Angst essen Seele auf

Vor etwas mehr als 40 Jahren, im Jahr 1974, drehte R.W. Fassbinder das Melodram, „Angst essen Seele auf“. Der Film zählt zu seinen Meisterwerken, eventuell ist er der beste seiner zahlreichen Filme.

Nun, in der zweiten Hälfte des Juni 2015, dreieinhalb Monate, nachdem die Troika, die mit Rücksicht auf die Griechen nun „Institutionen“ genannt werden, der neuen Protestregierung in Athen die zweite Verlängerung des eigentlich bereits vor über einem halben Jahr ausgelaufenen Hilfsprogramms – es ist das zweite und umfasst, je nach Interpretation 240 Milliarden, 320 Milliarden oder, nimmt man das mittlerweile exorbitante Engagement der EZB, als Teil der Troika, dazu, so darf man getrost von rund 420 Milliarden Euro sprechen, die inzwischen im griechischen Euroloch verschwunden sind.

Trotz des, mit einer zweistelligen Anzahl zusätzlicher Milliarden (Banken-Notfallhilfe, Zinsstreckung etc.) zwischen Februar und Juni 2015 gesponserten Zeitaufschubs, trotz einer endlosen Zahl von Treffen, Verhandlungen, Gipfeltreffen, trotz sehr weitreichender Kompromisse seitens der Gläubiger gegenüber der extrem links-rechtsnationalen Regierung in Athen, stehen wir nicht nur exakt wieder dort, wo alles nach der Wahl der radikalen Griechen Enge Januar 2015 begann; es ist inzwischen bedeutend schlimmer geworden.

Inzwischen übergießen die Steinzeit-Kommunisten und Ultrarechtsnationalen aus Griehenland mit einer unflätigen Flut von Beleidigungen, Drohungen, Untergangsprophezeihungen und einer schier nicht zu überbietenden Impertinenz nicht nur die Troika, sondern beleidigen und beschimpfen, verunglimpfen reihenweise Spitzenpolitiker von EU wie aus deren Mitgliedsländern.

Es ist inzwischen ein Tiefpunkt erreicht, den ich mir vor wenigen Wochen nicht hätte in meinen schlimmsten Albträumen vorstellen können. Jedwede Form von Höflichkeit, Diplomatie wird von den Ultras aus Athen verhöhnt; sie spielen mit dem verwerflichen Instrument nationalistischen Aufputschs; sie schüren Angst, Unsicherheit, ja Hass und Unverständnis innerhalb der Europäischen Union – nur, um auf Teufel komm raus ein panisches Einlenken ihrer Partner zu erzwingen.

Dabei sind ihnen nicht nur die tatsächlichen Bedürfnisse der eigenen, der griechischen Bevölkerung vollkommen gleichgültig; sie trampeln ebenso auf den Bedürfnissen und Befindlichkeiten fast sämtlicher anderer EU Länder und deren Bevölkerungen herum, wohl wissend, dass es genau diese Menschen sind, die in einer bisher einmaligen Solidarität für Griechenland und dessen Einwohner bezahlt und gebürgt haben. Bereits am 28.03.2015 schrieb ich in meinem Blog: „Mit Selbstmördern lässt sich nicht rational verhandeln. Und für mich verhalten sich die halbstarken Laien aus Athen wie Selbstmörder. Das Tragische: sie haben nicht bloß 149 Passagiere als Geiseln, sie zocken mit dem Schicksal des griechischen Volkes ebenso unbekümmert, wie mit dem der restlichen EU Länder.

Selten sind Politiker in der Geschichte, speziell binnen der letzten einhundert Jahre, so grausam und größenwahnsinnig mit den tatsächlichen Bedürfnissen und Befindlichkeiten ihrer Bevölkerung umgesprungen, wie die Ultras aus Linken und Rechten in Athen.

