweg nicht erreichbar waren. Insofern setzten die genannten Länder, also neben Deutschland, England, Russland, Frankreich, Österreich-Ungarn, Italien, Serbien, Bulgarin und Rumänin, um nur einige zu nennen, stillschweigend auf Aggression und Krieg. Es wäre müßig und kleinlich, zu versuchen, den Anteil der einzelnen Ländern prozentual berechnen zu wollen. Doch dass Deutschland nicht allein und ausschließlich für dieses erste weltweite Inferno verantwortlich – Schuld – ist, sollte anerkannt werden. 

Das soll den Anteil Deutschlands – er ist gewaltig – nicht weg diskutieren, oder schmälern, aber verdeutlichen, dass auch andere Kräfte am Werk waren, die ebenso wie Deutschland bewusst Krieg in Kauf nahmen, um ihre Eigeninteressen durchzusetzen – auf Kosten anderer.

Wenn es eine Lehre aus dem Geschehenen gibt, so die, dass es stets angemessener und besser ist, selbst in scheinbar völlig verfahrenen Situationen, wie der Krise um die Ukraine oder im israelisch-palästinensischen Konflikt, zu verhandeln und den Konflikt friedlich zu lösen. Kriege haben noch nie einen Konflikt gelöst. Statt dessen legen sie den Grund für weitere, neue Auseinandersetzungen, wie die Geschichte des Ersten zum Zweiten Weltkrieg eindrucksvoll zeigt.

Das Unrecht, das der Ausgang des ersten Krieges schuf, legte die Basis für den zweiten.

Obwohl nach Ende des zweiten Krieges nicht sämtliche früher gemachten Fehler wiederholt wurden, wurden entsetzliche, neue begangen. Was 1945 scheinbar zu einem Abschluss kam, wurde erst 1989/90 überwiegend revidiert. Doch sämtliche damals nicht gelösten Fragen und Probleme wirken in der Gegenwart fort: der oder die Kriege auf dem Balkan, die Probleme zwischen Türken und Griechen, die Probleme zwischen Rumänien und Ungarn, die zwischen Polen und Russland, zwischen Russland und den baltischen Ländern, die zwischen der Ukraine und Russland, die zwischen Georgien und Russland, die zwischen Moldawien und Russland.

Dass in der Auflistung der unerledigten, ungelösten Probleme der Name Russlands so häufig auftaucht, sollte stutzig machen, und einiges erklären. Denn 1989/90 wurde zwar Vieles neu geregelt, aber Manches auch nicht. Das rächt sich heute, u.a. durch die ungelösten Konflikte in Georgien, Moldawien und der Ukraine. Doch wir haben noch weitere Länder, und damit ungelöste Probleme erwähnt.

Jederzeit können die Konflikte zwischen Polen, den baltischen Ländern und Russland eskalieren. Ob die einseitig erfolgten Änderungen, sprich die Aufnahme in die EU, sowie die Nato das Konfliktpotential verringert oder gar erweitert haben, wird sich zeigen.

Versucht man, die Situation von vor hundert Jahren mit der von heute zu vergleichen, fällt so viel auf: das Pulverfass existiert noch immer. Es sind nach wie vor zahlreiche Lunten vorhanden, sowie das Potential, dort fortzufahren, wo man 1918 und 1945 aufhörte. 

Es ist für einen Gegenwärtigen schwierig, zu entscheiden, welche Seite im Augenblick mehr zur Eskalation oder zur Befriedung beiträgt. Häufig ermöglicht erst der rückwärts gerichtete Blick, der zeitliche Abstand, Dinge unbefangener zu betrachten.

Obwohl sich augenblicklich das Russland Putins als Aggressor präsentiert, das mit untauglichen Mitteln versucht, seine vermeintlichen Interessen  durchzusetzen, während die westlichen und östlichen Länder Verhandlungsbereitschaft signalisieren, bleibt die Frage, in welchen Fragen, an welchen Wegmarken zwischen 1990 und heute, wurden die offenbar gravierenden Fehler gemacht, die dazu führen, dass die Situation eskaliert, und just zum hundertjährigen Jubiläum die Wiederkehr eines weltumspannenden Krieges neuerlich möglich erscheint.

Offenbar fühlt sich Russland und seine Führung von der, in ihren Augen, Überzahl an Kontrahenten übervorteilt, an den Rand gedrängt, nicht als gleichberechtigt und ernst genommen.

Ob dieses russische Empfinden auf Tatsachen und erfolgten Kränkungen beruht, kann mangels verifizierbarer Unterlagen nicht beurteilt werden. Mag sein, dass die USA und die westlichen Länder in einer Phase der Überheblichkeit überzogen haben, versuchten, sich einseitig Vorteile zu verschaffen.

Dass kriegerische Reaktion, wie zuletzt auf der Krim, und nun in Teilen der Ukraine geschehen, keine Basis für die Lösung der Probleme darstellen, sollte auch und gerade Russland und seine Führung beim Blick zurück erkennen und handelnd berücksichtigen.