Während sie vorgeben, einen Wählerauftrag zu haben, den sie angeblich bis zum eigenen Tod umsetzen wollen, haben sie tatsächlich längst das griechische Volk in Geiselhaft genommen. Wie sonst erklärt sich, dass knapp 70% der Griechen ein Einlenken, einen erneuerten Vertrag mit der Troika wünschen, selbst, wenn dies die Fortsetzung der ungeliebten Sparpolitik bedeutet; während die Brandstifter von Athen, Tsipras und Varoufakis, fast minütlich Benzin und andere Brandbeschleuniger ins Feuer schütten, und alles in ihrer Macht stehende daran setzen, den Wunsch und Willen ihrer Wählerschaft sowie der Mehrheit des griechischen Volkes umzusetzen: endlich einen Vertrag mit der Troika abzuschließen, um einen Grexit zu verhindern.

Man fühlt sich als Deutscher bei diesem tragisch wie makaberen Szenario unwillkürlich an die letzten Tage der Nazis im eingekesselten Berlin erinnert. Blindwütig und unbarmherzig für die Bedürfnisse und Leiden seines Volkes, riss der gescheiterte Diktator tausende weitere Tote mit in den Abgrund.

Die Volkstribune von Athen scheinen nicht nur ihr eigenes Volk, sondern sehr gezielt und bewusst ganz Europa mit in den von ihnen inszenierten Abgrund reißen zu wollen.

Angst essen Seele auf. Nicht nur die zahlreicher Griechen, sondern inzwischen auch zahlreicher Menschen in anderen europäischen Ländern. Doch die Kamizakehelden von Athen, Tsipras und Varoufakis, zielen nicht so sehr auf die einfachen Menschen, für deren vermeintliche Bedürfnisse sie vorgeben zu handeln: sie zielen auf die Angst in den Seelen der europäischen Spitzenpolitiker.

Der Grund, weshalb sie ihre Weltuntergangsszenarien inszenieren, liegt darin, dass sie eine ganz bestimmte Person an den Verhandlungstisch bekommen wollen: Angela Merkel, die deutsche Bundeskanzlerin. Denn sie scheinen diese über Jahre studiert zu haben und kennen ihre Schwächen. Eine, wenn nicht die größte Schwäche der Kanzlerin ist, sich nicht entscheiden zu können. Lieber versucht sie Probleme auszusitzen. Falls dies, wie nun, im Fall Griechenlands und seiner übergeschnappten Regierung, nicht möglich ist, tendiert Frau Merkel dazu, faule Kompromisse einzugehen. Zuletzt war dies in den unsäglichen Verhandlungen mit Russlands Diktator Putin in Minsk zu bewundern. Trotz eines Verhandlungsmarathons ließ sich Frau Merkel samt ihrem Kopiloten Hollande von Putin gepflegt über den Tisch ziehen. Nicht nur, dass die von Moskau aufgebotenen Rebellen trotz vertrag erst noch eine weitere Stadt eroberten; der vertrag ist das Papier, auf dem er geschrieben steht nicht wert. Es wird unbekümmert weiter geschossen, jüngst sind sogar neue, breit angelegte Bodenoffensiven – immer unter dem Deckmantel des schlecht verhandelten Vertrags – zu beobachten.

Genau hierauf spekulieren Tsipras und sein Mephisto Varoufakis: in einem Augenblick, Sekunden vor oder nach 12 Uhr, allein an einem Tisch mit Frau Merkel, deren Seele längst von lauter Angst zerfressen ist. Sie wird dem Druck der Situation ebenso wenig widerstehen können, wie seinerzeit in Minsk. Vermutlich wird sie paralysiert den sie bedrängenden beiden Schurken alle Wünsche erfüllen, nur um den Tisch verlassen zu können, und sich ihrer Angst allein widmen zu können.

Statt die unzähligen Regelverstöße aus Athen klar, unmissverständlich und ohne Zögern zu parieren, lassen es Merkel, Juncker und Co. zu, dass die von den Verblendern aus Athen geschürten Ängste, die künstlich – als potemkinsches Dorf errichtete Panikkulisse – eines Ausscheidens Griechenlands aus dem Euro, so mächtig an ihren Seelen nagt, dass sie, so sie sich auf den Showdown mit den griechischen Hassadeuren einlassen, sie, und damit die gesamte Europäische Union gewaltig über den Tisch gezogen wird.

Bei klarer Analyse der Situation muss Jedem, auch und gerade unsere Spitzenpolitikern klar sein: mit Griechenland, speziell mit diesen ideologisch verblendeten Heilsbringern, können die effektiv erforderlichen Veränderungen der griechischen Gesellschaft und des griechischen Staates nicht umgesetzt werden.

Das weitere Kaufen von Zeit, weitere sinnlos versandete Hilfsmilliarden werden die grundsätzlichen, gesellschaftlichen Probleme der griechischen Gesellschaft, die über Jahrhunderte aufgebaut und kultiviert wurden, nicht verändern.

Daher besteht die einzig – für beide Seiten –  sinnvolle Lösung darin, getrennter Wege zu gehen. Dass dies für Merkel und Co. bedeutet, eingestehen zu müssen, im Falle Deutschlands rund 90 Milliarden versenkt zu haben, ist schmerzhaft, aber auf Dauer billiger und vor allen Dingen sinnvoller, als weiter herumzudoktern, an einem Patienten, der für seine Krankheit den Arzt verantwortlich macht, und nicht seinen eigenen Lebenswandel.

Meine Angst – sie ist nicht so groß, dass sie meine Seele isst – besteht in der angedeuteten Furcht, dass unsere Spitzenpolitiker, allen voran Kanzlerin Merkel, den penetranten Ideologen aus Athen nicht gewachsen sind, und sich aus Angst vor den sicher nicht einfachen Konsequenzen, gewaltig über den Tisch ziehen lassen.

Die Auswirkungen und Folgen, derartiges Verhalten zu belohnen, ein nicht reformierbares Land im Euro behalten zu wollen, wird die wesentlich bedrohlichere Alternative sein. Denn welches andere EU Mitglied wird sich künftig noch an irgendwelche Verträge und Vereinbarungen halten? Wer wird noch Solidarität üben? Ein Nachgeben in dieser Situation, gegenüber solchen Gesprächspartnern – sie sind keine Partner – wäre das tatsächliche Ende von Europa, der europäischen Union und des Euro.

Ich bin und war immer ein Gegner des Euro, aber ich bin ein überzeugter Europäer. Doch den Euro und die europäische Idee, ihre verbliebenen, wenigen Ideale aufzugeben für ein paar verblendete Ideologen, wird der wahre Todesstoß für Europa sein.

Es bedarf eines klaren Entscheids: so lässt die Gemeinschaft aus 18 bzw. 28 Staaten nicht mit sich umspringen. Wer die elementaren Prinzipien der Gemeinschaft nicht akzeptiert, sie verbal mit Füßen tritt, der hat innerhalb dieser Wertegemeinschaft nichts mehr zu suchen.

Ich kann nur inständig hoffen, dass die Angst vor den sicher nicht einfachen Folgen eines Grexits unseren Politikern, ganz speziell der größten Zauderin und Kompromisseingeherin, Frau Merkel, nicht die Seele aufisst.

Überlasst die Griechen sich selbst und ihren Problemen. Wenn es so weit ist, dass sie aus eigenem Antrieb erkennen, Probleme zu haben, und ernsthaft nach Lösungen suchen, sollte es kein Problem sein, ihnen mit Rat und Tat zu helfen. Doch ihnen eine Hilfe aufzudrängen, die sie nicht wollen, sollten wir unterlassen. Das impliziert allerdings auch, dass wir Griechenland nicht länger alimentieren.

Ich wünsche allen Entscheidungsträgern einen klaren, kühlen Kopf, und hoffe, dass Angst die Seele nicht frisst, denn Angst ist kein guter Ratgeber.

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